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12. April 2014

Patricia A. McKillip: Meereszauber

Category: Rezensionen,Romane – Darkstar – 12:00

MeereszauberWenn ich lieben könnte, würde ich dich lieben

Seit ihr das Meer ihren Vater genommen und damit den Verstand ihrer Mutter scheinbar aus unserer Welt entrückt hat, hasst die junge Ane die stürmische See, an deren Küste sie lebt. Gemeinsam mit der verträumten Carey und der vernünftigen Mare schrubbt sie tagsüber in der Gaststätte des Fischerdörfchens, an dessen Rand sie lebt. Nachts jedoch wirft sie dem Meer wütende Blicke zu und flüchtet in eine leerstehende abgelegene Hütte am Strand.

Dort begegnet ihr unvermutet Kir, der geheimnisvolle, dunkle Sohn des Königs mit den verlorenen Augen, der sich ebenso stark nach dem Meer sehnt wie Ane es hasst. Als er erfährt, dass das junge Mädchen einen Zauber wirkt, um die Gefahr, die vom Reich unter den Wellen ausgeht, endgültig zu bannen, bittet er sie, dem Meer eine Botschaft von sich selbst zu übergeben; eine Botschaft, die aus seltsamen Gegenständen besteht, die Ane zusammen mit ihrem Zauber auf die See hinaus schleudert.

Anes Zauber wirkt, aber anders, als sie das erwartet: Vor der Küste erhebt sich ein gewaltiger Seedrache aus den Fluten, um seinen Hals eine schwere Kette aus purem Gold. Sein Auftauchen stellt das ruhige Leben im Küstendörfchen auf dem Kopf: Die Fischer schmieden kuriose Pläne, um das Gold in ihren Besitz zu bringen, Scharlatane und Zauberer tauchen im Dorf auf, unter ihnen der Hexer Lyo, der ganz anders ist als seine Zunftgenossen.

Mit seiner Hilfe sucht Ane das Geheimnis zu ergründen, das den Seedrachen umgibt – ein Geheimnis, von dem auch Prinz Kir ein Teil zu sein scheint und das ebenso tragisch ist wie Anes Geschichte.

Mit gerade Mal 196 Seiten ist Patricia McKillips „Meereszauber“ ein eher dünner phantastischer Roman – das ist aber überraschenderweise gar nicht schlimm, denn die Geschichte verströmt viel Magie und märchenhafte Atmosphäre und ist in sich rund und gelungen. Wie in „Winterrose“ gelingt es der Autorin hier, aus klassischen Versatzstücken von Märchen und Sagen eine eigene, verzauberte Geschichte zu spinnen, Seemannsgarn könnte man sagen, aus weiblicher Sicht erzählt.

Meereszauber“ berührt, und das liegt nicht nur an der Geschichte, die – wenn man es genau nimmt – so besonders eigentlich gar nicht ist, sondern vor allem an der außergewöhnlichen Erzählkunst von McKillip. Ihre Sprache ist versponnen und wunderschön wie ein prächtiger Gobelin, ihr gelingt es, in nur wenigen Worten Charakatere – selbst Nebenfiguren wie Mare und Carey – dreidimensional erscheinen zu lassen. Ihre Zeilen atmen Sehnsucht, lassen den Leser das Wunderbare der Anderswelt ebenso spüren wie die Gefühle ihrer Figuren, selbst wenn sie sie nicht direkt ausspricht. Das ist schon ein ganz besonderes Talent, das Patricia McKillip besitzt.

Natürlich muss man so eine Sprache auch mögen:

Niemand wußte so richtig, wo Ane eigentlich wohnte, in jenem Jahr, nachdem das Meer ihren Vater bei sich behalten und sein Boot, eingesponnen in ein Gewirr aus Fischnetzen, wie eine leere Muschelschale an den Strand zurückgeworfen hatte.

schreibt sie etwa. Und:

Seine Augen ließen von ihr ab, wanderten zu den letzten zitternden Lichtstreifen auf dem Meer. „Du weißt warum“, flüsterte er. Seine Lippen streiften die ihren, kalt, doch sie wußte, er gab ihr all die Wärme, die er besaß. „Wenn ich lieben könnte, würde ich dich lieben“, sagte er leise. Nach einer Weile lächelte sie. „Was ist daran komisch?“
„Wenn du lieben könntest“, sagte sie schlicht und hatte dabei das Gefühl, als ob sie sich einen gewaltigen Schritt von sich selbst entfernt hätte, „dann würdest du nicht ausgerechnet mich lieben.“

Von der Atmosphäre her erinnert mich „Meereszauber“ an Bücher wie „Das letzte Einhorn“ von Peter S. Beagle – das Wunderbare und das Alltägliche vermischen sich, ohne das es großer Erklärungen bedarf, zu einer Geschichte, die im Leser nachhallt. Wenn „Winterrose“ ein Winterbuch ist, so ist „Meereszauber“ ein Sommerbuch, das sich aufgrund seiner magischen Meeresatmosphäre sicher gut auch beim Strandurlaub – ob nun an Nord- und Ostsee, oder am Mittelmeer – lesen kann.

Wer ruhige, poetische Geschichten mag, die von Meeresungeheuern und Seejungfrauen, von verratener und gefundener Liebe handeln und von Mädchen, die sich für schlicht halten und dabei nicht erkennen, wie wunderbar sie eigentlich sind, für den ist „Meereszauber“ genau das richtige. Ein Buch, das man nicht verpassen sollte, auch wenn er derzeit auf Deutsch nur antiquarisch erhältlich ist.

Das Buch bei Amazon bestellen: deutsch; englisch!

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