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5. Oktober 2013

Interview mit Carolyn Turgeon
zu ihrem Schneewittchen-Rapunzel Mash Up

Category: Interviews – Darkstar – 17:30

The Fairest of them All (Cover)Carolyn Turgeon hat sich als Autorin von Märchenadaptionen einen Namen gemacht: In „Godmother“ wirft sie einen unerwarteten Blick auf das Aschenputtel-Märchen, „The Next Full Moon“ spielt mit dem Mythos der Schwanenjungfrauen, „Mermaid“ ist eine Nacherzählung von „Die kleine Meerjungfrau“ – und zwar abwechselnd aus der Sicht der Meerjungfrau und der Prinzessin, die sich beide in den Prinzen verlieben. In ihrem neuen Roman „The Fairest of them All“ macht sie Rapunzel zu Schneewittchens Stiefmutter.

Im Interview verrät sie, was Rapunzel zur idealen bösen Stiefmutter macht und woran sie gerade schreibt:

Interview mit Carolyn Turgeon

Welche drei Worte beschreiben Ihren neuen Roman am besten?

Düster. Köstlich. Bösartig.

Was hat Sie zu „The Fairest of them All“ inspiriert?

The Next Full MoonIch fühlte mich dazu inspiriert, diese Geschichte zu schreiben, als ich über all diese geschädigten Mädchen aus Märchen nachdachte, die von Prinzen gerettet werden, um danach glücklich bis ans Ende aller Zeiten zu leben … und dann an all die älteren Frauen in Märchen, die böse Königinnen sind, oder Hexen und Stiefmütter.

Ich erkannte, dass genau die eigentlich diese Mädchen sind, nachdem sie erwachsen wurden. Was passiert „bis zum Ende aller Zeiten“ eigentlich genau? Aus diesem Blickwinkel betrachtet, machte es für mich Sinn, dass eine erwachsene Rapunzel zur bösen Königin aus dem Schneewittchen-Märchen werden würde.

Wollten Sie also zuerst Rapunzel nacherzählen und entschlossen sich, ihre Geschichte mit dem Märchen von Schneewittchen zu kombinieren, oder umgekehrt?

Ich entschied mich für beide Märchen gleichzeitig, als ich mir all die Möglichkeiten anschaute und erkannte, wie all diese Geschichten – zumindest all die Geschichten der Frauen – ineinander übergehen. Mein Agent war schon lange der Meinung, ich sollte etwas über Rapunzel schreiben und mein eigenes Lieblingsmärchen war schon immer Schneewittchen.

Ich beschäftigte mich mit beiden Erzählungen und es passte so gut zusammen: Rapunzel lebt bei einer Hexe; einer Hexe, die sie ihren Eltern fortnimmt und in einen Turm sperrt. Es ist wahrscheinlich, dass sie auch zu einer Hexe heranwächst. Der Prinz verliebt sich in sie, weil sie so umwerfend schön ist. Sie verkraftet es nicht gut, dass ihre Schönheit anfängt zu verwelken – weil sie davon überzeugt ist, dass diese der Grund ist, weshalb die Menschen sie mögen.

Es ist unvermeidlich, dass ihr Herz bricht, und bei all der Magie, die ihr zur Verfügung steht, ganz zu schweigen vom Zauberspiegel (den in meinem Roman die Hexe Rapunzel als Hochzeitsgeschenk gibt) … es ist klar, dass das kein gutes Ende nehmen kann!

Was macht Rapunzel zu einer großartigen bösen Königin?

Rain VillageDie Tatsache, dass sie, als wir sie kennen lernen, unschuldig, lebhaft und voller Träume ist, und das wir sie auf ihrem Weg begleiten, auf dem sie ihre Unschuld langsam, aber sicher verliert und ihre Träume zerbrechen. Ich glaube, wenn sich das Herz eines Menschen verhärtet, gibt es normalerweise einen Grund dafür.

Und Rapunzel musste ihre Magie so lange unterdrücken. Ich wollte, dass sie rasend vor Wut wird und dass sie ihre Rache dann alle um sie herum spüren lässt.

Ganz ähnlich geht es der Hexe Mathena, auch wenn deren Geschichte ein ganz anderes Ende nimmt. Aber sie sind beides Frauen, die, nachdem sie große Macht (durch ihre Schönheit, ihre Magie und ihre Position) besessen haben, zur Seite gedrängt werden – und deshalb ziemlich sauer sind.

Was stellte Sie bei den Arbeiten am Roman vor die größten Schwierigkeiten?

Nun, ich wußte, wie das Buch beginnen würde, wie Rapunzel zum Palast kommen, den König heiraten und Schneewittchens Stiefmutter werden würde. Und ich wusste mehr oder weniger, wie der letzte Teil des Buches aussehen würde. Aber der Mittelteil bereitete mir großes Kopfzerbrechen! In meinem ersten Entwurf passierte nicht annähernd genug, und deshalb musste ich das Buch nochmal stark überarbeiten und mehr Wendungen und Überraschungen einbauen.

Zwei Schneewittchen-Blockbuster im vergangenen Jahr; Once Upon A Time und Grimm als Fernsehserien; Fables und Fairest im Comicbereich – warum sind Märchenadaptionen gerade so beliebt?

Ich weiß es nicht, ehrlich … Ich meine, es ist schon sehr faszinierend, sich diese Figuren vorzuknöpfen, die wir seit unserer Kindheit kennen und lieben – und zu denen wir in vielerlei Hinsicht komplizierte Beziehungen haben -, und sie aus neuen, erfrischenden Blickwinkeln zu betrachten.

Außerdem sind sie kalkulierbare Größen, und die Menschen erzählen ihre Geschichten auf der ganzen Welt bereits seit hunderten von Jahren wieder und immer wieder.

Godmother (alternative Cover)Man nehme zum Beispiel Meerjungfrauen. Viele Autoren, die heute über Meerjungfrauen schreiben, wuchsen auf mit den Filmen Splash und Arielle, die Meerjungfrau, zwei sehr erfolgreiche Filme, die ganze Generationen von Frauen beeinflusst haben. Ich weiß nicht, vielleicht kehren die Leute, die heute über Märchen schreiben, zu Geschichten zurück, zu denen sie eine ganz besondere Beziehung hatten.

Gleichzeitig beweist die Popularität von Märchen meiner Meinung nach eine kulturelle Sehnsucht nach Magie und dunklen Wäldern, in denen wir verloren gehen können, aus denen wir aber auch wieder heraus finden.

Wie haben Sie festgestellt, für’s Schreiben Talent zu besitzen – und worum ging es in Ihrer allerersten Geschichte?

Ha! Nun, ich wollte schon immer Schriftstellerin werden, schon als kleines Mädchen.

Mit acht schrieb ich eine Geschicht über eine Gruppe Kinderdetektive, die aufzuklären versuchten, wer ein Tapir aus dem Zoo von Dallas entführte. Sie lösen den Fall, als sie eine Nachricht von einem Zoowärter an einen anderen entdecken, in der sie ein weiteres Verbrechen planen. Keine sehr schwierige Spurensuche!

Ich illustrierte das Buch auch und verlieh dem männlichen Verbrecher einen schmalen Oberlippenbart und eine Halbglatze – der perfekte 70er Jahre-Bösewicht.

Haben Sie irgendeine seltsame Angewohnheit beim Arbeiten?

Ich glaube nicht, abgesehen davon, dass ich überall schreibe, normalerweise auf dem Laptop. Ich reise sehr viel, deshalb schreibe ich ständig in Hotelzimmern, Bussen, im Flugzeug, Cafes oder in den Gästezimmern von Freunden. Meinen Roman Mermaid beendete ich im Zug auf dem Weg von Berlin nach Prag, auf einen winzigen Netbook.

Als ich noch jünger war, glaubte ich, dass ich zum Schreiben ganz bestimmte Umgebung brauchen würde, aber mit der Zeit stellte ich fest, dass das nur eine Ausrede war – um nicht zu schreiben!

MermaidWo Sie Mermaid erwähnen: Gibt es Neuigkeiten zur geplanten Verfilmung?

Naja, Sony Pictures erwarb 2011 die Option der Filmrechte an Mermaid, und sie erneuerten die Option vergangenen Herbst. Ich weiß, dass es ein fertiges Drehbuch von Shana Feste gibt, die im Fall der Fälle auch die Regie übernehmen soll. Abgesehen davon weiß ich nichts. Es könnte jeden Tag soweit sein, dass sie mit der Verfilmung beginnen – und es könnte nie passieren. Ich drücke einfach weiter die Daumen.

Ich nehme an, Sie sind selbst auch Märchenfan …

Ja, Schneewittchen ist wie gesagt mein Lieblingsmärchen, weil es so unheimlich und düster und wunderschön ist. Ein anderer Favorit ist Hans Christian Andersens Die kleine Meerjungfrau, auch weil ich die Idee liebe, dass er das Märchen aus Verzweiflung und Herzschmerz geschrieben hat – als sein eigenes Herz gebrochen wurde, erschuf er diese wunderschöne traurige Meerjungfrau, die liebt, aber nicht zurückgeliebt wird und sich deshalb in Meerschaum verwandelt. Wenn einem schon das Herz gebrochen wird, dann mit Stil!

Wird es in Zukunft weitere Märchenadaptionen aus Ihrer Feder geben?

Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich mit den Märchen jetzt durch bin, auch wenn ich ein paar Kurzgeschichten schreiben möchte, die dieses Genre streiften könnten.

Zur Zeit arbeite ich an einem Krimi, den ich schon ewig schreiben will. Ich liebe Krimis mehr als alles andere, vor allem die Klassiker von Autoren wie Raymond Chandler oder Patricia Highsmith. Thematisch sind die gar nicht so weit von Märchen entfernt: Im Grunde genommen geht es in Schneewittchen doch über einen grandiosen Bösewicht und ein wahrhaft spektakuläres Verbrechen.

Vielen Dank!

Carolyn Turgeons Website findet ihr hier!

Meine Rezension zu „Mermaid“: hier!

„The Fairest of them All“ bestellen: Print, ebook!

1 Kommentar »

  1. […] sie zu den Stiefmüttern, Hexen und bösen Königinnen werden, vor denen wir uns fürchten, hat sie in einem Interview […]

    Pingback by Darkstars Fantasy News » Carolyn Turgeon: The Fairest of them All | News & Interviews aus der wunderbaren Welt der Fantasy - ein Fantasy Blog — 23. November 2013 @ 13:54

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