Darkstars Fantasy News


24. Februar 2008

Lynn Flewelling Interview

Category: Interviews – Darkstar – 15:00

Shadows Return (US-Cover)Lynn Flewelling war für mich seinerzeit eher eine Zufallsentdeckung. Über ihren ersten Roman bin ich eher zufällig gestolpert, als er 1998 bei Bastei-Lübbe unter dem Titel Das Licht in den Schatten hierzulande erstveröffentlicht wurde. Nach Durchlesen des Klappentextes hätte ich den Roman sogar beinahe nicht gekauft. Es war jedoch der Tipp des Buchhändlers meines Vertrauens („… wirklich lohnenswerte Lektüre, obwohl der Hauptprotagonist nun … äh … schwul zu sein scheint“) der mich dazu bewegt hat, zuzugreifen und in Null-Komma-Nichts hatte mich Lynn Flewelling am Haken.

Zu meiner absoluten Lieblingsautorin wurde sie jedoch durch den unschlagbar guten Fantasy-Roman The Bone Doll’s Twin – bis heute der beste charakterorientierte Fantasy-Roman, den ich jemals gelesen habe.

Lynn zählt zu den wenigen Autoren, von der ich alle Bücher ausnahmslos gelungen fand und deren Werke auch meine Mutter alle gelesen hat. Aus diesem Grund freut es mich besonders, dass sie sofort dazu bereit war, mir für diese Seite ein sehr ausführliches Interview zu geben und sogar noch das Cover-Bild für ihren neuen Roman mitzuschicken, damit ich ihn hier posten kann – und das obwohl zu diesem Zeitpunkt diese Seite noch gar nicht existierte.

Unter „weiterlesen“ findet ihr jetzt das Interview in ganzer Länge. Den englischen Originaltext werde ich übrigens ebenfalls in Kürze hier posten – das für all diejenigen, die es ganz genau wissen wollen.

 

Lynn Flewelling Interview

 

Du hast eine große Fangemeinde in Deutschland. Deshalb diese Frage gleich zuerst: Hast du Pläne, Deutschland zu besuchen um deine Bücher zu promoten – oder einfach zum Spaß?<!–[if !supportEmptyParas]–>Ich würde sehr gern! Ich war 1980 mal kurz da. Bayern ist wunderschön! Was eine Promo-Tour zu meinen Büchern angeht, das liegt ganz in den Händen meines Verlegers und ob sie mich zu einer Convention einladen würden – anders gesagt “Ich bin auf jemanden angewiesen, der mir den Flug zahlt.” Aber ich liebe es zu Reisen und ich würde definitv kommen.

Nebenbei bemerkt, der Otherworld Verlag hat gerade die Rechte an der Tamír-Trilogie erworben, so dass bald alle drei Bücher auf Deutsch erhältlich sein werden.

 

Zur Zeit arbeitest du an einem weiteren Nightrunner-Roman (Schattengilde). Ich kann mir vorstellen, du darfst zu diesem Zeitpunkt nicht zu viel verraten, aber vielleicht kannst du uns erzählen, warum du dich dazu entschlossen hast, dieses familiäre Setting wiederzubesuchen. Und wie fühlst du dich dabei, einen weiteren Alec & Seregil-Roman zu schreiben?Ich habe immer geplant, zu dieser Serie zurückzukehren, aber ich habe gewartet, bis ich eine wirklich gute Story zu erzählen hatte. Ich liebe diese Figuren und diese Welt und möchte mich nicht so hetzen, dass dabei schlechte Bücher herauskommen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich – nach meiner Pause durch die Tamír Trilogie – mir “meinen Weg zurück in diese Welt schreiben musste”. Als ich jedoch angefangen habe, war alles wieder da. Shadows Return<!–[if !supportEmptyParas]–> zu schreiben war eine wunderbare Erfahrung, so ähnlich wie wieder Zeit mit alten Freunden zu verbringen.<!–[endif]–>

Mein Herausgeber hat mir inzwischen das Umschlagsbild geschickt – es ist fantastisch! Ich habe es auch in meinem livejournal gepostet: http://otterdance.livejournal.com. Veröffentlicht werden soll das Buch in den USA am 24. Juni 2008. Ich arbeite gerade an der Fortsetzung, zu der es aber bisher noch keinen Titel gibt.

 

Um ein bisschen bei den Nightrunners zu bleiben: Als du “Luck in the Shadows” (dt.: Das Licht in den Schatten) geschrieben hast, wußtest du von Anfang an, dass daraus eine ganze Romanreihe werden würde?Überhaupt nicht! Ich dachte, ich würde einen Einzelband schreiben. Das ursprüngliche Manuskript, für das ich zehn Jahre gebraucht habe, wurde schließlich zu “Luck” und “Stalking Darkness” (dt.: Der Gott der Dunkelheit<!–[if !supportEmptyParas]–>). Dann sagte mein Verleger: “Wir wollen mehr!” Und so wurde die Reihe geboren. <!–[endif]–>

 

Ich weiß du hast gesagt, es wird keinen weiteren Tamír-Roman geben. In einem der Seregil-Romane erfahren wir jedoch, dass Tamír während eines Krieges auf See verschollen war und es lange Zeit dauerte, ehe sie zurückkam und ihre Krone zurückforderte. Das klingt doch nach einem ziemlich genialen Plot. Besteht die Chance – vielleicht innerhalb eines Nightrunner-Romans, dass du uns von diesen Ereignissen mehr erzählst?Wahrscheinlich nicht in den Nightrunner-Romanen, außer es fände sich ein Weg, der dies für die Handlung relevant machen würde. Da ich Dinge einfüge, während ich schreibe, ist es möglich. Drei Bücher über die gleichen Charaktere scheint ein Muster für mich zu sein.

Wenn ich die beiden neuen Nightrunner-Romane geschrieben habe, könnte ich darüber nachdenken, einen weiteres Tamír-Buch zu schreiben, wenn mir eine gute Idee hierzu über den Weg läuft. Wie ich bereits sagte, ich möchte wirklich gute Geschichten schreiben und ich warte so lange, bis sie zu mir kommen.

 

Was ist für dich der Hauptunterschied zwischen den Nightrunner-Büchern und der Tamír-Trilogie? Waren diese Reihen für dich unterschiedliche Schreib-Erfahrungen?

Ja, sehr unterschiedliche. Ich glaube, wir Schriftsteller stecken sehr viel von uns selbst in unsere Werke, in der einen oder anderen Form, und bei diesen beiden Serien ist das auf sehr unterschiedliche Weise zu Tage getreten.Die Nightrunner-Bücher sind viel unbeschwerter, auch wenn sehr dunkle Dinge geschehen. Aber sie sind mehr Abenteuer-orientiert. Für die Tamír-Bücher musste ich sehr viel Tiefer in meine eigene Psyche und meine Vergangenheit eintauchen. Als ich klein war, zum Beispiel, hat mir mein Vater, der keinen Sohn hatte, Jungs-Sachen beigebracht, wie Jagen, Fischen, das Spielen mit Model-Eisenbahnen und ähnliches. Mir haben diese Sachen von Natur aus gut gefallen, so dass ich wohl sehr männlich orientiert war. Aus diesem Grund war ich etwas anders als viele andere Mädchen. Als ich dann erwachsen wurde, mich verliebte und eine Familie bekam, habe ich meine weibliche Seite von ganzem Herzen angenommen, aber ich habe immer noch sowohl männliche als auch weibliche Denkstrukturen. Das ist sehr nützlich für mich, sowohl für mich als Schriftstellerin als auch für mich als menschliches Wesen.Aus diesem Grund hat mich das Konzept der Geschlechtsidentität immer fasziniert. Ich wollte das in einem Fantasy-Setting erkunden und Tamír war die perfekte Figur dafür. Viele Leser betrachten sie als Transgender-Charakter, was für mich auch in Ordnung ist.Andere Elemente – die Geister, Selbstmord, schwierige Beziehungen, Tyrannen – sie sind alle ebenfalls Elemente aus meinem eigenen Leben. Ki selbst ist nach einem Freund aus meiner Kinderzeit geformt. Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit ich zwölf war, aber er war wahrscheinlich meine erste Liebe.Tamír wird bereits in “Luck in the Shadows” (dt.: Das Licht in den Schatten) erwähnt. Wann hast du bemerkt, dass du gern ihre Geschichte erzählen würdest.

Als ich Traitor’s Moon (dt.: “Unter dem Verrätermond”) fertig hatte, war ich wirklich erschöpft und brauchte Veränderung. Ich hatte Tamír als nichts weiter als ein Stückchen Geschichte erfunden, über die sich Seregil auslassen konnte, aber ihr Schicksal drückte sich für Jahre in meinem Hinterkopf herum. Als ich also mit den Nightrunner-Jungs fertig war, sprang sie ins Rampenlicht meiner Gedanken und verlangte Aufmerksamkeit. Ich bin froh, ihr zugehört zu haben. Ich bin sehr stolz auf diese Bücher.

 

Was ist sonst so geplant von der Autorin Lynn Flewelling? Kurzgeschichten oder etwas ähnliches?

Zur Zeit schreibe ich einen fünften Nightrunner-Roman. Danach? Wer weiß?

 

Im Vorwort eines deiner Romane erwähnst du Anne Bishop. Und sie erwähnt dich in einem der ihren. Kennt ihr euch also beide?

Ja, sie ist eine gute Freundin! Vor Jahren hat mir ihr Verleger den ersten Black Jewels-Roman zugeschickt, damit ich eine Empfehlung dazu abgebe. Ich hab’ ihn gemocht und einen guten Kommentar abgegeben. Anne hat mir geschrieben, um mir dafür zu danken und wir sind in Kontakt geblieben. Sie ist eine großartige Brieffreundin. Ein paar Jahre später bin ich nach Buffalo gezogen, wo sie lebt, und wir hatten Gelegenheit, Zeit als Freunde zu verbringen. Jetzt lebe ich in Kalifornien, aber wir eMailen uns immer noch oft und sehen uns auf Conventions.

 

Könntest du dir eine Zusammenarbeit mit ihr (oder jemand anderem) vorstellen oder ist das nicht dein Ding?

LOL! So sehr ich sie liebe und sie als Autorin respektiere: Anne und ich sind beides sehr große Kontrollfreaks mit Unabhängigkeitsdrang, wenn es um das Schreiben geht. Ich glaube, eine Zusammenarbeit würde wahrscheinlich in einem Blutbad enden.

Davon abgesehen habe ich diesen geheimen Traum, eines Tages jemanden zu finden, der sehr gut im Erfinden von Plots ist. Derjenige könnte den Handlungsrahmen einer Geschichte erarbeiten und ich könnte mich auf die Charakterentwicklung, die Dialoge und das Worldbuilding konzentrieren. Das sind meine Lieblingsaspekte beim Geschichtenerzählen.

 

Was glaubst du ist der Grund dafür, dass so viele Fantasyautoren ihre Geschichte als Trilogie erzählen?

Ich gebe J. R. R. Tolkien die Schuld.

 

Zur Zeit scheinen sehr epische Fantasy-Sagas mit zahlreichen Teilen und einer riesigen Anzahl Charaktere sehr “in” zu sein, wie z. B. “A Song of Ice and Fire” (dt.: Ein Lied von Eis und Feuer). Wäre das Schreiben eines solchen Mammutprojekts eine Obtion für dich?

Teilweise tue ich das mit meinen Nightrunner-Büchern. Allerdings ist es auch wieder anders, eine solche Serie mit offenem Ende und ohne einen alles umfassenden Storyarc zu haben im Vergleich zu George’s [R.R. Martin] Saga oder zu Jordan’s Rad der Zeit-Zyklus. Ich ziehe es vor, mich auf einen kleineren Ereignisumfang zu konzentrieren und auf einige wenige wichtige Charakter. Außerdem versuche ich, Questen und Weltrettungs-Szenarien zu vermeiden, wenn ich auch annehme, ich habe etwas in dieser Art in “Stalking Darkness” (dt.: Der Gott der Dunkelheit) thematisiert. Ich mag es, den Fokus auf Personen zu richten und darauf, wie sie wachsen und sich verändern. Sie haben wichtige Dinge zu erledigen, natürlich, aber es muss keine riesige Suche sein. Außerdem finde ich es erschöpfend, von Kriegen zu schreiben.Eine meiner stärksten Einflüsse ist Conan Doyle’s Sherlock Holmes-Reihe. Ich habe die Übersicht darüber verloren, wie oft ich diese Geschichten schon gelesen habe. Das Mystery-Element ist für mich dabei schon lange verloren gegangen; weshalb ich dorthin immer wieder zurückkehre ist die Welt und ihre Figuren. Von dieser gleichen Reaktion berichten mir meine Leser. Bei Signierstunden bringen mir Leute oft Ausgaben meiner Bücher, die wellig und faltig sind, mit dem Umschlagsrücken mehrfach gebrochen. Ich liebe diesen Anblick: Er ist ein Zeichen dafür, dass das Buch oft gelesen und geliebt wird.

 

Manchmal passiert es, dass die Leute einen Roman eines Autors (oder eine Figur) mehr lieben als alle anderen. Und ich könnte mir vorstellen, dass die Leser dich das auch wissen lassen. Ist es manchmal schwer, damit umzugehen?

Ja, manchmal, vor allem dann, wenn ein Buch gerade frisch heraus kommt. Es ist dann dein brandneues Baby und du wünscht dir, dass jeder es liebt. Glücklicherweise wurde bislang keines meiner Bücher generell abgelehnt. Traitor’s Moon (dt.: “Unter dem Verrätermond”) erhielt die meisten unterschiedlichen Resonanzen. Die Leute haben es entweder gemocht oder gehasst. Ich glaube, das liegt daran, dass manche Leser die gleiche Art Geschichte wieder und wieder hören wollen, und ich wollte ein anderes Terrain erkunden.

 

Hast du Pläne, einen Roman zu schreiben, der nicht im Nightrunner-Universum spielt? Oder gar in einem anderen Genre?

Ja.

 

Warum eigentlich Fantasy? Was ist deine persönliche Meinung: Was macht das Genre so anziehend für manche Leser (und Autoren)?

Fantasy tendiert dazu, Charakterorientiert zu sein, und weil du außerdem erfundene Welten und Magie hast, kann fast alles passieren. Teilweise macht mir das Schreiben in diesem Genre auch Spaß, weil ich Unmengen an Recherche im Bezug auf historische Themen machen muss, von Tischgepflogenheiten Adeliger angefangen bis hin zur Konstruktion mittelalterlicher Abwasserkanäle. Kräuter-Heilkunde, Bogenschießen, Schwertschmieden, Kleidung, kulturelle und physische Geographie – die Möglichkeiten sind endlos. Ich bin ein bisschen ein Geschichts- und Anthropologie-Freak.

Ich webe [in meine Werke] ebenfalls viel meiner Lebenserfahrungen mit ein, wenn auch in synthetisierter Form. Mutterschaft und Kinderkriegen, Liebe und Sex, Alpträume, Stricken, Jagen … all diese unterschiedlichen Arten von Schnee und wie die Luft riecht, Essbares, das man im Wald findet… nicht zu sprechen von meiner Erfahrung in der Tier-Autopsie im Labor im College. Ich beziehe sehr viel Dinge auch aus richtig widerwärtigen Erfahrungen.

 

Glaubst du, ein Autor ist für seine Werke verantwortlich? Und können Bücher etwas im Leser verändern?

Ja, und ja, zumindest meiner Erfahrung nach. Ich habe alle mögliche Art von gutem Feedback erhalten, in dem es darum ging, das Leser sich durch etwas erhellt oder berührt fanden. Durch die Nightrunner-Bücher erhalte ich natürlich sehr viel Post über die sexuelle Ausrichtung.Ich höre von schwulen und lesbischen Menschen, die froh darüber sind, positive Rollenmodelle zu finden, und von anderen, denen meine Bücher dabei geholfen haben, sich gegenüber ihren Familien zu outen. Auf der anderen Seite höre ich von heterosexuellen Lesern, dass sie homosexuelle Menschen nun besser als Menschen sehen. Das war etwas, worauf ich gehofft habe, als ich diese Figuren erschaffen habe.Bezüglich der Tamír-Bücher habe ich sehr viel Post von meinen weiblichen Lesern erhalten, die gesagt haben:”Vielen Dank! Ich dachte, ich wäre das einzige Mädchen das sich beim Erwachsen-Werden anders fühlte als andere Mädchen.”

 

Bittet dich dein Verleger darum, Änderungen in deinen Büchern vorzunehmen – oder verlangt er das gar? Musstest du jemals dramatische Änderungen vornehmen? Und was war seine Reaktion, als du offenbart hast, dass einige der Figuren schwul sind?

Sobald ich einen Entwurf für einen Roman beendet habe, erhält ihn meine Lektorin für eine erste Runde Redigierung. Sie liest den Entwurf und kommentiert Passagen, die mehr ausgearbeitet werden müssen. Sie und ich arbeiten sehr gut zusammen. Bis jetzt war keine ihrer Nachfragen unzumutbar und sie hat noch nie große Änderungen in der Handlung verlangt.Zu dem Zeitpunkt, wenn ich einen Roman beendet habe, bin ich mental erschöpft. Es ist großartig, [das Manuskript] für ein paar Wochen nicht in meinen Händen zu haben. Wenn es dann zurückkommt, mit all ihren hilfreichen, objektiven Ratschlägen, bin ich erholt und bereit, die Materie mit neuen bzw. frischen Augen zu betrachten.

Der erste Entwurf ist der schwerste Teil für mich. Das Umschreibe- und Editier-Stadium macht sehr viel Spaß und ich füge dabei oft nette neue Passagen mit ein.

 

Dank des “Herrn der Ringe” und “Harry Potter” werden viele erfolgreiche Bücher zu Kinofilmen verarbeitet oder für’s Fernsehen optioniert. Gibt es Chancen, dass eines deiner Bücher bald den Sprung auf die große Leinwand schafft? Fändest du das toll oder eher nicht?

Momentan ist nichts geplant. Ich würde ernsthaft darüber nachdenken, wenn ein Angebot hereinkäme, aber, um ehrlich zu sein, würde ich mir auch Sorgen darüber machen, wie Hollywood die Bücher verändern würde. Romane schaffen es beinahe niemals auf den Bildschirm, ohne dass ihre ursprünglichen Elemente heil bleiben. Wie dem auch immer, wenn Peter Jackson vor meiner Tür stünde, mit Johnny Depp, Russell Crowe, Peter O’Toole und Vanessa Redgrave im Schlepptau? Nun, ich würde sie sicher nicht weg schicken!

 

Erinnerst du dich noch daran, wovon deine erste Geschichte (oder dein erster Roman) handelte? Wie hast du bemerkt, dass du Talent zum Schreiben hast?

Als ich in der achten Klasse war, gab ein Student einen Kurs über Kreatives Schreiben. Das war immer noch sehr neu damals. Sie schrieb ein paar Titel an die Tafel und wir durften uns einen aussuchen und darüber eine Geschichte schreiben. Meine erste war “Zehn Tage im Ameisenhügel” und war eine Science Fiction Story über einen Mann der (irgendwie) auf die Größe einer Ameise geschrumpft wurde und mit ihnen gelebt hat. Ich besaß eine Ameisenfarm (sind die auch in Deutschland üblich, frage ich mich gerade?) und wußte viel über Ameisen. Ich erhielt eine Eins.Der nächste Titel war “Unterhaltung in einem Hundezwinger” in der ich jeden Hund nach einem meiner Lehrer gestaltete. Ich bin nie auf den Gedanken gekommen, dass jemals einer von ihnen dies zu Gesicht bekommen würde, aber bald darauf erfuhr ich, dass [die Geschichte] im Lehrerzimmer die Runde gemacht hatte. Allerdings war niemand böse auf mich. Danach habe ich erstmal richtig schlechte Geschichten im Stil von Edgar Allen Poe, HP Lovecraft, Mark Twain, Ray Bradbury, Jack London und Stephen King geschrieben.So schlecht sie auch waren, es war ein guter Weg zu Lernen, ähnlich wie Maler früher das Zeichnen lernten, indem sie die Großen Meister kopierten.Von meinem ersten Kurs über Kreatives Schreiben mal abgesehen bekam ich nicht gerade eine riesige Unterstützung für mein Schreiben bis sehr viel später. Ich hatte einen guten Lehrer, im letzten Jahr der Highschool. Auf der Uni nahm ich an einem Kurs über Kreatives Schreiben teil, aber niemand konnte etwas mit meinen Stories anfangen, die nicht die üblichen einfühlsamen Kindheitserinnerung zum Thema hatten oder aber beißende Missbrauchsgeschichten waren. Ich schrieb Abenteuerliches, Science Fiction, Fantasy und Horror. Ich habe jedoch trotzdem einiges gutes Feedback erhalten.

Als ich nach dem College mit dem Schreiben anfing, bekam ich unglaubliche Unterstützung durch meinen Ehemann. Ihr müsst ihm dafür danken, dass ich das erste Buch fertig gestellt habe und all die anderen.

 

Was hälst du für deine Hauptstärke als Autorin?

Ich glaube – und basierend auf dem Feedback, das ich bekomme gehe ich davon aus – dass meine größte Stärke das Erschaffen von denkwürdigen Charakteren ist, denen sich Leser wirklich nahe fühlen können. Das ist definitiv der Teil den ich am meisten genieße.

 

Wenn du eine fiktive Figur (aus deinem eigenen Werk oder dem eines anderen) treffen könntest: Wer sollte es sein und warum?

Wow! So viele. Ich würde gern alle meiner Charaktere treffen, aber besonders gern Seregil, Alec, Ki und Tamír.

Was die Charaktere anderer Leute angeht? Sherlock Holmes und Watson. Mina Harker. Mary Renault’s Alexander der Große und Bagoas. Anne Rice’s Lestat und Louis, Bradbury’s Eletric Grandmother, Don Marquis’ artige poetische Kakerlake, Archy … Ich könnte jetzt weiter und weiter aufzählen, aber das vermittelt dir einen Eindruck.

 

Ich weiß nicht, ob du selbst noch Zeit zum Lesen findest, aber welche Art Bücher magst du? Welche Autoren kannst du empfehlen? Und wie wählst du ein Buch im Geschäft aus? Nur durch einen Blick aufs Cover?

Ich lese nicht mehr so viel wie ich einmal habe, was mir sehr leid tut. Zwischen zwei Projekten gehe ich allerdings zu Lese-Runden. Ich liebe historische Romane, Horror und Bücher mit gut getroffenen homosexuellen Charaktern. Ich lese außerdem viel Buddhistisches, vor allem Thich Naht Nanh. Während ich an einem eigenen Buch arbeite benötige ich jedoch die meiste Zeit für Recherche. Am Ende des Tages ist das Letzte, was ich sehen will, noch mehr Wörter auf Papier. Ich mache Spaziergänge und schaue Fern um zu Entspannen.Autoren, die ich empfehle? Wo soll ich anfangen? Ray Bradbury, Stepehn King, Peter Straub, Dostoyevsky, Umberto Ecco, Rimbaud, T.S. Elliot, Ursula LeGuin, Anne Bishop, Patricia Briggs, Laura Anne Gilman, William Faulkner, Mary Renault, James Allen Gardner, Thich Naht Hanh, der Dalai Lama, Shakespeare, Arthur Miller, Eugene O’Neill, Pat Barker, Homer, Aristophanes, Ovid, Plutarch, Plato… nun, ihr habt eine Vorstellung.Was den Kauf von Büchern anbelangt – in der Regel höre ich von einem, das interessant klingt, durch einen Freund oder über die Medien und geh in die Buchhandlung oder zu amazon um es mir zu kaufen. Ich finde Buchhandlungen überwältigend. Wenn ich hineingehe, ohne ein bestimmtes Buch im Kopf zu haben, komme ich in der Regel mit leeren Händen wieder heraus.

Wenn ein Cover mir auffällt, lese ich den Umschlagsrücken und die ersten paar Seiten. Wenn die mich nicht fesseln können, stelle ich es ins Regal zurück. Ich werde eher vom Namen des Autoren beeinflusst als von der Umschlagsgestaltung. Und manche Umschlagsbilder schrecken mich ab; wenn ich nicht wollte, dass man mich dabei sehen würde, wie ich es in der Öffentlichkeit lese, kaufe ich es nicht.

Du pflegst einen sehr engen Kontakt zu deinen Fans durch deine Website, dein Livejournal und deine Yahoo-Gruppe. Deshalb gehe ich davon aus, dass du das auch gern magst. Aber hattest du auch schon unangenehme Erfahrungen in diesem Zusammenhang?

Ich liebe es, mit meinen Lesern in Kontakt zu sein. Ich bin eine gesellige Person und mit so vielen Leuten auf der ganzen Welt in Kontakt zu stehen ist großartig. Oft unterhalten wir uns über Dinge, die überhaupt nichts mit meiner Arbeit zu tun haben, und das ist auch nett. Sie schicken mir auch sehr viel Fan Art, was wirklich toll ist. Ich habe eine Art Gallery auf meiner Website. Die einzige schlechte Erfahrung, die ich bisher hatte, war in einer Newsgroup, die meiner Arbeit gewidmet war. Das war zu der Zeit, als die ersten Fanfictions, die auf meinen Romanen basierten, auftauchten. Zu dieser Zeit war es recht ungewöhnlich, dass Bücher für so etwas benutzt wurden. Mein Agent und meine Herausgeberin waren mit so einer Situation zuvor noch nicht konfrontiert worden und wussten nichts so recht damit anzufangen.Ich hatte niemals zuvor von Fanfiction gehört bis dato, von Slash und Yaoi ganz zu schweigen und wußte nicht so recht, wie ich darüber denken sollte. Dann haben mir jedoch einige andere Autoren geraten, es nicht zu erlauben und meine Herausgeberin erzählte mir, dass die Rechtsanwälte von Bantam davon ausgingen, dass – wenn ich Fanfiction erlauben würde, ich das Copyright an meinen eigenen Charakteren und meiner eigenen Welt verlieren könnte! Da diese meinen Lebensunterhalt und meine Leidenschaft darstellen war das ein sehr furchterregender Gedanke! Zu diesem Zeitpunkt war ich deshalb sehr Anti-Fanfiction, und das ist der Grund dafür.Es war außerdem sehr seltsam, meine Charaktere zu sehen, wie sie Dinge taten und sagten unter der Anleitung anderer Leute. Sehr viel davon war Slash (obwohl ich denke dass der Gedanke, Alec und Seregil zu “slashen” ziemlich amüsant ist, um nicht zu sagen überflüssig) und sehr viel davon war schlecht geschrieben. Meine größte Angst war, dass jemand – vor allem jüngere Leute oder Bibliothekare, die darüber nachdenken würden, meine Bücher zu kaufen – im Internet nach meinen Werken suchen und stattdessen darüber stolpern würde.Wie auch immer, diese bestimmte Newsgroup war voll von Fanfiction-Schreibern und wir gerieten in eine Art Streit, in dem sie unter’m Strich nicht nur sagten, dass sie mit meinen Leuten tun könnten, was immer sie wollten und dass es nicht viel gäbe, was ich dagegen machen könnte, sondern dass ich außerdem ein schlechter, eigensüchtiger Mensch wäre, weil ich das nicht zulassen wolle. Unnötig zu erwähnen, dass ich von dort mit einem schlechten Geschmack im Mund wegging.Heute erzähle ich den Leuten einfach, dass es ein rechtliches Problem für mich darstellt und belasse es dabei.
Was ich nicht zu Gesicht bekomme, ist nicht mein Problem.

 

Gibt es eine Frage, die du schon immer in einem Interview gestellt bekommen wolltest, die bis heute jedoch nie aufgetaucht ist? Jetzt hast du die Chance: Welche Frage wäre das und bitte gib uns auch gleich die Antwort darauf.

Du hast sie bereits gestellt, und dabei noch sehr gut!

 

Vielen herzlichen Dank für deine Zeit und dafür, dass du so nett warst, meine Fragen zu beantworten. Vielleicht können wir das ja eines Tages wiederholen.

Jederzeit.

 

Alles Gute für deine anstehenden Romane und sowohl für dein Arbeits- als auch dein Privatleben!

Danke!

 

Lynns Homepage findet ihr unter:

http://www.sff.net/people/Lynn.Flewelling/

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3 Comments »

  1. Hallo,

    haben Sie schon eine Information,

    wann Shadows Return in der deutschen Übersetzung erscheint

    Vielen Dank für Ihre Antwort

    Mit freundlichen Grüßen
    Iris Michels

    Comment by Iris Michels — 4. März 2008 @ 14:47

  2. […] Autoreninterview mit Lynn findet ihr hier (deutsch) und hier (englisch). Tags: « Ellen Kushner auf […]

    Pingback by Darkstars Fantasy News » Lynn Flewelling & Schwulen-Rechte | News & Interviews aus der wunderbaren Welt der Fantasy — 22. März 2008 @ 15:14

  3. […] Interviews mit Lynn findet ihr hier und […]

    Pingback by Darkstars Fantasy News » Jahresvorschau 2011: Lynn Flewelling | News & Interviews aus der wunderbaren Welt der Fantasy — 31. Dezember 2010 @ 07:04

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