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18. Dezember 2011

Wie ein Märchen entsteht
Interview mit Regisseur Wolfgang Eißler

Category: Interviews – Darkstar – 17:45

Die zertanzten Schuhe (DVD Cover 2011)Ich liebe Märchen. Ich liebe Märchenfilme. Und ich liebe die ARD-Märchenneuverfilmungen aus der „Auf einen Streich“-Reihe (zumindest sehr viele davon). Im vergangenen Jahr konnte ich sogar bei den Dreharbeiten zum „Blauen Licht“ hineinspitzen und habe für die Nautilus einen Setbericht über die neuen Märchenfilme verfasst. Seinerzeit hatte ich mich mit Darstellern, Produzentinnen und Drehbuchautoren unterhalten.

Dieses Jahr stand mir Regisseur Wolfgang Eißler Rede und Antwort, was mich besonders freut, da er sich nicht nur sehr viel Zeit für das Interview genommen hat, sondern auch, weil er mit „Brüderchen und Schwesterchen“ und „Die kluge Bauerntochter“ für zwei Märchenfilme der Reihe verantwortlich ist, die mir besonders gut gefallen haben.

Wolfgang Eißler wurde 1971 in Bretten/Baden geboren und träumte schon als kleines Kind davon, Regisseur zu werden. Sein erster Kinofilm, „Berlin am Meer“, kam 2008 in die Kinos. In diesem Jahr hat er gemeinsam mit seinem Team das Grimmsche Märchen von den „Zertanzten Schuhen“ verfilmt, das am 2. Weihnachtsfeiertag um 15:20 Uhr im Ersten laufen wird.

Im folgenden Interview verrät er unter anderem, vor welche Herausforderungen ihn diese Vorlage gestellt hat und wie ein Märchen entsteht:

Lieber Herr Eißler: Wie sind Sie eigentlich zum Märchenfilm gekommen?

Das kam ganz prosaisch: Das TV-Studio hat mich angefragt. Man kannte mich dort aufgrund meiner Regiearbeit für „Löwenzahn“.

Wolfgang Eißler (c) Anna Joos ManagementIch war sehr froh, dass sie mir das damals als Regieanfänger zugetraut haben. Allerdings hatte ich bereits im Vorfeld laut verkündet, dass ich davon träumen würde, einmal in meinem Leben ein Märchen zu drehen. Märchenfilme fand ich schon immer toll!

Als Kind war ich total verliebt in Libuse Safrankova und die Vorstellung, selbst ein Märchen drehen zu dürfen und in Kindern das auszulösen, was die tschechischen Märchenfilme bei mir ausgelöst haben, ist ein starker Beweggrund. Er hilft mir auch, wenn ich nach Lösungen suche. Dann denke ich darüber nach, was mir Spaß gemacht hat und was ich besonders mochte.

„Die Zertanzten Schuhe“ ist ein weitgehend unbekanntes Märchen: Sehen Sie das eher als Chance oder als Problem?

Das hat Vor- und Nachteile. Ganz profan gesagt haben bekannte Namen wie „Schneewittchen“ und „Aschenputtel“ natürlich ein größeres Potential, was die Einschaltquote betrifft. Das ist leider tatsächlich so.

Auf der anderen Seite hat das Publikum aber auch wahnsinnige Erwartungshaltung an die Neuverfilmung von Märchen wie „Dornröschen“, weil man die Klassiker wie z. B. die Disney-Filme kennt.

Im Rahmen unseres Drehzeitraums und Budgets kann man mit großen Hollywoodproduktionen aber nicht konkurrieren. Man muss andere Lösungen finden – und ich finde, das kann einem auch gelingen. Große Effekte aber, wie sie beispielsweise bei „Harry Potter“ Gang und Gebe sind – das geht einfach nicht bei uns. Deshalb empfinde ich es manchmal auch ganz gut, wenn man nicht einer ganz großen Erwartungshaltung ausgesetzt ist – und nicht konkurrieren muss mit den Bildern, die jeder kennt.

Zauberei und Magie spielen in diesem Märchen eine große Rolle …

Die Prinzessinnen in der UnterweltJa, aber das Budget hat sich trotzdem nicht geändert. „Die kluge Bauerntochter“ kam ganz ohne magische Effekte aus. „Die Zertanzten Schuhe“ dagegen spielen zum Teil in der Unterwelt, in einer nächtlichen Traumwelt – die man übrigens ganz verschiedentlich interpretieren. Dadurch, dass das Budget beschränkt ist, ist man als Regisseur, Autor oder Kameramann gezwungen, Lösungen zu finden – und die sind oft nicht immer die schlechtesten.

Wir haben die komplette Unterwelt so gestaltet, dass die zwölf Prinzessinnen nachts durch einen Spiegel gehen. Die Szenen, die in der Traumwelt spielen, haben wir über verzerrte Spiegel gefilmt und setzen Zeitlupe ein. Das sind relativ einfache Mittel, es ist im Rahmen herstellbar und trotzdem entsteht eine sehr besondere, verzauberte Atmosphäre – etwas, das ich so im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen habe.

War das die besondere Herausforderung an diesem Märchen?

Die größte Herausforderung bestand darin, zwölf Prinzessinnen in einem Bild zu führen!
Bei anderen Verfilmungen des Stoffes haben die Produzenten die Anzahl der Prinzessinnen reduziert. Aber das besondere an dem Märchen sind eben die zwölf Mädchen! Wenn ich irgendeine Freundin gefragt habe, woran sie sich aus ihrer Kindheit an dem Märchen noch erinnern kann, dann waren das immer die zwölf Prinzessinnen, die etwas Verbotenes getan haben.

Der König und seine TöchterWir haben schwer darum gekämpft, das Märchen so umzusetzen. Insofern war das eine Herausforderung aus Budgetgründen. Schließlich kann man es sich nicht leisten, zwölf Hauptdarstellerinnen zu bezahlen. Wir haben Kleindarstellerinnen gecastet, die sehr begabt sind, aber keine Sprechausbildung und Erfahrung hatten. Die innerhalb kürzester Zeit dorthin zu bringen, dass sie sich in einem Bild bewegen, glaubhaft erscheinen und sie so zu inszenieren, dass sie wie eine homogene Prinzessinneneinheit spielen, war für mich die größte Herausforderung als Spielführer. Das war wirklich nicht ohne!

Und dann gab es ja noch einzelne Szenen, wo zu den zwölf Prinzessinnen noch zwölf Prinzen hinzukommen und weitere Rollen. In einer Szene gab es achtundzwanzig Figuren! Das war heftig!!

Waren Sie an der Stoffauswahl der Märchenfilme beteiligt?

Um die Stoffauswahl kümmert sich die Redaktion der Sender. Glücklicherweise stoße ich aber relativ schnell hinzu. Diesmal war ich von Anfang an dabei. Bei „Brüderchen & Schwesterchen“ stand das Drehbuch schon komplett.

In den letzten beiden Produktionen war die Zusammenarbeit sehr eng und sehr konstruktiv, eigentlich schon ideal. Mit Frau Kreis, die die Drehbücher schreibt, habe ich bei „Die kluge Bauerntochter“ sehr eng zusammen gearbeitet, und so sind viele Ideen von der Redaktion, von der Produzentin und auch von mir in das Drehbuch eingeflossen. Das hat sich jetzt noch einmal gesteigert.

Für „Die Kluge Bauerntochter“ haben Frau Kreis und ich den Robert Geisendörfer Preis in der Sparte Kinderregie und –buch gemeinsam gewonnen. Das war in diesem Fall total schön, weil wir die Arbeit am Film auch als Zusammenarbeit empfunden haben.

In der Umsetzung von „Die kluge Bauerntochter“ spielt die Romantik eine sehr große Rolle. Im Originalmärchen der „Zertanzten Schuhe“ haben allerdings der Soldat und Prinzessin kaum etwas miteinander zu tun. Er heiratet zum Schluss die Erstgeborene, damit er selbst bald König wird, wie er sagt. Nicht gerade traumhaft. Wie wichtig ist die Romantik in einem ARD-Märchen?

Die kluge Bauerntochter (Wolfgang Eißler bei den Dreharbeiten)Da gibt es ganz verschiedene Herangehensweisen. Oft wird die Romantik einfach nur behauptet. Wir haben die Vorlage sehr abgeändert, weil die Moral der Geschichte sehr mittelalterlich ist und nichts mehr mit unserer Zeit und unserem Empfinden zu tun hat. Die Mädchen machen etwas Verbotenes, werden verhört … Das Tanzen steht stellvertretend für den verbotenen sexuellen Akt. Im Mittelalter und den festen Geschlechterrollen seinerzeit war das logischerweise ein großes Thema. Heute haben wir aber hierzu ein ganz anderes Verständnis und deshalb wollten wir die Geschichte anders erzählen. Es geht darum, dass man manchmal Verbote übertreten muss, um selbst erwachsen zu werden. Es gibt Dinge, die wir uns selbst erarbeiten müssen, weil sie nur selbst erfahrbar sind. Wir müssen selbst unsere Erfahrungen sammeln, damit sie etwas für uns bedeuten!

Im Märchen kommen die unglaublichsten Paare zusammen: Der König heiratet das Bauernmädchen; die Prinzessin den Soldaten. Sehen wir auch mal ein ARD-Märchen, in dem sich der Prinz in einen Jägersmann verliebt oder die Prinzessin in die Küchenmagd?

(Lacht) Eine spannende Frage. Ehrlich gesagt, befürchte ich: Nein.
Das Genre wird noch sehr traditionell angegangen und so etwas gibt es auch nicht in den ursprünglichen Vorlagen. Andererseits sind jetzt bereits so viele Märchen gedreht worden, und der Kaiser in „Des Kaisers neue Kleider“ wurde immerhin sehr – wie man so schön sagt – metrosexuell angelegt. Der lebt sich über seine Kleider aus. Das hat zwar auch wieder eine gewisse Klischeehaftigkeit an sich, aber immerhin …

Wie gruselig wird es denn diesmal?Im Traumreich

Es fließt kein Blut. Es kommt eigentlich niemand richtig zu Schaden. Es wird hoffentlich sehr spannend und eine Person soll sogar gehenkt werden. Für ganz kleine Kinder könnten die Traumsequenzen gespenstig wirken, durch die verzerrten Stimmen und die verzerrte Perspektive.

Wie läuft die Arbeit an einem Märchenfilm ab – von der Idee bis zum fertigen Film?

Zuerst gibt es natürlich die Bucharbeit. Es gab mehrere Treffen, an denen – meist – alle Verantwortlichen teilgenommen haben. Wir haben zusammen die Struktur des Films festgelegt und Frau Kreis hat die Ideen dann ausgearbeitet und um eigene Einfälle ergänzt. Am Drehbuch haben wir so lange gearbeitet, bis alle zufrieden waren.

Die Arbeit am Skript verläuft am Ende parallel zu der Zeit, in der man nach Drehorten und Schauspielern sucht. Anschließend geht es relativ normal weiter, wie bei jedem anderen Dreh. Das heißt, abgesehen davon, dass man viel anspruchsvollere Motive hat: Man muss Burgen und Schlösser finden, die „drehbar“ sind. Das ist nicht wie bei einem „Tatort“, wo man an jeder Straßenecke etwas machen kann. Man muss abgeschottete Plätze finden, die nicht komplett modernisiert wurden oder moderne Dächer und Regenrinnen besitzen.

Wir suchen nach real nutzbaren Motiven, die auch bezahlbar sein müssen. Oft sind sie viel zu teuer. Da sieht man sich dann bei der Arbeit an einem Märchenfilm vor vielfältige Probleme gestellt. Das stellt man sich leichter vor, als es eigentlich ist.

Zwischendurch trifft sich das Team immer wieder, bespricht die Fotos, die von den Örtlichkeiten gemacht wurden und diskutiert, ob diese Sinn für die Geschichte machen und was im Drehrahmen alles bewältigt werden kann.

Man muss immer wieder los. Bei der „Klugen Bauerntochter“ habe ich mich selbst ins Auto gesetzt, um bestimmte Drehorte anzuschauen, weil ich vor Ort besser fühlen kann, ob etwas Sinn macht und man da drehen kann, ob sich die Atmosphäre für die Geschichte richtig anfühlt. Ein Location Scout hat einfach nicht das gleiche Gespür für die Geschichte.

Wie lange dauert die Arbeit an einem Märchenfilm?

Bei den „Zertanzten Schuhen“ dauerte es über ein Jahr von der ersten Drehbuchbesprechung bis zur Endabgabe.

Die zertanzten Schuhe - Der SchlaftrunkAm Anfang trifft man sich allerdings nur alle paar Monate mal; ein halbes Jahr vor Drehbeginn geht es dann an die Motivsuche. In dieser ersten Phase trifft man sich nur stundenweise mit Teammitgliedern.

Richtig ans Eingemachte geht es zwei Monate vor Drehbeginn, wenn die Verträge mit Schauspielern geschlossen, Castings abgehalten werden. Wenn die Proben beginnen, man sich vor Ort mit den technischen Mitarbeitern trifft. Vor allem mit dem Kameramann verbringt man dann viel Zeit, um mit ihm einen Stil zu finden, mit dem man das Märchen umsetzen und erzählen will. Im Verlauf dieser Treffen werden ganz viele inhaltliche Fragen aufgeworfen.

Der Kameramann spielt beim Film eine wichtigere Rolle, als man denkt, oder?

Ab dem Zeitpunkt, ab dem das Drehbuch steht, wird der Kameramann mein wichtigster Komplize beim Filmemachen. Im Idealfall bestimmen zwei Leute den Film wesentlich mit: Der Kameramann und der Cutter: sie nehmen Einfluss auf den Rhythmus des Films und bestimmen das Aussehen. Mit beiden zusammen findet der Regisseur die Atmosphäre.

Das Märchen sieht aus, wie Kameramann und Regie das wollen. Ohne einen der beiden würde das Endergebnis anders aussehen. Die meisten Kameraleute sind auch dramaturgisch wahnsinnig geschult und helfen mir, mir über bestimmte Dinge in der Geschichte klarer zu werden. Ich selbst bin sehr visuell orientiert und dadurch kann ich die Arbeit des Kameramanns ebenfalls mit beeinflussen. Das ist sehr fruchtbar.

Was macht den Reiz von Märchen aus und weshalb ist die ARD-Reihe so erfolgreich?

Märchen sind in unserem Kulturkreis zeitlose Klassiker. Unsere Eltern kennen sie. Wir kennen sie. Die Stoffe werden von Generation zu Generation weiter gegeben. Jetzt setzen Eltern ihre Kinder vor die Verfilmung. Und dann werden die Märchen im Kinderprogramm oft wiederholt. Man kann Kinder jederzeit vor ein Märchen setzen, ohne dass man sich zu viele Gedanken machen muss, was die Kleinen da sehen. Klar wird es mal gruselig, aber es sind keine Slasher-Filme, keine heftigen Animes – die meisten sind sehr beschaulich.

Haben Sie selbst ein Lieblingsmärchen?

Als Kind liebte ich „Der Teufel mit den drei Goldenen Haaren“ und „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“. Und wenn man Märchen auch etwas weiter gefasst betrachtet, dann „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren.

Die zertanzten Schuhe - Anton und AmandaWird es im nächsten Jahr mit den ARD-Märchen weiter gehen?

Ich gehe davon aus …

Was steht für Sie als nächstes an?

Derzeit bin ich in der Postproduktion von „Löwenzahn“. Im Winter konzentriere ich mich auf das Drehbuch zu meinem neuen Kinofilm.

Wie sind Sie Regisseur geworden?

Ich fand Filme schon immer ganz toll. Bereits als kleines Kind bin ich in diese Welt abgedriftet und habe Filme mit Lego und Playmobil-Männchen nachgespielt und weiter gesponnen. Gern auch für mich allein. Ich mochte es gar nicht, wenn andere in die Handlung mit eingestiegen sind.

Irgendwann realisierte ich dann, dass es ja auch wirkliche Menschen gibt, die das machen! Damals war ich so 13 oder 14 Jahre alt. Ich komme aus einem 300-Seelen-Dorf und die Welt der Filme war damals so weit weg für mich wie die Vorstellung, Astronaut zu werden.Davon geträumt habe ich ganz lange, aber ich habe mich das nie getraut. Über viele Umwege habe ich mich dann langsam Schritt für Schritt dort herangetastet. Jetzt hat es zum Glück endlich geklappt, so dass ich davon zumindest leben kann.

Aber ich träume natürlich noch von weiteren Herausforderungen und Filmen, die ich machen will. Ein großer Traum von mir wäre, ein Musical zu machen: So eine Mischung aus Michael Jackson und „Die Mädchen von Rochefort“. Das wäre wunderbar!

Das klingt auch faszinierend und ich drücke die Daumen! Vielen Dank für das Interview!

„Die zertanzten Schuhe“ werden am 26.12.2011 um 15:20 Uhr in der ARD erstausgestrahlt.

Meine Rezension zum Film findet ihr hier!

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2 Comments »

  1. Vielen Dank für das tolle Interview!
    Dass es 2012 mit weiteren Märchenfilmen weitergeht, hat ja bereits Sabine Preuschhof (RBB-Abteilungsleiterin für Familie, Bildung und Wissenschaft) in Aussicht gestellt: „Wir wollen nächstes Jahr noch einmal vier Märchen produzieren.“
    Telepool als Vertriebspartner ging noch einen Schritt weiter und gab „Allerleirauh“, „Rotkäppchen“ sowie „Schneeweißchen und Rosenrot“ als bereits geplante Märchen für 2012 bekannt.

    Comment by Märchen - 2012 — 20. Dezember 2011 @ 20:09

  2. Wow! Das klingt ja super!!

    Sowohl „Allerleirauh“ als auch „Schneeweißchen und Rosenrot“ mag ich sehr.

    Wie wäre es denn mit der „Gänsehirtin am Brunnen“ und den „Zwölf Jägern“?!

    Comment by Darkstar — 21. Dezember 2011 @ 14:51

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