Darkstars Fantasy News


16. Oktober 2012

Interview mit Diana Menschig

Category: Interviews – Darkstar – 07:00

Hüter der WorteDer eine oder andere Fantasy-Autor wäre sicher begeistert, wenn er die von ihm erschaffene literarische Welt selbst betreten könnte. Dass das mitunter auch Probleme mit sich bringt, beleuchtet Diana Menschig in ihrem frisch erschienenen Roman „Hüter der Worte„.

Im Mittelpunkt des Buches steht natürlich nicht sie selbst, sondern der fiktive Autor Tom Schäfer, der gerade mit einer Schreibblockade kämpft. Gleich sein Erstling – ein Fantasyroman – war ein Erkaufserfolg und jetzt wollen die Leser mehr. Dumm nur, dass Tom selbst nicht weiß, wie es weiter gehen könnte. Dann geschieht das Unglaublich: Er wird in seine eigene Fantasy-Welt versetzt und trifft auf seinen Romanhelden.

Im Interview verrät Diana Menschig uns etwas über die Helden ihres Romans,  warum sie das Cover des Buches so liebt und ob sie selbst schon einmal mit einer Schreibblockade zu kämpfen hatte:

Interview mit Diana Menschig

 Worum geht es in „Hüter der Worte“?

Das Buch ist ein Weltenwechsel- oder Buch-in-Buch-Roman, in dem ein junger Autor – Tom Schäfer – feststellt, dass es die vermeintlich ausgedachte Fantasy-Welt seiner Romane samt seinem Helden Laryon wirklich gibt. Da er gerade unter einer ungeheuren Schreibblockade leidet, glaubt er, dass Problem damit lösen zu können, Laryon in eine bestimmte Richtung zu schubsen.

Umgekehrt ist es die Geschichte des Grenzwächters Laryon, der eigentlich ein erfülltes und zufriedenes Leben lebt – bis er eines Tages bemerkt, dass Tom sich in diese Beschaulichkeit einmischt. Laryon ist alles andere als begeistert, denn solche Konzepte sie ‚Schicksal‘ oder Vorhersehung kamen in seinem Weltbild bisher nicht vor.

Dazu kämpft Tom um die Liebe seines Lebens und Laryon muss nebenbei noch die Welt retten. Klar, dass es beide am Ende nur gemeinsam schaffen können…

Wenn Du Dein Buch mit einer Farbe und drei Schlagworten beschreiben müsstest, welche wären das?

Die Farbe ist eindeutig türkis, die Farbe des Covers. Das Cover hat meine Lektorin Martina Wielenberg von Knaur völlig ohne mich entworfen und ich war sofort begeistert. Es trifft den Nerv der Geschichte, die Stimmung und zeigt einen ganz bestimmten magischen Ort der Handlung.

Bestimmung: Die Frage, ob es Schicksal, Vorhersehung und letztlich so etwas oder jemanden wie ‚Gott‘ gibt, müssen die Figuren in der Geschichte jeder für sich beantworten. Und dann müssen Sie mit dieser Antwort leben. Das fällt jeder von ihnen unterschiedlich schwer.

Erzählung: „Hüter der Worte“ ist auch die Erzählung des Erzählens und einer Erzählung. Neben Tom Schäfer als den „Real-Welt-Autor“ gibt es in Laryons Welt den Wanderer, der durch die Lande zieht und den Menschen mehr oder weniger Erdachtes zum Besten gibt. Der Begriff füllt sich damit also auf verschiedenen Ebenen mit Leben.

Wirklichkeit: Für mich war der Roman ein Stück weit das Spiel mit der Wirklichkeit. Es fällt mir nicht schwer, mir vorzustellen, dass es neben dem, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen, noch weitere Dinge gibt. Da schließt sich für mich die Frage an, ob diese Erkenntnis möglich und erstrebenswert ist. Gleichzeitig bin ich sehr rational und fest auf dem Boden der Tatsachen verankert. Solche Betrachtungen bleiben für mich Gedankenspiele. Tom und Laryon dagegen müssen ‚einfach damit leben‘, wie ich als Autorin ihnen ihre Welt, ihre Wirklichkeit und ihre Erkenntnis gestalte.

Verrate uns bitte etwas über die Hauptfiguren Deines Romans.

Tom Schäfer ist vierundzwanzig, studiert in Münster und das Schreiben über Laryon ‚passiert‘ ihm eher zufällig. Er ist ein typischer Geek und Rollenspieler und bewegt sich im virtuellen Raum genau so selbstverständlich wie im realen Leben. Dazu ist er neugierig, probiert gern Dinge aus und hat eine sehr romantische Ader.

Zu Beginn verliebt er sich in die gleichaltrige Melanie Schanz, die er auch seine Muse nennt. Mellie mag Tom ebenfalls, hat aber Schwierigkeiten mit seiner unbedarften Art und wird so zur mahnenden Stimme der Vernunft.

Laryon dagegen ist sehr gewissenhaft und bevorzugt geregelte Strukturen, sowohl in seinem Tagesablauf als auch in seinem Weltbild. Er geht Problemen eher aus dem Weg.

Bis zu Toms Einmischungen ist er einer dieser gelassenen und immer freundlichen Typen, die jeder mag. Die Geschehnisse bringen ihn dann an und sogar über die Grenze seiner psychischen Belastbarkeit, zumal ihm alle Beteiligten ihm ungefragt die Rolle des Helden aufdrängen. Zu seinem Glück hat er einen sehr charakterstarken Mentor namens Nolen und Fynn, seinen besten Freund, an seiner Seite, der allerdings einen sehr ähnlichen Erkenntnisprozess wie Laryon durchmacht.

Sie alle sind Wortgestalten und ein paar von ihnen sind Worthüter, und das macht ihre Beziehungen untereinander besonders. Was das genau bedeutet, ist Teil der Geschichte.

Das klingt, als wäre „Hüter der Worte“ sehr männerlastig. Wie kommt das? Weshalb hast Du als Autorin nicht aus Sicht einer weiblichen Hauptfigur geschrieben?

Das ist eine Frage, über die ich auch schon intensiv nachgedacht habe bzw. nachdenken musste. Für meine Lektorin war die fehlende Identifikationsfigur für die Leserinnen ein wichtiger Kritikpunkt, der dazu führte, dass Toms Freundin Mellie einen wesentlich höheren Anteil hat, als in den früheren Versionen.

Die Antwort lautet jedoch: Ich weiß es nicht. Es fällt mir gleichermaßen leicht oder schwer, über männliche und weibliche Perspektiventräger zu schreiben. Vielleicht liegt es daran, dass ich tendenziell lieber über männliche Hauptfiguren lese. Aber woran das wiederum liegt? Keine Ahnung.

Für mich ist jedenfalls klar gewesen, dass Tom und Laryon das gleiche Geschlecht haben müssen, ansonsten wäre es eine andere Geschichte geworden. Ihr Verhältnis zueinander ist lange Zeit sehr spannungsgeladen. Tom hofft, dass sich irgendwann eine ‚Kumpel-Beziehung‘ ergibt. Das hat irgendwann einfach alles sehr schön zusammengepasst.

Du hast Deinen Protagonisten zum Schriftsteller gemacht. Wie viel von Dir steckt in Tom?

Wenig, sogar eher weniger als in anderen Figuren. Tom ist als Schriftsteller eine Katastrophe! Er arbeitet völlig unprofessionell, ohne Sinn und Verstand und schert sich nicht um die Regeln des Literaturbetriebes. Da er jedoch erfolgreich ist, lässt sein Verleger ihn gewähren und seine Lektorin muss es ausbaden.
Ich hoffe sehr, dass ich nicht so bin…

Ich sollte allerdings ergänzen, dass Tom ein Blog führt. Dort distanziert er sich selbst von der Figur im Buch. Das Blog schreibe logischerweise ich und da gehen Fiktion (Tom) und Wirklichkeit (ich als Autorin) fließend ineinander über. Mit meinem über zwanzigjährigen Rollenspielhintergrund ist das für mich nichts anderes als ein Alternate Reality Game.

Wie bist Du zum Schreiben gekommen? Weißt Du noch, worum es in Deiner ersten Geschichte ging?

Ich habe als Jugendliche geschrieben und es ging um Pferde und Hunde. Mir hatten es aber auch mystische Geschichten angetan, im Stile der „Alfred Hitchcock-Serie“ einer erfolgreichen Schneider Buch Reihe aus meinen Kindertagen. Außerdem besitze ich noch eine schreibmaschinengetippte Geschichte über die Zerstörung des Regenwaldes, mit der ich an einem Wettbewerb beim Bertelsmann-Club teilgenommen habe. Das ist schon sehr typisch in den Achtzigern gewesen. Ich habe damit ein Bücherpaket gewonnen – ich weiß nicht mehr, ob es ein Trostpreis war, der erste Platz war es jedenfalls nicht.

Danach habe ich über ‚das Leben an sich‘ keine Zeit gefunden und ungefähr 20 Jahre nichts geschrieben, bis ich im Januar 2009 einige Wochen krank Zuhause bleiben musste. Da sind die ersten Szenen von Laryon entstanden, in denen ihm bewusst wird, dass sich irgendwer in sein Leben einmischt. Über das Grundkonzept habe ich mindestens fünfzehn Jahre lang immer mal wieder nachgedacht. Es hat sich während der Arbeit stark verändert, ist aber im Kern erhalten geblieben.

Bist Du selbst Fantasy-Fan? Was liest Du selbst gern?

Ich lese alles, von den Ärzte-Roman-Heftchen, die ich als Jugendliche von meiner Oma geklaut habe bis zur Hochliteratur. Es gibt kaum etwas, das ich nicht schon mindestens angelesen habe.

Aber ein Schwerpunkt liegt auf der Fantasy. Und ehrlich: Ich mag Klischees. Mir ist es lieber, sie werden konsequent und liebevoll umgesetzt als krampfhaft vermieden. Robin Hobbs „Liveship-Saga“ ist ein gutes Beispiel oder die ersten Bände des „Schwert der Wahrheit-Zyklus“ von Terry Goodkind. Eines meiner Lieblingsbücher eines deutschen Kollegen ist „Nebenan“ von Bernhard Hennen. Im „Hüter der Worte“ gibt es als Mini-Hommage eine ganz kleine Anspielung auf dieses Buch.

Gab es irgendwelche Fantasy-Klischees, die Du beim Schreiben Deines Romans umschiffen wolltest?

Ich versuche, die Klischees im „Hüter der Worte“ mit einem Augenzwinkern wieder als Klischees zu enttarnen. Da Tom ja Autor ist, kann er das freimütig tun.

So gibt es zum Beispiel eine Prophezeiung, die Laryon in die Wiege gelegt wurde. Da Laryon aber so etwas nicht glaubt, ist die Prophezeiung für ihn natürlich völlig wertlos und sie ist ihm herzlich egal. Die Prophezeiung hatte Tom wiederum in seinen Romanen über Laryon auch nur eingebaut, weil ein Fantasy-Held und eine Fantasy-Geschichte natürlich nicht ohne auskommen können – mit anderen Worten: Das Klischee bedient werden muss! Ob und wie seine „mit dem Holzhammer gestrickten“ Verse dann am Ende eine Rolle spielen, möchte ich natürlich nicht verraten.

Zu Beginn Deines Romans sieht sich Dein Protagonist mit einer Schreibblockade konfrontiert. Hast Du das auch schon erlebt?

Schreibblockaden kenne ich eigentlich nicht. Wenn ich mal keine Lust zu schreiben habe, überarbeite ich fertige Text oder arbeite Figuren- und Handlungskonzepte aus. So lange, dass ich da nichts mehr zu tun hätte, hält keine Unlust an!

Was ich dagegen sehr gut kenne, ist die Unfähigkeit, einen Text zu beenden. Wenn ich mich dem Schluss nähere, finde ich immer noch etwas, was ich dringender tun möchte. Es hilft auch nichts, den Schluss zu schreiben und mir eine Szene in der Mitte des Buches für den letzten Schaffensakt überzulassen. Ich hörte einfach ungern an einer Geschichte auf. Zum Glück weiß ich, dass es nicht nur mir so geht.

Was war das nervenaufreibendste im Zusammenhang mit der Veröffentlichung Deines Debüts – von der Idee bis zum Erscheinen des Buches?

Ich fand tatsächlich das Warten auf das Erscheinen des Buches am Schlimmsten, zumal der Termin aus verlagsinternen Gründen von Frühjahr auf Herbst verschoben wurde. Das Buch war ja seit März 2011 fertig geschrieben, und somit hatten wir noch ein halbes Jahr mehr Zeit für Überarbeitung und Lektorat. Jetzt weiß ich, dass ich eher zu den Leuten gehöre, die ständig immer noch was ändern möchten und nie wirklich zufrieden sind. Wenn man dann viel Zeit hat, ist das natürlich sehr nervend.

In Deinem Roman geht es um einen Menschen aus der realen Welt, der in eine fiktive Welt versetzt wird. Wenn Du selbst einen fiktiven Charakter auf einen Tee oder Kaffee treffen könntest: Wer wäre das und warum?

Lisa Simpson: Sie ist eine intelligente Skeptikerin, unbeirrbar in ihrer Mission, die Welt zu retten. Ich würde ihr sagen, dass mich ihr Mut beeindruckt und dass sie ihren Weg gehen soll. Und ich würde gerne wissen, wie sie es mit ihrem Vater Homer aushält.
Ich bin erst kürzlich mit Lisa verglichen worden, aber ich bin nicht sicher, ob es ein Kompliment war…

Ist „Hüter der Worte“ der Auftakt einer Reihe? Woran arbeitest Du gerade?

„Hüter der Worte“ ist als Roman definitiv abgeschlossen. Ich könnte mir zwar vorstellen, weitere Geschichten in diesem Universum anzusiedeln, derzeit ist das jedoch nicht geplant. Eine Hauptfrage des Buches ist, wie und warum diese Welt so funktioniert, wie sie es tut. Das wird fast vollständig gelöst. Der Reiz der Entdeckung ist damit natürlich dahin und ich bin noch nicht so sicher, ob es für Leser mit diesem Wissen noch spannend sein kann.

Ganz aktuell mache ich tatsächlich Pause. Meine Agentinnen Natalja Schmidt und Julia Abrahams haben jedoch vier neue Projekte, die gegenwärtig Verlagen angeboten werden. Eine epische Fantasy-Geschichte, ein fantastisches Jugendbuch, einen Liebesroman für junge Mädchen und ein kurzes Stück Gegenwartsliteratur. Die letzten beiden sind ganz und gar un-fantastisch.

Dazu geistern verschiedene Anrisse in meinem Kopf herum. Tatsächlich teste ich gerade meine persönlichen Grenzen. Wenn es eine gute Idee ist, kann ich mir vieles vorstellen, ich möchte mich ungern auf ein Genre festlegen.

Vielen Dank!

Wer jetzt neugierig geworden ist, kann „Hüter der Worte“ als Printoder ebook bestellen.

Oder er besucht eine der Lesungen, die im November anstehen.

Toms Worthüter-Blog findet ihr: hier!

Eine Leseprobe gibt es auf der Verlags-Website: hier!

1 Kommentar »

  1. […] Frisch erschienen ist gerade “So finster, so kalt“, der zweite Roman aus der Feder von Diana Menschig (Hüter der Worte). […]

    Pingback by Darkstars Fantasy News » So finster, so kaltMärchen-Krimi aus deutscher Feder | News & Interviews aus der wunderbaren Welt der Fantasy - ein Fantasy Blog — 18. April 2014 @ 16:41

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