Darkstars Fantasy News


11. Mai 2017

Dystopische Welten
Interview mit Kerstin Ruhrkieck

Category: Interviews – Darkstar – 12:00

Without WorldsIn Dystopien ist alles möglich.

Das erste Buch, das mir von Kerstin Ruhrkieck in die Hände fiel, war Ein Cowboy am Nord-Pol. Da ahnte ich noch nicht, dass Kerstins Herz auch sehr stark für Dystopien schlägt.

Ihre Trilogie Forbidden Touch habe ich Ende letzten Jahres kurz vorgestellt. Vor ein paar Wochen ist unter dem Titel Without Words ein neuer, eigenständiger Roman aus ihrer Feder veröffentlicht worden.

Im Mittelpunkt steht die 21jährige Clara, eine der wenigen Überlebenden einer untergegangenen Welt, die mit dem Rest der Bevölkerung in einem ehemaligen Luxushotel lebt. Und dort wird es ziemlich düster.

Der richtige Zeitpunkt also, um sich ausführlicher mit Kerstin über Dystopien im Allgemeinen und ihre Romane im Besonderen zu unterhalten:

Interview mit Kerstin Ruhrkieck

Liebe Kerstin, die Tagline von Forbidden Touch lautet: Es braucht für einen Menschen nur eine Berührung von sieben Sekunden, um sich zu verlieben. Wie bist du auf die Idee zur Buchreihe gekommen?

Das waren eigentlich mehrere Teilideen über einen längeren Zeitraum hinweg.

Zum einen war da irgendwann in mir die Frage, wie es wohl sein würde, wenn sie Verliebte nicht berühren dürften – aus welchem Grund auch immer.

Wie würden sie damit umgehen, wären sie dennoch ein Paar oder hätte so eine Beziehung keine Chance?

Und dann war da zusätzlich noch diese recht gängige Redensart: „Der/Die spielt nicht in meiner Liga.“ Das habe ich noch nie verstanden. Darf man sich nur in jemanden verlieben, der/die genauso hübsch oder hässlich ist wie man selbst? Ist es denn nur das Auge, das liebt, und nicht das Herz?

Und so ist diese Idee immer weiter gewachsen, bis ich die Grundlagen für AurA Eupa hatte, das Neue Europa, in dem Forbidden Touch spielt.

Hast Du Dich schon einmal innerhalb von sieben Sekunden verliebt?

Na ja, sagen wir mal „verknallt“.

Damals, als ich noch sehr jung war. Aber auch da ist es halt wieder nur das Äußere, das einem gefällt – oder eben nicht.

Schon mehr als einmal habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein schönes Aussehen nicht gleichzeitig bedeuten muss, dass in der schönen Hülle auch ein schönes Inneres steckt. Wenn das der Fall war, war es bei mir sehr schnell vorbei mit der schnellen Liebe 😉

Welche Schlagworte und Farben beschreiben die Atomsphäre von Forbidden Touch aus Deiner Sicht am besten?

Forbidden Touch SammlerObwohl die Reihe eher düster ist, empfinde ich die Geschichte dennoch als bunt. Kein schwarz-weiß, sondern jede Figur ist seine eigene Farbe mit all seiner Individualität in einer Welt, in der nur die Norm gewünscht ist.

Was die Schlagworte angeht … das ist schwer.

Wenn ich jetzt sage: Toleranz und Freundschaft, Liebe und Individualität, dann klingt das so nach erhobenem Zeigefinger.

Das ist aber gar nicht meine Intention, denn ich erzähle ja nur eine Geschichte, die in einer ganz eigenen Welt spielt.

Ob man das auf die unsere übertragen will, überlasse ich jedem selbst.

Was zeichnet deine Hauptfiguren aus?

Novalee ist eine sehr regierungstreue junge Frau, die dennoch sehr mit sich hadert, da sie es nicht geschafft hat – wie von der Regierung erwartet –, mit 18 verheiratet zu sein.

Deshalb zieht sie gezwungenermaßen in die Siedlung der Unverheirateten und trifft dort auf Leute, die ihr Weltbild (und ihre Gefühlswelt) gewaltig durcheinander bringen.

Crish wird bald 17 und steht kurz vor seiner Sichtung, die darüber entscheidet, ob er hübsch genug ist, in Liga 2, der Liga der „Durchschnittsmenschen“, bleiben zu dürfen. Er fürchtet sich sehr vor einem Abstieg in Liga 3, da sein Aussehen nicht der Schablone von AurA Eupa entspricht, muss er sich doch um seine Mutter und seine Schwester kümmern, seit sein Vater verschwunden ist.

In Deiner Buchreihe verlieben sich auch zwei Jungs ineinander. Verrate uns bitte ein bisschen was über diesen Storystrang.

Forbidden TouchCrish lernt bei seiner Sichtung Asher kennen. Asher steht ihm bei, als Crish von anderen wegen seinem Aussehen gemobbt wird, und zwischen den eigentlich ungleichen Jungen entsteht eine Freundschaft, die sich in eine unerwartete Richtung entwickelt.

Denn erst während ihrer Ausbildung erfahren sie von der „Sieben-Sekunden-Regel“, die besagt, dass Berührungen, die länger als sieben Sekunden dauern, stets von romantischer Natur sind.

Und sie haben sich schon häufig länger als sieben Sekunden berührt …

Was hältst Du von der Behauptung: „So lange die sexuelle Orientierung einer Figur nicht für den Plot wichtig ist, sollte man diese verschweigen.“?

Ich denke, die sexuelle Orientierung ist immer für den Plot wichtig.

Denn wenn wir eine Figur – die ja maßgeblich mit dem Plot zusammenhängt – kennenlernen, müssen wir Dinge über ihr Leben erfahren. Was gefällt ihr, was nicht, was arbeitet sie, wen dated sie … ups, und da wären wir schon bei der sexuellen Orientierung.

Ich finde, man muss nicht zwangsläufig ein großes Fass deswegen aufmachen, nicht „hey, er ist schwul“ oder „hey, er ist hetero“ schreien. Deswegen kommt in meiner Trilogie auch nicht ein einziges Mal das Wort „schwul“ vor.

Es sind einfach zwei Jungs, die sich ineinander verlieben. Dafür sind keine Labels notwendig.

Wie schwierig war es, dabei keine Klischees zu bedienen – bzw. wie notwendig sind Klischees vielleicht sogar?

Ich bin ganz offen: Ich bin kein Freund von Klischees.

Von Klischees bekomme ich Kopfschmerzen, weil ich so viel die Augen verdrehe, wenn ich ihnen begegne.

Jeder mag sie so viel anwenden wie er will, ich möchte sie in meinen Geschichten nicht haben. Zum Glück funktioniert mein Gehirn so sonderbar, dass er sie ohnehin nicht ausspuckt 😉

Dein neuer Roman Without Worlds ist auch eine Dystopie, aber anders als Forbidden Touch

Without WorldsAuch Without Worlds spielt in einer Welt in der Zukunft. Doch dieses Mal waren es keine Bomben, die die Erde zerstört haben, sondern die Erde selbst, die sich an der Menschheit rächt und nach einem verheerenden Erdbeben Kreaturen ausgespuckt hat, die liebend gern Menschen fressen.

Meine Geschichte, die übrigens ein Einzelband ist, spielt in einem ehemaligen Luxushotel, in dem sich einige Überlebende eine neue Gesellschaft aufgebaut haben.

Meine Protagonistin Clars ist eine von ihnen, und sie hat dort eine einst ehrenwerte Aufgabe zugeteilt bekommen: Sie ist ein Roter Engel, eine ausgebildete Krankenschwester, die sich um Opferkämpfer in der Vorbereitung für eine Mission kümmern soll.

Doch mit der Zeit haben sich die Aufgaben der Roten Engel verschoben, und so ist es ihr Job, die Kinder dieser Männer auszutragen.

Clara ist sehr abgestumpft und Lebensmüde, bis plötzlich ein Neuer im Luxushotel auftaucht, und mit ihm ist es, als würde sie aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen …

Inwiefern unterscheidet sich Clara von Novalee – und was haben sie vielleicht gemeinsam?

Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten.

Mein erster Gedanke war, dass sie grundverschieden sind, doch je länger ich darüber nachdachte, desto unsicherer wurde ich. Auf dem ersten Blick mag das wohl stimmen. Novalee, das regeltreue, naive Mädchen und Clara, gefühlstot, gleichgültig und subtil rebellisch.

Aber dann ging mir auf, dass beide Figuren zu unterschiedlichen Zeitpunkten gezeigt werden. Novalee hat zu dem Zeitpunkt, an dem wir sie kennenlernen, noch kein Unrecht erfahren – warum sollte sie also nicht an ihre Regierung glauben?

Clara hingegen hat Schlimmes erlebt, hat ihre Familie verloren, wird gedemütigt und missbraucht. So ein Mensch kann sich keine Naivität bewahren.

Und dann fragte ich mich, ob aus Novalee, mit anderen Erfahrungen, vielleicht auch eine Clara hätte werden können. Ob Clara in einer weniger kaputten Welt mehr wie Novalee gewesen wäre.

Ich werde es wohl nie erfahren. Aber ich denke, was sie in jedem Fall verbindet ist die Suche danach, wer sie sein wollen und nach ihrem Platz in dem ihnen gegebenen Leben.

Worauf spielt der Titel deines neuen Romans an?

Without Worlds, also weltenlos, spielt drauf an, wie sich meine zwei Protagonisten in dem alten Luxushotel, der Sonnenuhr, fühlen.

Die Regeln dort, die emotionale Kälte, das ist nicht ihre Welt.

Sie sind ruhelos, Gefangene, die auf der Suche nach einer Welt sind, in der sie sich zugehörig fühlen. In der sie leben wollen.

Doch die auf so engem Raum zu finden ist fast unmöglich – oder?

Was reizt Dich an Dystopien?

In Dystopien ist alles möglich.

Ich kann Ängste verarbeiten, Missstände der Gegenwart thematisieren und auf die Spitze treiben. Es gibt keine Grenzen, kein Grauen, das unmöglich erscheint, und ja, irgendwie zieht mich das Düstere, das Dunkle und das Verstörende an.

Woran das liegt, kann ich gar nicht so genau sagen. Im Zweifel ist einfach The Hunger Games Schuld 😉

Welche Nebenfiguren sind dir besonders ans Herz gewachsen?

Das ist schwierig. Kommt darauf an, wen man als Nebenfigur betrachten würde. Denn im Verlaufe der Geschichte bekommen sie alle eine größere Bedeutung. Und ich liebe sie einfach alle! Das ist eine Autorenkrankheit, denke ich.

Wie bist Du zum Schreiben gekommen? Verrätst Du uns, worum es in der ersten Geschichte ging, die Du geschrieben hast?

In der Grundschule habe ich immer die besten Aufsätze geschrieben! Ehrlich wahr!

Meine erste Geschichte habe ich auch in etwa diesem Alter geschrieben. Sie handelte von einem Pilz, der gern ein Fliegenpilz wäre (weil die ja fliegen können – natürlich!). Also begeht er Selbstmord und wird als Fliegenpilz wiedergeboren. Tja, schon als 9-jährige war ich eine echte Frohnatur 😉

Hast Du seltsame Angewohnheiten beim Schreiben?

Es ist zu einer seltsamen Angewohnheit geworden, dass ich beim Schreiben einschlafe!

Aber nicht, weil ich meine Geschichten so langweilig finde. Das kommt einfach daher, weil ich fast nur nachts schreibe, da ich tagsüber mit meine zwei kleinen Jungs beschäftig bin, und alle, die Kinder haben oder auch nur mal auf Kinder aufgepasst haben, weiß, wie anstrengend die kleinen Teufel sind!

Und wenn Mama dann endlich etwas Zeit zum Schreiben hat, kommt der Sandmann ganz oft auch überraschend bei ihr vorbei.

Was war das coolste oder absurdeste Thema, über das Du bisher recherchiert hast?

Forbidden Touch 1Cool oder absurd war es nicht direkt, aber eklig.

Ich habe mal für einen Thriller, den ich dann jedoch nie geschrieben habe, Scarifikation recherchiert. Das ist eine Körperkunst, bei der Teile der Haut entfernt werden, damit so Narben entstehen.

Und ich muss sagen, ich kann niemandem empfehlen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen!

Welche Autoren haben Dein Schreiben beeinflusst?

Ich habe früher sehr viel Tanith Lee gelesen, deren Bücher mich sehr beeindruckt haben.

Dann etwas später war es Patrick Redmond.

Am meisten aber vermutlich Franz Kafka. Tatsächlich wollte ich aber schon Geschichten schreiben, als ich noch keine Autoren kannte!

Woran arbeitest Du gerade?

Momentan schreibe ich nicht – ich lektoriere.

Im Sommer setze ich mich dann aber wieder ran und schreibe eine sehr ungewöhnliche Geschichte für den Drachenmond Verlag!

DANKE!

Kerstin Ruhrkieck im Netz: Facebook.

Kerstins Bücher online bestellen:

Forbidden Touch, Without Worlds, Ein Cowboy am Nord-Pol

 

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