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24. Januar 2009

Ruth Nestvold Interview

Category: Interviews – Darkstar – 10:00

Flamme und HarfeAls Spitzentitel des Frühjahrs kündigt Penhaligon den Roman „Flamme und Harfe“ an, der am kommenden Montag offiziell erscheint. Beim Buch handelt es sich um einen historisch-phantastischen Schmöcker, der den tragisch-romantischen Mythos von Tristan und Isolde aufgreift und ihn mit der Artus-Legende verwebt. Es ist der erste veröffentlichte Roman der Autorin Ruth Nestvold, die sich in den USA jedoch bereits mit Kurzgeschichten einen Namen gemacht hat. Anlässlich der Veröffentlichung ihres Debütromans hat sie sich die Zeit genommen und sich mit mir über das Buch – und das Schreiben im Allgemeinen – unterhalten.

Interview mit Ruth Nestvold

Liebe Ruth, vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview nimmst. Vielleicht magst du dich eingangs kurz selbst vorstellen?

Ich bin gebürtige Amerikanerin und als Studentin nach Deutschland gekommen, wo ich nun seit über 20 Jahren lebe. Obwohl ich fließend deutsch spreche, schreibe ich weiterhin in Englisch, weil ich ein besseres Ohr für die Feinheiten meiner Muttersprache habe. Hauptberuflich arbeite ich als Übersetzerin und Testerin für Softwareprodukte.

Kannst du uns erzählen, wie du zum Schreiben gekommen bist? Wann hast du bemerkt, Talent dafür zu haben? Und weißt du noch, worum es in deiner ersten Geschichte ging?

Dass ich schreiben wollte, wusste ich schon seit meiner Kindheit. Das Leben (Schule, Studium, Kinder) ist dann dazwischengekommen, sodass ich ernsthaft mt dem Schreiben erst vor etwa 15 Jahren angefangen habe. Und selbst dann war es lange Zeit eine brotlose Kunst. Meine erste Tiergeschichte habe ich mit etwa 8 Jahren geschrieben. Meine erste veröffentlichte Geschichte, „Latency Time“, kam dann über 30 Jahre später.

Und was „Talent“ betrifft, gibt es unter meinen Schriftstellerkollegen den Spruch „Talent is overrated“, also „Talent wird überbewertet“. Viel wichtiger ist Ausdauer und Durchhaltevermögen, wie auch mein Lebenslauf zeigt.

Wenn du “Flamme und Harfe” in einem Satz beschreiben müsstest, was würdest du sagen?

Eine in den historischen und literarischen Kontext eingebettete Neuerzählung der Geschichte von Tristan und Isolde, bei der auch Isoldes Perspektive die ihr gebührende Rolle spielt.

Fantasy-Romane im Dunstkreis der Artus-Sage gibt es ja zu Hauf. Worin, glaubst du, besteht der Reiz darin für Autoren und für Leser?

TintagelDas ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist man dadurch, dass der Plot grob vorgegeben ist, in ein bestehenedes Korsett gezwängt. Auch als Leser weiß man in großen Zügen, was einen erwartet. Andererseits ist man dadurch als Autor frei, sich auf die Entwicklungen innerhalb des vorgegebenen Horizonts konzentieren zu können und besondere Nuancen herauszuarbeiten.

Darüber hinaus handelt es sich bei den Artus-Legenden bekanntlich um Erzählungen, die Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen seit Jahrhunderten zu fesseln vermochten. Bei mir ist die Faszination mit der Artus-Sage bereits in meiner Jugend nach der Lektüre von T.H. Whites „The Once and Future King“ (auf deutsch „Der König auf Camelot“) entstanden.

Wie lange hast du gebraucht, um deinen Debütroman zu schreiben?

Das ist schwer zu sagen. Eine erste – allerdings nie fertiggestellte – Version gab es schon vor 20 Jahren. Nachdem ich den Stoff wieder aufgenommen habe, hat es über 3 Jahre konzentrierter Arbeit gebraucht, bis der Roman in seiner endgültigen Fassung fertig war.

Urban Hofstetter vergleicht “Flamme und Harfe” mit Marion Zimmer Bradleys beliebtem Bestseller “Die Nebel von Avalon”. Was sagst du dazu?

Angesichts der Beheimatung im arthurischen Universum und der Einbringung der weiblichen Perspektive liegt der Vergleich nahe und ehrt mich natürlich auch. Allerdings glaube ich, dass ich andere Schwerpunkte setze: Die Kontroversen in meinem Roman lassen sich beispielsweise nicht sauber an der Trennlinie von männlich und weiblich oder keltisch und christlich ausrichten. Mein Roman nimmt viel stärker die realen historischen Strömungen der Zeit nach dem Rückzug der Römer aus Britannien auf und thematisiert völlig andere persönliche Konflikte.

Worin siehst du den Unterschied zwischen “Flamme und Harfe” und den anderen, zahllosen Nacherzählungen der unsterblichen Sage von Tristan und Isolde?

Im Vergleich zum deutschen Sprachraum fristet Tristan und Isolde in meiner Muttersprache eher ein Schattendasein; dort zieht man meist das Liebesdreieck um Artus, Guinever und Lancelot vor. Bis ich im Studium auf Gottfried von Straßburg gestoßen bin, kannte ich Tristan und Isolde eher als Nebenfiguren. Da ich also kaum Vorbilder hatte, hatte ich auch nie das Ziel, mich von bestimmten Vorversionen abzusetzen oder diese zu verwenden.

Tristan und Isolde (Draper)Ich habe natürlich bezüglich der Handlung immer wieder in alten Versionen, vor allem aus dem Mittelalter, nachgeschlagen und habe aus den vorhandenen Versatzstücken diejenigen verwendet, die mir wichtig erschienen und sie mit selbst erdachten Ereignissen, Motivationen und Personen verknüpft. Daraus ist hoffentlich etwas ganz Eigenständiges entstanden. Dieses Vorgehen ist übrigens nichts Neues: auch Gottfried von Straßburg, Thomas Malory oder Chretien de Troyes haben vorhandenes Material adaptiert und eigene Schwerpunkte gesetzt.

Wenn man deinen Roman liest, hat man das Gefühl, als hättest du sehr viel Recherche dafür betrieben. Entspricht dieser Eindruck den Tatsachen?

Ja. Bei mir daheim stehen etwa vier Regalmeter Material zu dem Roman – von zeitgenössischen Berichten über die Situation in Britannien und der Bretagne über Abhandlungen zur Kriegsführung in der damaligen Zeit bis hin zu Analysen der Ernährungsgewohnheiten und der medizinischen Erkenntnisse. Wenn ich über etwas schreibe – auch wenn es Fantasy oder Science Fiction ist – will ich wissen, wie meine Welt in ihren Hintergrund eingebettet ist.

Entstammen all die Rituale, die im Roman vorkommen – z. B. der Hochzeitsstein mit dem Loch in der Mitte – historischen Quellen oder hast du dir die selbst ausgedacht?

Die meisten Bräuche gab es zumindest laut einiger meiner Quellen tatsächlich. Auch hier habe ich versucht, eng bei den historischen Überlieferungen zu bleiben. Schließlich sind die keltischen Rituale interessant genug, dass man nicht unbedingt neue erfinden muss.

Wie bist du darauf gekommen, Yseult zu einer Magierin und Kriegerin zu machen? Und was hat dich zu den drei Formen der erinnischen Magie inspiriert?

Magierin würde ich sie eigentlich nicht nennen – sie hat zwar die magischen Gaben der alten Rasse, diese haben aber nichts mit Zauberformeln oder dergleichen zu tun. Und eine Kriegerin ist sie eher in den Legenden, die über sie erzählt werden. Sie wird zwar in der Kriegskunst ausgebildet, ist aber hauptsächlich eine Heilerin. Die Idee, der Figur diese Fähigkeiten zu geben, habe ich durch das Lesen alter irischer Legenden bekommen, in denen man immer wieder auf kriegerische Frauengestalten und Gottheiten stößt. Auf die drei magischen Gaben bin ich durch den lange verbreiteten Glauben an das sogenannte „zweite Gesicht“ in Irland gekommen. Ich habe mir überlegt, welche Aspekte das zweite Gesicht beinhaltet und habe daraus die drei Gaben gesponnen.

Vielleicht erzählst du uns ein bisschen darüber, wie du beim Schreiben eines Romans vorgehst? Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag für dich aus? Hast du irgendwelche seltsamen Angewohnheiten?

Ich arbeite eher methodisch und nicht besonders schnell. Bevor ich mit dem Schreiben anfange, habe ich im Allgemeinen schon ein grobes Gerüst der Handlung im Kopf oder auf Papier. Dieses Gerüst fülle ich beim Schreiben dann aus. Dabei kann es auch gut vorkommen, dass ich merke, dass ich mich auf einem Holzweg befinde und wieder ganz von vorn anfangen muss.

IrlandDas Schreiben längerer Texte erfordert vor allem eins: Disziplin. Solange man nicht tatsächlich vor dem Computer sitzt und schreibt, ist die beste Inspiration wertlos. Daher ist es wichtig, sich feste Gewohnheiten anzugewöhnen. Ich bin eher eine Nachteule – ich fange erst gegen Mittag mit dem Arbeiten an, mache dafür aber abends umso länger. Arbeit muss nicht immer Schreiben sein – oft ist es auch ein Ausflug in die Bibliothek oder das Durchstöbern von Hintergrundliteratur.

Was macht dir am meisten Spaß, wenn du an einem neuen Roman arbeitest – und was kannst du nicht ausstehen?

Die Recherche ist ein spannender und wichtiger Teil des Schreibens, da sich hinter dem Horizont immer neue Horizonte auftun. Natürlich birgt das auch die Gefahr, sich zu verzetteln, aber es ist immer spannend, neue Sachverhalte zu lernen. Was mir nicht so behagt, ist das Verkaufen des fertigen Produkts. Mir ist klar, dass es erforderlich ist, wenn man nicht nur auf Halde produzieren will, aber trotzdem fällt mir die Suche und das Anschreiben der verschiedenen möglichen Märkte eher schwer.

Woran erkennst du, dass sich eine Idee dazu eignet, zu einem Romanplot ausgearbeitet zu werden?

Ich schreibe ja auch Kurzgeschichten. Daher habe ich ein Gespür dafür entwickelt, wie viel Raum ich einem Themenbogen geben muss. Die Länge einer Geschichte ergibt sich aus dem Material, wobei es bei diesem Roman schnell klar war, dass er ziemlich lang werden würde, weil ich viele Figuren und Ideen für Nebenplots einarbeiten wollte.

Für welche Figur fiel dir das Schreiben am leichtesten – und mit welcher hattest du die größten Probleme?Tristan SteinBrangwyn war leicht zu schreiben – sie ist intelligent, schlagfertig, hat einen Hang zum Praktischen und ist loyal, ohne unterwürfig zu sein. Marcus war da schon schwieriger. Es ist klar, dass er keine positive Rolle spielt, aber ich wollte nicht, dass er ein kompletter Schurke ohne Motivation außer Bosheit wird. Ich habe versucht, ihm eine machtpolitische und dynastische Motivation zu geben, die zumindest aus seiner Perspektive verständlich ist.

Interessanterweise – da ich die Geschichte von vorneherein auch aus der Perspektive der weiblichen Hauptfigur erzählen wollte – war Yseult auch nicht einfach zu schreiben. Ihre Neigung zu Sturheit, Stolz und Status liegt mir ferner als Drystans musikalische Gabe und sein Desinteresse an seiner ererbten Position.

Was ist für dich persönlich wichtiger: Worldbuilding oder Charakter-Entwicklung?

Beide sind wichtig, aber Worldbuilding fällt mir leichter und macht mir mehr Spaß. Aber wenn man nur Worldbuilding betreibt, verfügt man nur über eine leere Hülle ohne Leben.

In den USA hast du bereits erfolgreich mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Hierzulande wird das Thema Short Story ja eher stiefmütterlich behandelt, habe ich den Eindruck. Woran glaubst du liegt das?

Da kann ich nur spekulieren. Möglicherweise liegt es einfach an der Größe des Markts. Auch der englischsprachige Markt, der ja um ein Vielfaches größer ist, unterstützt nur wenige professionelle Magazine dauerhaft, und auch diese Magazine haben Auflagen, die nur in den Tausenden liegen. Ein anderer möglicher Grund ist die Buchpreisbindung in Deutschland. Dadurch wird das Veröffentlichen ganzer Bücher gefördert, sodass Autoren nicht auf den Kurzgeschichtenmarkt ausweichen müssen.

Auf deiner Website berichtest du, dass du bereits an einem weiteren Roman arbeitest, der in der gleichen Welt angesiedelt ist wie “Flamme und Harfe”. Ich weiß, dass du noch nicht viel darüber verraten kannst, aber kannst du uns ein paar kleine Hinweise geben, worum es gehen wird?

Tristan und Isolde (Movie)Es ist keine Fortsetzung im engeren Sinne, weil Flamme und Harfe ja eine in sich abgeschlossene Handlung erzählt. Stattdessen sollten sich potenzielle Leser auf eine neue Geschichte im bekannten Universum einstellen, in der sie auch víelen der eingeführten Personen wieder begegnen. Hintergrund werden allerdings die Erzählungen des Untergangs in der Artus-Sage sein, also zumindest in dieser Hinsicht bewegt sich der nächste Roman in die gegenteilige Richtung wie Flamme und Harfe.

Hast du darüber hinaus bereits Pläne, woran du schreiben möchtest?

Ich habe immer Pläne und Ideen, aber zurzeit bin mit dem Nachfolgerroman zu Flamme und Harfe voll beschäftigt und darf mich eigentlich nicht ablenken lassen.

Außerdem berichtest du, dass du eine Zeitlang an einem Roman gearbeitet hast, der lose auf dem “Nibelungenlied” basiert. Das hört sich interessant an! Erfahren wir auch hier ein paar kleine Details und wann glaubst du können deine Leser mit diesem Buch rechnen?

Ich hatte bereits etwa 60.000 Wörter der ersten Fassung des Nibelungenromans geschrieben, als ich Flamme und Harfe verkaufte. Danach war es wichtiger, den ohnehin geplanten zweiten Roman in der gleichen Welt zu schreiben. Ich weiß jetzt nicht, wann ich wieder zu den Nibelungen komme. Soviel kann ich aber verraten: der Roman spielt auf drei verschiedenen Zeit- und Erzählebenen, einer halb-legendären, einer mittelalterlichen und einer zeitgenössischen.

Wird es Lesungen geben, wo man dich treffen bzw. dir zuhören kann?

Bis jetzt ist ein Auftritt auf der Leipziger Buchmesse (12. – 15. März) geplant. Darüber hinaus will ich im Stuttgarter Raum etwas werben.

Hast du literarische Vorbilder? Und welche Autoren liest du gern, einfach zum Spaß?

Tristan und Isolde (Painting)Da meine Erzählungen in viele verschiedene Richtungen gehen, sind meine Vorbilder genauso vielfältig. Am meisten haben mich wohl die Vergleiche mit Ursula K. Le Guin geehrt, die für einige meiner Science Fiction-Erzählungen angestellt wurden. Bei Flamme und Harfe wollte ich eine Fantasy-Welt erschaffen, die zumindest ansatzweise an George R.R. Martins „Song of Ice and Fire“-Serie erinnert – nicht so höfisch-vornehm wie viele Artus-Erzählungen, sondern eine Geschichte, in der die Figuren auch dreckig werden und vieles auch politisch motiviert ist. Ich lese aber nicht nur Science Fiction und Fantasy, sondern auch Krimis, historische und literarische Romane. Eine Liste meiner Lieblingsromane ginge querbeet durch viele verschiedene Gattungen. Zum Spaß lese ich Markus Zusak, Ted Chiang, Tess Gerritsen, Rosemary Sutcliff, Laura Kinsale, Connie Willis, A.S. Byatt … alles mögliche eben.

Wenn du einen fiktiven Charakter (aus deinen Werken oder denen eines anderen) treffen könntest: Wer wäre das und weshalb?

Artus. Ich würde ihn fragen, ob es ihn wirklich gegeben hat und was er von dem ganzen Aufhebens, das um ihn gemacht wird, hält. :-)

Auf deiner Website präsentierst du auch Schreibtipps. Deshalb die Frage an dich: Was war der wertvollste Schreibtipp, den du jemals erhalten hast?

„Don’t quit your day job“. Das lässt sich etwa übersetzen als „Behalte deinen Hauptberuf“. Die wenigsten schaffen es, mit der Schriftstellerei ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, und es ist wichtig, realistisch zu bleiben.
Der zweitwichtigste Tipp ist für mich „Butt in chair“, fein übersetzt als „setzt dich hin und schreib!“ Ohne Arbeit entwickelt man sich nicht weiter und und erreicht auch nichts.

Und zum Schluß: Wie fühlt es sich für dich an, “Flamme und Harfe” in den Händen zu halten?

Ganz einfach wunderbar. Ein Roman ist doch etwas ganz anderes als eine Geschichte in einer Zeitschrift oder einer Anthologie.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, die Fragen zu beantworten. Vielleicht können wir das irgendwann mal wiederholen. Für heute wünsche ich dir jedenfalls alles Gute sowohl für deinen Roman als auch für dein berufliches und privates Leben.

Die Website von Ruth Nestvold findet ihr hier.

Flamme und Harfe bei Amazon bestellen: hier
Der Roman ist auch als Hörbuch erhältlich: hier

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