Darkstars Fantasy News


28. Oktober 2014

Thomas Finn: Wie ein Roman entsteht
Blogtour zu AQUARIUS

Category: News – Darkstar – 08:00

Aquarius

Seit Ende letzter Woche läuft eine Blogtour zu Thomas Finns aktuellem Mystery-Thriller „Aquarius„, in dem es um unheimliche Wasserwesen in der Nordsee geht.

Nach Zwischenstops bei Papiergeflüster, den Bookwives und der Kaugummiqueen macht Thomas Finn heute hier Station und berichtet exklusiv in einenm Werkstattbericht, wie (s)ein Roman entsteht.

Wie ein Roman entsteht

von Thomas Finn

Als mich Darkstar fragte, ob ich im Rahmen der Blogtour zu meinem Mystery-Thriller AQUARIUS nicht Lust hätte, quasi einen Werkstattbericht zum Entstehungsprozess des Romans zu schreiben, war ich zunächst unschlüssig. Grund dafür war, dass ich (zumindest meiner Erinnerung nach) in meiner Laufbahn als Autor noch nie soviel Zeit zum Grobdesign einer Story benötigte, wie für den vorliegenden Mystery-Thriller – nämlich fast einundeinhalb Jahre.

Damit ist nicht etwa der eigentliche Schreibprozess gemeint. Ich spreche allein von der Zeitspanne, die die Stoff- und Ideenfindung verschlang.

Sicher, ich habe mir schon einmal gute zehn Jahre im Vorfeld eines Romans für die entsprechende Recherche Zeit gelassen, und zwar damals bei Der Funke des Chronos. Aber für’s Austüfteln? Die Frage, die ich mir daher stellte, war: Schaffe ich es nach all der Zeit, die einzelnen Teile des Entstehungsprozesses dieses Romans chronologisch richtig wiederzugeben? Ist das möglich, ohne die Story zu entzaubern oder wesentliche Handlungsstränge zu verraten? Vor allem: Interessiert das den Leser überhaupt?

(Anmerkung Darkstar: Ja! Was für eine Frage …)

Andererseits, warum nicht? Für jene, die nicht schreiben, aber gern lesen, mag es gegebenenfalls ja reizvoll sein, den verschlungenen Weg vom Beginn einer Story bis zur letzten Zeile aus Sicht des Autors nachzuerleben. Und jene, die nicht nur gern lesen, sondern ebenso wie ich gern schreiben – speziell natürlich die Anfänger unter den Kollegen – vermögen den kommenden Zeilen vielleicht auch noch den einen oder anderen nützlichen Ratschlag zu entnehmen.

Der vorliegende Werkstattbericht soll also nicht nur allgemein Einblicke gewähren, wie ich beim Schreiben so vorgehe, sondern auch die Methoden zeigen, die ich beim Entwickeln einer Geschickte anwende – speziell anhand dieses Romans. Vor allem aber hoffe ich, dass der Artikel all jenen Kollegen Mut macht, die ebenfalls schon viel zu lange über einer Idee brüten.

Plotten – das A und O beim Schreiben

Zunächst: Ich bin bekennender Plotter. Als »Plotter« bezeichnet man im Autoren-Jargon jene Schreiber, die sich bereits vor dem ersten geschriebenen Satz mehr oder minder minutiös mit ihrer Story auseinandergesetzt haben. Dem gegenüber stehen die sogenannten »Bauchschreiber«, die ausgehend von einer Idee einfach mal loslegen und dann sehen, wohin sie die Story führt.

n/aJedem seine persönliche Arbeitsweise, aber ich persönlich kann der Bauchschreiberei nur wenig abgewinnen. Mal abgesehen davon, dass ich als Autor zum Beispiel das Ende einer Geschichte kennen muss, um den Leser möglichst spannend und vergnüglich auf falsche Fährten führen zu können, Bauchschreiber tendieren auch deutlich häufiger zu sogenannten »Schreibblockaden«. Was das ist? Nun, ganz allgemein gesprochen der Umstand, irgendwann kein einziges Wort mehr zu Papier bringen zu können, ohne, dass es sich grundsätzlich falsch anfühlt. Kurz, man sitzt verzweifelt am Rechner, starrt auf den Cursor – und ist beim Schreiben blockiert.

Sieht man sich in Schreibforen um, dann sind Schreibblockaden sehr weit verbreitet. Hört sich ja auch verdammt künstlerisch an. Tatsächlich ist es so, dass Geschichten – in erster Linie die, in denen viele Handlungsstränge zusammenlaufen – nicht einfach vom Himmel fallen. Autoren sind entgegen landläufiger Ansicht nämlich keine Auserwählte, die im Schlaf von lieblichen Musen geküsst werden und so dafür sorgen, dass sie am nächsten Morgen frisch und inspiriert zu Werke gehen können (auch wenn es Kollegen gibt, die diesen Nimbus gern nähren …). Autoren sind trotz allen Talents zu einem Gutteil Handwerker, die sich ihre Geschichten ausdenken müssen. Punkt. Und das ist manchmal eine verdammt schwieriger und entnervender Prozess, den man dem Endprodukt – im konkreten Fall dem Roman – keinesfalls anmerken darf. Kommt noch ein rasch näher rückender Abgabetermin hinzu, kann sich eine Schreibblockade für den betreffenden Autor regelrecht tödlich auswirken. Und das nicht bloß deswegen, weil es Verlage keineswegs schätzen, wenn Manuskripte zu spät oder gar nicht eintrudeln.

Schreibblockaden sind somit nicht Ausdruck eines künstlerischen Tiefs, auch wenn das gern so kolportiert wird, eine Schreibblockade tritt schlicht dann ein, wenn man als Autor nicht weiß, welche Richtung die Story einschlagen soll. Dass Bauchschreiber öfter unter diesem Problem leiden als Plotter, liegt somit schlicht daran, dass diese während des Schreibens das nachholen müssen, was Plotter bereits vorher getan haben: nämlich die Geschichte in Gedanken auszuspinnen. Logisch. Phantasievoll. Und möglichst spannend.

Aus diesem Grund plotte ich … vorher!

So geschehen auch bei AQUARIUS. Ein guter, ausgearbeiteter Plot dient mir während des Schreibens nicht nur als Orientierung und bewahrt mich (in der Regel) davor, in die Fallen der Unlogik zu tappen, er erleichtert mir auch das Schreiben eines Exposés. Damit ist eine drei bis zehnseitige Zusammenfassung der Story gemeint, mit der man sich für gewöhnlich bei Verlagen bewirbt. Diese wollen schließlich wissen, was auf sie zukommt.

Im Exposé-Stadium ist es auch viel leichter, der Story nötigenfalls noch neue Wendungen oder Twists zu verleihen, als dies bei einem fertigen Roman der Fall wäre. Schon mal einen fertiggestellten 500 Seiten-Roman um- und neugeschrieben? Nein? Ich zum Glück auch nicht. Aber ich kenne Kollegen, die daran fast verzweifelt sind.

Die Ausgangsidee

Zurück zu AQUARIUS. Wie immer stand auch bei diesem Roman am Anfang zunächst die Idee. Bei Recherchen zu einem anderen Thema stieß ich nämlich erstmals auf die Melusinen-Sage. Dabei handelt es sich um eine äußerst populäre Sage aus dem Hochmittelalter, die heutzutage weitgehend unbekannt ist, und in der eine sogenannte »Mahrtenehe« im Mittelpunkt der Handlung steht. Damit ist die Verbindung zwischen einem Menschen und einem Fabelwesen gemeint – in diesem Fall eine Wassernymphe.

MelusineMelusine ist in der Sage eine hübsche Maid, die eines Tages Bekanntschaft mit einem Ritter macht. Letzterer ist so fasziniert von ihr, dass er sie bittet seine Gemahlin zu werden. Melusine willigt unter der Bedingung ein, dass der Ritter sie an jedem sechsten Tag nicht aufsuchen darf, ein Tag, an dem sie jeweils ungestört badet.

Die beiden heiraten, bekommen Kinder und alles geht seinen Gang – bis es der Herr Gemahl vor Neugierde nicht mehr aushält und das Tabu bricht. Er beobachtet Melusine im Badezuber und entdeckt zu seinem Entsetzen, dass sie einen Fisch- bzw. Echsenschwanz besitzt. Melusine verschwindet und lässt den Ritter mit den Kindern zurück.

Alles hochdramatisch (die Sage lässt sich übrigens in epischer Breite bei Wikipedia nachlesen). Ebenso spannend war es, dass noch heute ein real existierendes französisches Adelsgeschlecht existiert, das sich bis heute auf Melusine als Ahnherrin beruft. Wow. Das sind Seltsamkeiten, auf die man als Autor gern stößt. Damit war auch eine erste Idee geboren. Denn wie wäre es, wenn solche Wesen und solche Verbindungen wirklich existierten?

Eine Idee macht noch keinen Roman

Wie die Eingangsaussage dieses Kapitels schon verrät, macht eine Idee allein noch keinen Roman. Eine gute Story muss vielmehr über viele gute Ideen verfügen. Vor allem muss man sich als Autor klar über die Thematik und Richtung werden, die die Story einschlagen soll.

Da ich seit meinem Roman »Weißer Schrecken«, in dem es um die düsteren Hintergründe der Knecht Ruprecht-Sage geht, schon länger keinen Horror-Stoff mehr geschrieben hatte, stand mir unbedingt der Sinn nach einer neuen Mystery-Story. Im Rahmen weiterer Recherchen fiel mir rasch auf, dass es kaum gute Horror- und Mysterystoffe um Sirenen, Meerjungfrauen, Nixen, Nymphen und ähnliche Wesen gibt. Die wenigen löblichen Ausnahmen sind die Filme Der Todesengel aus der Tiefe und Marmorera – der Fluch der Nixe. Spätestens da war mir klar, dass ich mit AQUARIUS (der Titel stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest) eine interessante und absolut unverbrauchte Stoffidee am Haken hatte. Nur, welche Richtung der Stoff einschlagen würde, das wusste ich immer noch nicht.

Weisser SchreckenJetzt begann eine ebenso spannende wie zermürbende Zeit. Ich recherchierte querbeet und nahm jeden Aspekt der Sage und der damit einhergehenden Bezüge unter die Lupe. Eine Phase, die man üblicherweise als »Brainstorming«, als »Ideenfindung«, bezeichnet und in der kein Gedanke zu abstrus und kein Weg zu weit sein darf. Denn man weiß nie, was am Ende evtl. dabei herauskommt: Nymphen, Meerjungfrauen und Sirenen. Odysseus-Sage, Wassergottheiten, unzählige Märchen aus Europa und Japan. Ich las praktisch alles zum Thema. Ich konsultierte das Internet, recherchierte in Bibliotheken, kaufte Bücher und befragte Freunde.

Doch nichts. Kein weiterer Aufhänger, aber noch immer das unbestimmte Bauchgefühl, irgendwie am Ball bleiben zu müssen. In der Sage heißt es, Melusine bade an jedem sechsten Tag. Samstag also, was ursprünglich auf das römische „Tag des Saturn“ zurückgeht. Saturn wiederum galt als Gott der Aussaat. Ihm zu Ehren wurden die Saturnalien gefeiert, römische Festtage, die am 17. Dezember begannen – die aber leider keinen Bezug zu irgendwelchen Wasserwesen hatten. Wieder umsonst? Immerhin kam ich über den Planetennamen auf die Astrologie, und ich begriff, dass ich in den zurückliegenden Monaten blind gewesen sein musste, denn da gab es doch das Sternbild des Wassermanns. Lateinisch: Aquarius!

Erstmals stand der spätere Titel des Romans als Begriff im Raum. Wer sich ein wenig in esoterischen Gefilden auskennt (zu meiner Entschuldigung: Ich muss das beruflich!), weiß natürlich auch um das friedvolle Wassermannzeitalter, das uns Glücklichen angeblich bevorsteht – und von dem man bis heute nichts bemerkt. Nicht zuletzt bekannt geworden durch das Medley Aquarius des bekannten Musicalhits Hair.

Schnell war ich bei den Siebzigern, der ausgelassenen Zeit der Hippies, die im Roman noch eine Rolle spielen würde. Und mir war bewusst, dass ich zwar noch immer keine richtige Story, dafür aber einen passenden Titel für die Story hatte. Doch es war zum Schuppen abziehen – ich saß auf einem riesigen Steinbruch an möglichen Ideen, nur wollte sich daraus keine funktionierende Geschichte formen. Alles was ich besaß, war mein Bauchgefühl, das mir weiter zurief: Nicht aufgeben!
Reden ist manchmal doch Gold!

Das unendliche LichtBeim Plotten kommt hin und wieder der Zeitpunkt, da man als Autor unwiederbringlich festhängt. Der größte Fehler, den man dann machen kann, ist, alles mit sich selbst ausmachen zu wollen. Inzwischen waren fast sieben Monate verstrichen, und ich musste mir eingestehen, dass ich feststeckte. Dabei ist der beste Weg aus einer gedanklichen Schleife, andere Meinungen einzuholen. Ich konsultierte daher meinen Freundeskreis, unter dem sich glücklicherweise einige befinden, die gern ebenso methodisch vorgehen, wie es auch meiner Arbeitsweise entspricht. Im konkreten Fall zwei Freunde, denen ich den Roman später widmete, und die mir beide ihr Ohr liehen.

Tatsächlich ist es so, dass sich die Lösung für ein Problem oft erst dann einstellt, wenn man das Problem benennt. Besser: wenn man gezwungen ist, es zu benennen. Denn das muss man spätestens dann, wenn man einem Dritten gegenüber versucht, die Problematik verständlich zu machen. Entweder wird einem dann selbst plötzlich klar, wo eine Story hakt und findet die Lösung in dem Augenblick, in dem man das Problem ausspricht. Oder der Gesprächspartner findet die Lösung. Oder sie ergibt sich in der sich anschließenden Diskussion.

In konkreten Fall erbrachten die Gespräche zum einen den mir bislang unbekannten Hinweis auf eine wissenschaftliche Theorie, die der Handlung, die sich allmählich abzeichnete, plötzlich ein sicheres Fundament gab. Zum anderen einen dramatischen Richtungswechsel innerhalb der Story. Denn anlehnend an die Melusinen-Sage hatte ich die Story gedanklich stets im Süden verortet, im Umfeld von Seen oder Stauseen. Spätestens jetzt wurde mir aber klar, dass ich sie im Norden, in und nahe der Nordsee ansiedeln musste. Und als wäre plötzlich ein Knoten geplatzt, fiel mir unvermittelt ein ganzes Kaleidoskop an weiteren Themen ein, die ich mit meiner Ursprungsidee verknüpfen konnte. Endlich ging es bergauf – auch wenn es bloß Wellenberge waren.

Motive, Konflikte & Protagonisten

Sturmfluten. Untergegangene Schiffe. Ertrunkene. Die Bühne für das Geschehen wurde fortan nicht nur greifbarer, sie gebar auch neue Inspirationen.

Allen voran war es der Mythos um das im Mittelalter während der Zweiten Marcellusflut versunkene Städtchen Rungholt, gern auch als Atlantis des Nordens bezeichnet, das bis heute im Wattenmeer ihrer Entdeckung harrt. Dabei handelt es sich quasi um den Nationalmythos Nordfrieslands, der endlich eine anschauliche Bedrohungskulisse für meine Story schaffte.

Dunkle FedernMeine eigentliche Handlungsidee, die ich hier leider nicht benennen kann (ohne zu viel von der Geschichte zu verraten), harmonierte so mit dem Rungholt-Stoff, als wären die beiden schon immer füreinander bestimmt gewesen. Dabei gab ich dem Plot noch einmal eine Wendung, so dass er sich dadurch immer weiter von der ursprünglichen Melusinen-Sage entfernte, bis kaum noch etwas von ihr übrig blieb. Doch das war schließlich der Grund dafür gewesen, warum ich Monate lang nicht mit der Story vorankam. Dafür war ich mir nun sicher, eine wirklich coole Idee ausgebrütet zu haben, mit der bislang noch niemand zuvor so gearbeitet hatte.

Insbesondere aber gewann ich so auch Klarheit über meinen Hauptprotagonisten, mit dem ich mich all die Zeit zuvor ebenso schwer getan hatte. Aus ihm wurde nun ein Bergungstaucher mit militärischem Hintergrund, was für die Handlung gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlug. Überhaupt strömten die Ideen jetzt nur noch so und ich konnte mich endlich daran machen, das grobe Handlungsgerüst mit Fleisch zu behängen.

Szenenkonstruktion & Horror

Einige Autoren benutzen Storyboards, Karteikarten und spezielle Schreibprogramme, um ihre Ideen und Gedanken zu ordnen. Ich nutze dazu lediglich ein Word-Dokument, in das ich alle Szenen und Ideenfragmente im dramaturgisch geordneter Reihenfolge untereinander notiere – um die Stichworte gegebenenfalls wieder zu entfernen oder auszutauschen. Aus diesem Stichwortgerüst baue ich später das Exposé und aus diesem folgt dann der Roman. Bei alledem ist es nicht bloß wichtig, die Eckpfeiler der Handlung an dramaturgisch passender Stelle einzuschlagen – meist Ort, Handlung, Erkenntnis für die Charaktere und hin und wieder sogar Dialoge – es kommt auch auf die richtige Orchestrierung der Szenen an.

Auf eine Szene in freier Natur, darf gern eine Szene in einem Innenraum folgen. Ruhige Szenen müssen sich mit dramatischen Szenen abwechseln. Nach einer Phase mit viel Action muss eine Phase folgen, in der die Protagonisten zum Reflektieren Zeit finden. Und nie darf eine Szene bloß nach einer Szene stattfinden. Im Gegenteil, die Szenen müssen einander bedingen. Das ist der feine Unterschied zwischen Aktion und schnöder Aktivität. Jede Szene muss die Handlung nach vorn treiben. Auch darum geht es mir beim Plotten.

Überhaupt, die Bühne. Ich finde ja, dass manche das Potential verkennen, das eine geeignete Auswahl von Schauplätzen bereithält. Ebenso, was eine Vielfalt an Schauplätzen beim Lesen bewirkt. Nämlich das Gefühl, ein Sechs-Gänge-Menü statt Fast Foods serviert zu bekommen. Ich bemühe mich in all meinen Romanen darum, jedes meiner Romankapitel vor einer anderen Kulisse stattfinden zu lassen. Eine Vielzahl an Schauplätzen trägt dazu bei, die Handlung bunt, interessant und aufregend zu gestalten. Außerdem kann man so mehr Lokalkolorit vermitteln, als es immer die gleichen Schauplätze ermöglichen.

Leuchtturm WesterhevenAQUARIUS spielt in Nordfriesland und an der norddeutschen Küste. Dementsprechend schob ich irgendwann einige Tage ein, an denen ich mir allein über mögliche Schauplätze Gedanken machte, die norddeutsches Flair vermitteln. Ich hasse es als Leser, wenn ein Roman zum Beispiel in London spielt, doch außer dem Namen der Stadt nichts die Wahl der Stadt als Hintergrund rechtfertigt. Eine anonyme Gasse bleibt eben eine anonyme Gasse. Die Handlung könnte somit auch in Madrid, Klein Kleckersdorf oder gleich in Phantasia spielen.

Nicht anders war es bei AQUARIUS, denn als ich mir über den grundsätzlichen Ablauf der Handlung bewusst geworden war, galt es in einem zweiten Schritt, die Szenen mit passenden Kulissen zu unterfüttern. Einige Schauplätze gab die Handlung zwingend vor, andere ließen sich freier gestalten. All dies geschah in dem Bewusstsein, dass die Kulisse die Handlung stützt, vorantreibt und auch stimmungsmäßig untermalt.

Ebenso wichtig erschien es mir, mich auf den sense of wonder dieser speziellen Story zu konzentrieren. Also die Art und Weise, wie sich der Horror allmählich an den Leser heranpirscht. Dabei verlasse ich mich stets auf mein eigenes Empfinden. Ich schreibe oder konstruiere eine spezielle Szene nicht einfach, sondern stelle sie mir vor dem Schreiben wie die Szene eines Kinofilms vor. Dabei versuche ich zu ergründen, wie ich auf sie emotional reagiere. Bemerke ich, dass sie mich unberührt lässt, stelle ich sie immer weiter um, bis ich quasi die richtige Einstellung finde. Erst wenn mir bei einer traurigen Szene selbst die Tränen kommen oder wenn sich mir bei einer gruseligen Szene selbst die Nackenhaare aufstellen, erst dann ist sie richtig gewählt. Das muss nicht immer gleich während der Plot- oder Exposéphase passen, spätestens aber sobald die eigentliche Schreibphase des Romans einsetzt.

Kein Exposé bleibt ungerupft

Bis hierhin hatte ich – wie oben schon geschildert – einundeinhalb Jahre gedanklich mit AQUARIUS zugebracht. Okay, nicht nur mit AQUARIUS. Zwischenzeitlich hatte ich auch noch andere Stoffe entwickelt und weitere Romane geschrieben. Doch bei keinem der übrigen Stoffe war mir die Entwicklung in Nachhinein so schwer und langwierig erschienen. Als das Exposé endlich fertiggestellt war, war ich jedenfalls ebenso erleichtert wie fasziniert. Grundidee und Handlungsablauf waren nun von so bestechender Logik, dass ich mich fragte, wieso ich nicht gleich darauf gekommen war.

Kurz nach Einreichung des Exposés kam dann von Piper überraschend schnell der Auftrag zum Schreiben. Damit wusste ich, dass jetzt noch eine weitere Hürde auf mich wartete: nämlich die ersten hundert Seiten.

Keine Ahnung, wie es den Kollegen damit ergeht, doch ich empfinde die ersten 100 Seiten eines Romans stets als große Herausforderung. Denn hier müssen Bühne, Protagonisten, Konflikt und Handlung so schnell, so knackig und so gekonnt wie möglich in Szene gesetzt werden.

n/aSpätestens nach Seite 100 läuft die Handlung – jedenfalls bei uns Plottern – dann aber meist wie von selbst. So auch bei AQUARIUS. Und doch gilt auch bei uns Plottern, dass kein Exposé die eigentliche Schreibphase ungerupft übersteht. Erst wenn man quasi real life mit seinen Figuren leidet, rätselt und agiert, erkennt man, ob diese in der einen oder anderen Situation nicht andere, logischer anmutende Wege beschreiten würden.

Die Kunst besteht dann darin, die Story wieder harmonisch aufs Gleis zurückzuführen. Bei AQUARIUS zeigte es sich zum Beispiel, dass es aus dramaturgischen Gründen vonnöten war, zwei komplette Kapitel im ersten Viertel des Romans (die schon fertig geschrieben waren) in ihrer Reihenfolge umzustellen – aber so etwas passiert.

Bauchschreiber betonen übrigens gern, dass es doch gerade die Unwägbarkeiten seien, die das Schreiben so interessant und aufregend machen. Ich kann dazu nur sagen, dass es eigentlich viel zu viele Unwägbarkeiten gibt, die dazu beitragen, den Schreibprozess nie eintönig werden lassen. Unter anderem deswegen, da die Detailrecherche auch während des Schreibprozesses unentwegt weiterläuft – und so immer wieder zu Änderungen beiträgt. So wurde ich bei AQUARIUS zum Beispiel erst während des Schreibens auf die real existierende Wogemänner-Burg aufmerksam, die nun den Schauplatz einer wichtigen Entdeckung stellt.

Quasi als Kontrollphase nehme ich dann während des Schreibprozesses einen ganz speziellen Luxus in Anspruch. Denn immer wenn ich drei bis vier Kapitel fertig habe, lese ich diese laut meiner Freundin vor, die „Hörbücher“ zum Glück sehr schätzt. Ich erhalte auf diese Weise ein erstes Feedback, außerdem finde ich so Fehler, die ich beim schlichten Lesen übersehe – ganz zu schweigen von den Dialogen, die ich auf diese Weise noch glaubwürdiger in Szene setzen kann.

Der Rest ist schnell erzählt. Mit Joern Rauser und Mirka Uhrmacher hatte ich einen Lektor und eine Lektorin, die – als der Roman endlich fertig war – ihre Finger stets in die richtigen Wunden legten und mich so dazu anspornten, den Text kontinuierlich zu verbessern.

Lektoren sind wichtig, denn als Autor wird man rasch Opfer der sogenannten Autorenblindheit. Insbesondere, wenn man sich schon so lange gedanklich mit einem Stoff auseinandergesetzt hat, dass man bestimmte Zusammenhänge für absolut selbstverständlich oder selbsterklärend hält – nur dass diese es eben für einen unbefangenen Leser nicht sind.

Der Verlag war es auch, der mir mitten in der heißen Schreibphase ein echtes Glücksgefühl bescherte. Denn dieser hatte ein Cover für den Roman in Auftrag gegeben, wie ich es mir wundervoller nicht hätte vorstellen können. Noch immer finde ich, dass das Cover von AQUARIUS Stimmung und Inhalt des Romans erstklassig ausdrückt – und dabei das Kunststück vollbringt, ein echter Hingucker zu sein.

Aller Anfang ist schwer?

AquariusGute Frage. Wenn ich den Schaffensprozess von AQUARIUS überblicke, dann war er es wohl. Inzwischen ist die viele Grübelei aber schon fast wieder vergessen und ich freue mich einfach über das Ergebnis. AQUARIUS ist genau der Mystery-Thriller geworden, den ich mir von Anfang an gewünscht hatte: Rasant, spannend, mysteriös, gruselig und mit einer überraschenden Auflösung. Hoffe ich jedenfalls.

Apropos Anfang: Als Autor wird man ja gern gefragt, wie man es mit dem ersten Satz eines Romans hält. Schließlich heißt es, dass ein guter erster Satz viel über die Güte eines Romans aussagt. Nun, ob das immer so stimmt, lasse ich mal dahingestellt. Zumindest hilft er dabei, den Leser zügig ins Romangeschehen zu ziehen und ihn neugierig zu machen. Mein erster Satz ist im Nachhinein betrachtet eher ein Sinnbild dafür, welche Reise ich mit AQUARIUS durchlebt habe. Man tausche einfach den Namen des Handlungsträgers gegen den meinen aus. Wie der erste Satz von AQUARIUS lautet? Nun, er geht so:

Hauptbrandmeister Dreyer folgte dem Ruf der Sirenen.

Vielen Dank, lieber Thomas, für diesen informativen aber auch sehr persönlichen Einblick ins Schreiberhandwerk.

Wenn ihr neugierig auf „Aquarius“ geworden seit: Den Roman gibt es als Printausgabe, ebook und ungekürztes Hörbuch.

Schaut auch bei den anderen Stationen der Blog-Tour vorbei. Morgen geht’s beim Literaturschock mit einem Interview weiter.

Die Website von Thomas Finn findet ihr hier.

***

Werkstattbericht (c) Thomas Finn

Foto Leuchtturm Westerheven (c) Jan van der Crabben unter Nutzugn der Creative Common Licence

Bild Melusine: Gemälde von Julius Hübner ‚Die schöne Melusine‘ 1844; gemeinfrei

8 Comments »

  1. Hallo und guten Morgen,

    einen herzlichen Dank geht erst einmal an den Blogger dieses Blogs für seine umfangreiche und ausführlichen Einführung wie man schreibt und was alles passieren muss..bis das Buch..ein Buch überhaupt entsteht/entstehen kann.

    Echt eine tolle Anleitung für das Schreiben, finde ich.

    Und endlich was ich auch was..“plotten“ ..augenzwickern…

    LG..Karin..

    Comment by karin — 28. Oktober 2014 @ 08:42

  2. Wow. Was für ein Artikel. Das ist doch mal ein Einblick wie man ihn als Leser selten bekommt.

    Comment by Katrin Roisz — 28. Oktober 2014 @ 11:04

  3. Wow! Ich liebe Werkstattberichte und dieser hier liest sich fast so spannend wie ein Roman. Ich freue mich schon sehr auf Aquarius.

    Bibliophile Grüße!

    Comment by Claudia Lohmann — 28. Oktober 2014 @ 11:18

  4. Freut mich, dass euch der Werkstattbericht von Thomas Finn genau so gut gefällt wie mir. Aber die Blumen für die Einleitung muss ich auch gleich weiter geben – auch die Testpassagen stammen direkt vom Autor ,-)

    Comment by Darkstar — 30. Oktober 2014 @ 21:28

  5. […] Werkstattbericht zum Plotten bei Darkstars Fantasy News […]

    Pingback by Blogtour: Aquarius von Thomas Finn | Blätterflüstern — 30. Oktober 2014 @ 21:56

  6. Das ist ja spannend. Ich finde es toll zu erfahren wie unterschiedlich Autoren an die Entstehung eines Buches herangehen. Jeder erzählt da so seine eigene Geschichte. Dieser Werkstattbericht hat mir sehr gut gefallen. Er ist wirklich ausführlich und wirft einen sehr interessanten Blick auf Aquarius und die Zeitspanne der Entstehung dieses Buches.

    Comment by schlumeline — 30. Oktober 2014 @ 22:33

  7. Ich habe diesen Bericht schon vor einer Woche entdeckt, wollte aber erst das Buch selber lesen, bevor es an den Werkstattbericht geht.
    Nun habe ich das Buch verschlungen und diesen Post danach genauso. Toller, informativer Beitrag!

    Und dann noch ein kleines Lob: Deine Moderation (habe dich vorhin durch Zufall auf einem Foto bei FB von Thomas Finn entdeckt und mit diesem Blog in Verbindung gebracht) war richtig, richtig gut! Vorher musste ich leider bei der Podiumsdikussion zum Deutschen Jugendliteraturpreis eine unsagbar schlechte Moderatorin ertragen und war umso begeisterter, wie locker und gekonnt du durch die PIPER-Veranstaltung geführt hast.

    Comment by Tine — 2. November 2014 @ 20:57

  8. Oh – ohhh!!!

    Vielen Dank! Das freut mich jetzt wirklich, Tine!!

    Comment by Darkstar — 8. November 2014 @ 16:13

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