Darkstars Fantasy News


23. Januar 2011

Schwule Helden
Ein Interview-Special mit Lena Falkenhagen

Category: Interviews – Darkstar – 16:48

Lena FalkenhagenLena Falkenhagen ist vielen deutschen Phantastik-Begeisterten sicher ein Begriff. Sie prägt seit vielen Jahren maßgeblich als Mitglied des Redaktionsstabs des Schwarzen Auges Deutschlands berühmteste Rollenspielwelt. In Aventurien waren auch ihre ersten Romane (u. a. Die Nebelgeister) angesiedelt. Bereits 1997 stellte sie in ihrem Zweiteiler „Die Boroninsel“ und „Kinder der Nacht“ eine schwule Hauptfigur ins Zentrum einer Fantasy-Story. Und war damit in Deutschland ihrer Zeit vielleicht sogar einige Jahre voraus.

Inzwischen hat sich Lena Falkenhagen nicht nur im phantastischen Bereich einen Namen gemacht, sondern auch als erfolgreiche Autorin historischer Romane. Ihr Buch, „Die Lichtermagd„, gewann 2010 den DeLiA-Preis in der Kategorie „bester Roman“. Und in ihrem jüngsten Werk, „Die Schicksalsleserin„, begegnen wir wieder einer schwulen Nebenfigur.

Für meinen Artikel über „Schwule Helden im phantastischen Roman“, der in der aktuellen Nautilus abgedruckt ist, habe ich neben zahlreichen anderen Autoren deshalb Lena gebeten, mir einige Fragen zum Thema zu beantworten. Aufgrund diverser anderer Verpflichtungen hat es jedoch zeitlich leider nicht geklappt, dass sie mir rechtzeitig vor Redaktionsschluss alle Fragen beantworten konnte. Der Verlust für den Artikel bedeutet einen Gewinn für meinen Blog!

Inzwischen hat mir Lena Falkenhagen nämlich sämtliche Fragen zum Thema beantwortet – und ihr findet sie jetzt hier als kleines Extra zum Artikel in der Nautilus. Viel Spaß!

Schwule Helden in der Fantasy: Ein Interview-Special mit Lena Falkenhagen

Liebe Lena, schön, dass du bereit bist, zu diesem Thema Stellung zu nehmen. Vielleicht magst du eingangs deine Romane mit „schwulen Helden“ mit deinen eigenen Worten vorstellen?

Ui, die sind schon ziemlich alt, aber klar:

Die BoroninselDie Boroninsel

Der beliebte Stallknecht Fion kümmert sich im Palast zu Havena um die königlichen Pferde. Sein zufriedenes Leben endet, als er in das finstere Intrigenspiel bei Hofe gezogen wird. Menschen beginnen zu sterben, und bald steht er als Hauptverdächtiger im Zentrum der Aufmerksamkeit … Fion versucht die wahren Schuldigen zu finden, doch als er sich sogar den Mächten des Namenlosen gegenüber sieht, unterläuft ihm ein verhängnisvoller Fehler.

Kinder der Nacht

Zur Sühne für seine Fehler in einen Vampir, ein Kind der Nacht, verwandelt, kämpft der ehemalige Stallknecht Fion des Nachts für jene, denen er früher bei Tag gedient hat: Seinen Freund Ruadh und dessen Familie, das albernische Königshaus. Gemeinsam mit seinen Verbündeten kommt er einer Verschwörung namenloser Kreaturen auf die Spur, die die Macht in Albernia an sich reißen wollen …

Und:

Die Schicksalsleserin

Verflucht ist, wer sein Schicksal kennt
Wien 1529: Der Sturm des osmanischen Heeres fegt auf die Stadt zu. Die junge Madelin wird bei der Flucht von ihrer ungleichen Schwester getrennt. Madelin ist mutig, voller Leben und voller Liebe, doch sie gerät zwischen die Fronten des Kampfes um das letzte Bollwerk der Christenheit. Die Schicksalsleserin ahnt nicht, dass sie selbst den Schlüssel zum Wohl oder Wehe der Stadt in der Hand hält: Ein geheimnisvolles Tarotspiel.

Sind schwule Helden in der Fantasy inzwischen salonfähig geworden?

Die Belletristik insgesamt tut sich schwer mit homosexuellen Figuren, solche Romane gelten schnell als einschlägig. Schwule Charaktere spielen zwar ab und an eine Rolle – selten jedoch als Hauptfiguren. Ich glaube aber, das gerade in der Fantasy mehr Raum für nicht-heterosexuelle Charaktere besteht, als zum Beispiel im klassischen Historischen Roman, denn neue Welten ermöglichen auch andere soziale Verhaltensmuster. In einer Welt, in der es keine religiösen Schriften gibt, die homosexuelles Verhalten verdammen, muss es auch keine Homophobie geben.

Scheuen deiner Erfahrung nach Verlage immer noch davor zurück, homosexuelle Charaktere in Fantasyromanen auftreten zu lassen?

Generell gilt – was überzeugend und begeisternd rübergebracht wird, wird auch gerne gelesen. Die Einstiegsschwelle für Leserinnen und Leser sollte aber niedrig gehalten werden, während das Identifikationspotential mit den Figuren hoch sein sollte. Da der größere Anteil an Lesenden heterosexuell ist, sind die Hauptfiguren das – vielleicht verständlicherweise – meist auch.Die Schicksalsleserin

In meinem letzten historischen Roman „Die Schicksalsleserin“ gibt es einen wichtigen Charakter, der sich im Laufe des Romans als schwul herausstellt. Da gab es Bedenken, ob die Figur die vorwiegend heterosexuelle Leserschaft abschrecken könnte. Ich hoffe, ich habe einen Weg gefunden, dass Franziskus nicht „zu schwul“ für die einen, aber auch nicht „zu unschwul“ für die anderen geworden ist.

Warum ist es wichtig, über homosexuelle Charaktere zu schreiben?

Ich persönlich finde es wichtig, homo- und bisexuelle Figuren in Romane zu integrieren, um darzustellen, dass Menschen sich durch die Sexualität gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Menschen sind Menschen, Punkt. Die Sexualität ist wichtig, aber bloß eine Eigenschaft, die uns definiert.
Liest man einen Roman, versetzt man sich automatisch in andere Denkweisen und Perspektiven. Warum also nicht auch mal die von jemandem mit einer anderen Sexualität? Ich liebe es, meinen Horizont zu erweitern und unterstelle das meinen Leserinnen und Lesern auch.

Gibt es diesbezüglich beim Schreiben eine Toleranzgrenze, die nicht überschritten werden sollte?

Kinder der NachtNatürlich, genau wie bei Romanen mit heterosexuellen Figuren. Die (so schwammige) Grenze des „guten Geschmacks“ sollte in beiden Fällen nicht übertreten werden, denn genauso wenig, wie ein historischer Roman ein Softporno ist, sollte man bei Fantasy-Romanen allzu deskriptiv werden.
In der Romanlandschaft wird die Sexualität schwuler und lesbischer Figuren aber, genau wie in Fernsehserien und Filmen, immer noch mit mehr Scheu beäugt als die heterosexueller Paare (man denke an den späten ersten Kuss von Willow und Tara in Buffy the Vampire Slayer, während heterosexuelle Paare deutlich freizügiger dargestellt wurden).

Wie ist es dir gelungen, schwule Charaktere glaubhaft darzustellen?

Ich hoffe zumindest, dass mir das gelungen ist. Auf der anderen Seite hat mich auch noch niemand gefragt, wie es mir gelungen ist, mich in halbelfische Thekenhilfen hineinzuversetzen, oder in axtschwingende Zwerge.
Ich habe nicht versucht, bei meiner Darstellung von Fion und Rhuad (letzterer ist übrigens bisexuell) in der Rabenchronik irgendwelche Mann-Frau-Beziehungsklischees zu übertragen, sondern die Figuren so zu nehmen, wie sie sind.
Wenn ich zwei Figuren in eine Beziehung miteinander setze, dann denke ich nicht darüber nach, ob der Mann männlich oder die Frau fraulich reagiert – oder ein schwuler Mann eben klassisch schwul. Ich sehe die Figuren als Menschen, die miteinander interagieren und – meist – irgendwelche Probleme lösen müssen. Einige davon miteinander.

Die LichtermagdWarum stehen eigentlich so viele Frauen auf schwule Protagonisten?

Die Beziehung zwischen Männern und Frauen (gerade die Ehe) ist in den Medien sehr von Klischees belastet. Eine Beziehung zwischen zwei Männern oder zwei Frauen ist da ‚neuer’ und kann freier gestaltet werden, die Rollenmuster sind frischer. Außerdem gelten Schwule (klischeehaft) als sensibler als heterosexuelle Männer, also genau so, wie viele Frauen sich einen Mann wünschen.

Wie schwierig ist es, beim Schreiben keine Klischees zu bedienen?

Klischees sind ein zweischneidiges Schwert. Ich finde Klischees fantastisch, denn sie ermöglichen dem Leser, der Leserin einen leichteren Einstieg in die neue Welt des Romans – und jeder Roman ist in diesem Sinne eine neue Welt.
Wenn wir uns Gedanken darüber machen müssen, ob die Gesetze der Schwerkraft gültig sind und wie eine Welt aussähe, in der die Menschen auf Händen gehen, wird unsere Vorstellungskraft irgendwann überladen. Ähnlich sieht es mit Klischees aus – bricht man zu viele, wird die Welt fremd. Schreibt man auf der anderen Seite nur in Klischees, wird ein Roman langweilig und vorhersehbar.

Klischees helfen aber auch, dem Leser oder der Leserin Themen anzubieten, die früher tabu waren – die Darstellung schwuler und lesbischer Figuren kann man dazu zählen. Schwule Männer sind immer noch Männer und wollen mit ihrer Sexualität ernst genommen werden. Daher regen sie sich zurecht über die Schwemme klischeehaft effeminierter Schwuler in den Medien auf, die als Tunten belächelt werden.
Umgekehrt schrecken viele heterosexuelle Leser vor dem Thema homosexueller (gerade schwuler) Erotik zurück, können sich aber mit der humorvollen Darstellung einer Tunte inzwischen abfinden – das Klischee bahnt hier einen Weg. Brechen kann man das Klischee später immer noch, um dem Publikum neue Bilder von Schwulen und Lesben anzubieten.

Halten Sie es persönlich für sinnvoller, nicht über homosexuelle Charaktere zu schreiben als Stereotypen zu bedienen?

NebelgeisterNein – Stereotypen haben ihre Funktion, siehe oben. Man kann sie auch gar nicht vermeiden und will das oft gar nicht. Der tumbe Söldner mit der Axt ist ein Stereotyp – aber es gibt noch keinen Männerschutzverein, der sich über die Neuverfilmung von Conan dem Barbaren beschwert hätte. Der Barbar ist ein Stereotyp ist, mit dem viele Männer sich anfreunden können – der testosteronlastige und ein wenig schlichte Krieger, der sich um Tischmanieren und Steuererklärungen keine Gedanken zu machen braucht und zum Schluss trotzdem das Mädchen bekommt.
Natürlich ist verständlich, dass Schwule und Lesben sich an auf sie bezogenen hartnäckigen Stereotypen stören – eines davon das lesbischer Paare in amerikanischen Fernsehserien, die allesamt auf der Suche nach Samenspendern zu sein scheinen. Aber immerhin sind Lesben auf diese Weise sichtbar, und das finde ich wichtig. Siehe oben – dieses Klischee wird irgendwann langweilig und von einer neuen Darstellung von Lesben gebrochen.

Haben Sie einen queeren Lieblingscharakter (aus Ihren eigenen Büchern oder denen eines anderen)?

Was Bücher angeht, fällt mir da nur Albus Dumbledore aus den Harry-Potter-Romanen ein. Im Fernsehen liebe ich Willow aus Buffy und Brian Kinney aus Queer as Folk. Alle drei Figuren werden übrigens durch Klischees liebenswert gemacht.

Vielen Dank für die interessanten Antworten und deine Zeit. Alles Gute natürlich sowohl für deine berufliche und private Zukunft!

Justifiers 2Vielen Dank für das Interesse an meiner Arbeit!

Lena Falkenhagens Website findet ihr hier!

Ihr nächster Roman, „Justifiers: Undercover“ erscheint im März.

Die Nautilus 82 mit den „Schwulen Helden“ könnt ihr übrigens hier online einsehen und direkt beim Verlag bestellen!

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4 Comments »

  1. „Die Beziehung zwischen Männern und Frauen (gerade die Ehe) ist in den Medien sehr von Klischees belastet. Eine Beziehung zwischen zwei Männern oder zwei Frauen ist da ‚neuer’“

    Dem kann ich mich nur anschließen. Zudem kommt hinzu, dass ich mich als Frau mit dem Großteil der Frauenfiguren in Romanen, Serien und Filmen nicht identifizieren kann und WILL. Für 90% der „Heldinnen“ besteht die endgültige Erfüllung, ob nun bewusst oder impliziert, immer noch daraus, dass sie zum Schluss ENDLICH ihren Traummann finden. Leben wir denn noch in den 1960ern? Bei homoerotischen, gerade schwulen Figuren, bleibt meines Erachtens mehr Raum für die Figur selbst. Eine Frauenfigur wird in erster Linie immer noch als allererstes über ihr Geschlecht definiert, und dann gesteht man ihr ein wenig Persönlichkeit zu. Und auf diesen 08/15 Müll hab ich keinen Bock mehr.

    Comment by Steffi — 23. Januar 2011 @ 18:41

  2. @Steffi:
    „Für 90% der “Heldinnen” besteht die endgültige Erfüllung, ob nun bewusst oder impliziert, immer noch daraus, dass sie zum Schluss ENDLICH ihren Traummann finden.“

    Ganz spannend finde ich da ja das besonders im Bereich der aktuellen Grossverlags-Romantic Fantasy / Urban Fantasy, in Romanen von Frauen, durchaus oft genau das selbe Muster bedient wird. Die Heldin, die sich doch nach der Eroberung durch den starken Mann (Vampir / Werwolf / Gestaltwandler), seiner muskulösen Schuler zum Anlehnen, usw. sehnt.
    Hätte mir da, gerade weil von Frauen geschrieben, doch teilweise ein anderes Frauen- und auch Männerbild gewünscht.

    Comment by Feenfeuer — 24. Januar 2011 @ 15:14

  3. @Feenfeuer: ich finde das auch immer sehr kurios und frage mich, ob Frauen sich tatsächlich noch immer so sehen? Sind die Bücher so, weil Frauen das wollen? Oder wollen Frauen solche Bücher, weil ihnen Medien (Bücher, Filme, Serien) einreden, dass sie das wollen müssen? Ich denke seit langer Zeit darüber nach, komme aber zu keinem Ergebnis. Und die vermeintlich „starken“ Frauen erkennt man immer daran, dass sie absolute Oberzicken sind, und nee–das bin ich nicht, mit so einer will ich mich nicht identifizieren.

    Fest steht für mich nur, dass man gerade an solchen populären Werken sehen kann, dass das Frauenbild noch nicht ganz so fortschrittlich ist, wie wir gerne hätten. Die Rollen sind noch immer klar verteilt.

    Wie liebte ich die Serie „Moonlight“, in der Reporterin und Vampir sich ständig gegenseitig aus der Patsche halfen, und beide gleich verletzlich und stark waren. Das ist eine Dynamik, die man selten hat.

    Comment by Steffi — 24. Januar 2011 @ 23:01

  4. […] Klischees in Buch und Fernsehen, schwule Helden und Steuererklärungen spreche. Neugierig? Auf Darkstars Fantasy-News kann man es […]

    Pingback by Lena Falkenhagen » Ein Interview auf Darkstars Fantasy-News — 17. Februar 2011 @ 11:34

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