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21. Mai 2017

Interview mit Patrick Ness
dem Autor von SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT

Category: Interviews – Darkstar – 15:39

Sieben Minuten nach MitternachtAdaptionen unterscheiden sich von ihrer Vorlage. Wir mögen manchmal behaupten, sie täten das nicht, aber das tun sie. (Patrick Ness)

Gemeinsam mit zwei Blogger-Kollegen durfte ich den britischen Autor Patrick Ness (Sieben Minuten nach Mitternacht; Das Morgen ist immer schon jetzt) interviewen, als er zur Promo der Verfilmung seines Romans Berlin besuchte.

Ness, dessen Bücher ich sehr schätze, hat auch das Drehbuch zur Filmadaption von „Sieben Minuten nach Mitternacht“ geschrieben und offen mit uns über seine Erfahrungen dabei gesprochen, über das Schreiben an sich und – natürlich – über Monster.

Interview mit Patrick Ness

Im Original heißen Film und Buch A Monster Calls, also Ein Monster ruft. Wir begegnen aber keinem klassischen Film-Monster. Deshalb eingangs die Frage: Was ist ein Monster für Sie?

Also weißt du: Ich gebe auf der ganzen Welt Interviews, aber es sind immer die Deutschen, die mit den metaphysischen Fragen einsteigen. Interessant!

Aber zu deiner Frage: Was für ein Monster bekämpft Conor? Ich nähere mich dem Thema von einer anderen Seite. Der Romantitel ist eine Hommage an An Inspektor Calls (Ein Inspektor kommt), ein Bühnenstück von J. B. Priestley.

Wir begegnen einem offensichtlichen Monster: ein Riese, ein Baum, angsteinflößend und unerwartet. Dafür gibt es Gründe. Die Figur basiert auf prä-römischer Folklore, auf dem Grünen Mann und der personifizierten Landschaft.

Aber es geht auch darum: Sucht Conor nach einer Vaterfigur? Ist er selbst zu einem kleinen Teil das Monster? Mit wem spricht er? Ich mag diese verwischten Grenzen. Und das wir nicht genau wissen, wo das Monster steckt.

Aber es ist nicht das einzige Monster im Buch, nicht wahr?

Was ist also das Monster? Ist es der Krebs? Die Zukunft?

Darum geht es wirklich: Monster ist ein anständiges Wort, von dem du glaubst, dass du weißt, was es bedeutet. Und hoffentlich gelingt es der Geschichte, das ein bisschen zu demontieren.

Für mich ist ein Monster definitiv keine klassische Kreatur. Die sind für mich weniger interessant. Weil wir ihnen nicht oft erlauben, zu wachsen und sich zu verändern.

Welches Monster besiegt Connor also? Ich nehme an, dass das meine Frage an euch ist.

Da wir gerade so intensiv über das Wort Monster sprechen. Wie ist das für Sie, dass Ihr Titel im Deutschen geändert wurde?

Ich muss mir wohl erst noch einen Buchtitel ausdenken, der sich einfach übersetzen lässt. Mein nächster Roman trägt den Titel Release und ich dachte, das würde einfach sein, schließlich ist es nur ein Wort.

Und dann habe ich festgestellt: offensichtlich nicht. Die Dänen haben sich bereits für einen anderen Titel entschieden.

Dazu kommt, dass “Calls” auch im Englischen nicht so gewöhnlich ist.

Aber ich kann meinen Büchern nur einen englischsprachigen Titel geben und es ist der richtige Titel. Ich bin immer gespannt, in welche Richtung andere Länder gehen.

Die Deutschen waren die ersten, die sich für Sieben Minuten entschieden haben, und viele andere Länder haben das übernehmen. Das Buch trägt im Schwedischen diesen Titel, auf Italienisch, Französisch und und und. In Japan heißt das Buch Ein Monster flüstert.

Mir macht das nichts aus. Zunächst empfand ich Sieben Minuten nach Mitternacht wie der Titel eines Horrorfilms, und das wollte ich nicht. Aber dann hat man mir gesagt, A Monster Calls würde auf Deutsch wie ein Horrorfilmtitel klingen.

Deshalb habe ich kein Problem damit, mich nach den Wünschen anderer Länder zu richten.

Das Ende des Films ist ein klein wenig anders als das Ende des Buches. Sie haben beide Versionen geschrieben. Welche mögen Sie lieber?

Ich bevorzuge das Buchende für das Buch und das Filmende für den Film. Beide Medien funktionieren unterschiedlich. Ein Buch kann man zwischendurch zur Seite legen. Man klappt es zu, wenn man es zu Ende gelesen hat und kann einen Moment still sein.

Ein Film ist ein ganz anderes Erlebnis. Die Herausforderung bestand darin, wie man die Geschichte erträglich für den Zuschauer machen konnte, denn sie ist sehr dunkel und sehr, sehr traurig. Wie setzt man das um bei einer Erzählform, die man nicht unterbrechen kann, sondern an einem Stück erlebt? Das ist riskant. Das Publikum könnte dich verfluchen dafür, dass du es so beutelst.

Mit dem Regisseur habe ich mich sehr lange darüber unterhalten, wie der Film enden sollte. Er kam auf die Idee mit dem Buch. Ich fand das wunderschön und konnte auch durch die gesamte Handlung hinweg Samen dafür pflanzen. Wenn die Auflösung dann kommt, erkennt man diese.

Wir hatten das Gefühl, wir konnten den Film nicht so enden lassen wie im Buch. Wir sagten uns: Gebt dem Publikum die Chance, noch einmal durchzuatmen. Denn der ganze Punkt der Geschichte ist doch die: Conor erkennt, dass etwas wahrhaft Schreckliches geschehen ist und es wird niemals so sein, dass das nicht Schrecklich ist. Aber er kann mit seinem Leben weiter machen. Und das wollten wir zeigen. Ich glaube, für den Film ist das das richtige Ende. Ich glaube aber auch, für das Buch wäre es das nicht.

Adaptionen unterscheiden sich von ihrer Vorlage. Wir mögen manchmal behaupten, sie täten das nicht, aber das tun sie.

Wurden Sie auch bei den Dreharbeiten mit einbezogen?

Ich hatte sehr großes Glück, denn die Arbeit am Film war sehr kooperativ. Was nicht immer der Fall ist, wahrlich nicht. Das fing schon bei den Vorbereitungen an. Wir sprachen sehr viel über das Drehbuch. Regisseur J.A. Bayona hatte einige Ideen, die er mit einfließen lassen wollte. Das Set selbst habe ich zwölf oder dreizehn Mal besucht.

Wer schon einmal ein Filmset besucht hat weiß, dass sie gleichzeitig extrem interessant und extrem langweilig sind. Stundenlang passiert scheinbar nichts, und dann wird es wieder spannend. Manchmal habe ich dabei zugesehen, wie sie eine Szene drehten, und dann habe ich einen 9 Meilen-Lauf gemacht in Barcelona – und wenn ich danach zurück zum Set kam, arbeiteten sie immer noch an der gleichen Szene.

Aber ich war viel dort und sie haben mich oft nach meiner Meinung gefragt und ich durfte meine Ideen äußern. Ich konnte am Set noch Dialoge umschreiben, denn wenn Schauspieler am Set arbeiten, bringen sie eigene Ideen mit ein. Und auch beim Editing des Films habe sehr oft zuschauen können.

Ich hatte großes Glück, dass sich alle so kooperativ gezeigt haben, denn bei einer Verfilmung kann man den Autor auch vollkommen ausschließen.

Ich bin froh, dass sie das nicht getan haben.

Was war die größte Herausforderung dabei, Ihr eigenes Buch als Drehbuch zu adaptieren? Und was haben Sie dabei gelernt, was ihnen nun auch beim Romanschreiben hilft?

Tatsächlich habe ich diese Herausforderung angenommen, weil ich lernen wollte.

Ich glaube wirklich, dass Selbstgefälligkeit den Tod der Kreativität zur Folge hat. Ich glaube nicht, dass man gute Arbeit abliefert, wenn man einfach immer nur das gleiche macht.

Ich möchte mich ängstlich fühlen (beim Schreiben) auf eine fruchtbare Art und Weise, die ich für mich nutzen kann. Damit ich mich konzentriere. Das Risiko zu Versagen muss da sein. Das macht natürlich nicht immer Spaß, aber zumindest bin ich dann sehr engagiert und konzentriert.

Ich hatte das Gefühl, dass ich wusste, warum das Buch funktionierte. Und dass ich eine Idee hatte, wie man es ändern könnte, damit es auch als typischer Hollywood-Film funktioniert. Aber ich bin kein Filmschaffender. Ich wollte nur die Diskussion darüber lostreten. So sah ich auch den ersten Drehbuchentwurf. Als mein Diskussionseinstieg, der ausdrücken sollte: „Das sind die Dinge, die mir wichtig sind.“

Es war eine Herausforderung, aber es war die Art kreativer Herausforderung, die ich mag.

Die Regeln für ein Drehbuch sind mitunter sehr streng, und das müssen sie auch sein. Die Geschichte muss auf eine bestimmte Art und Weise erzählt werden. Dieses Regelwerk kann einengend wirken, aber für mich war das anders.

Ich wuchs in einer sehr religiösen Familie auf. Meine Rebellion sah damals so aus: Wie kann ich sämtliche Regeln genau beachten, und trotzdem genau das tun, was ich will? Hier war das ähnlich. Wie kann ich die Grenzen, die mir ein Drehbuch setzt, überschreiten, ohne sie zu brechen.

Diese Art zu Schreiben ist ganz anders, aber es war eine tolle Möglichkeit, zu lernen und als Autor zu wachsen. Und das sollte man immer. Immer! Oder man sollte seinen Job an den Nagel hängen und was anderes machen.

Kannten Sie das Ende des Buches bereits, als Sie mit dem Schreiben begannen?

Meine Schrulle ist, dass ich die letzte Zeile des Buches kenne, bevor ich mit dem Schreiben beginne.

Denn sie ist sehr, sehr wichtig. Sie ist der wichtigste Satz im ganzen Buch, denn damit entlässt man den Leser. Er muss passen.

Ich weiß nicht ganz genau, wie ich dort hinkomme. Es gibt einige wichtige Szenen, die sich richtig und wertvoll anfühlen. Aber ich erlaube mir selbst, auf sie zuzuschreiben und mich auf dem Weg überraschen zu lassen. Man sollte sich immer erlauben, sich überraschen zu lassen vom Unerwarteten. Mit einem Outline zu arbeiten macht mir keinen Spaß. Es gab Figuren, die einfach aufgetaucht sind in dem Moment, in dem ich eine bestimmte Szene schrieb; die ich vorher nicht geplant hatte und die wirklich wichtig wurden.

Vor dem Schreiben muss ich genug wissen, um mich nicht in der Geschichte zu verlieren, aber auch wenig genug, um noch kreativ zu sein.

Das Buch fängt die Krankheit und die Scheidung der Eltern aus Sicht eines Kindes so glaubhaft ein. Sind das Dinge, die Sie selbst erlebt haben?

Nicht persönlich und unmittelbar, nein.

Die Art, auf die ich mich dem Buch emotionell genähert habe war die: Es ist ein Buch über Verlust. Oder besser gesagt: die Angst vor Verlust.

Darüber, sich zu fürchten, jemanden zu verlieren.

Nicht für jeden geht die Geschichte so aus wie für Conor, aber jeder von uns kennt das Gefühl, Angst zu haben, jemanden zu verlieren. Und das kann wirklich sehr zerstörerisch sein. Denn es kann das eigene Leben übernehmen, es beherrschen, beeinflussen, wie man denkt und auch dieses schreckliche Gefühl, wenn man sich gleichzeitig wünscht, dass der Tod nicht kommt, und einem einen geliebten Menschen nimmt, und dass es einfach vorbei ist.

Was ich mich in all meinen Büchern versuche zu Fragen ist: Was ist die Wahrheit? Was ist die echte Wahrheit? Nicht die Wahrheit, die uns Fernsehserien vorgaukeln, sondern die echte Wahrheit: chaotisch.

Wie wütend wäre man auf seine Mutter dafür, dass sie krank ist? Und das ist die verbotene Frage.

Es gibt da eine Geschichte über eine Frau aus Amerika, deren Ehemann Alzheimer hatte. Sie kümmerte sich Jahre über Jahre um ihn. Und eines Tages, an Ostern, kaufte sie sich Schokolade für sich selbst. Und als sie nach Hause kam, hatte er die ganze Schokolade gegessen. Da hat sie ihn mit Benzin überschüttet und angezündet. Denn das war der Moment, in dem sie zerbrochen ist.

Das ist eine schreckliche Geschichte, aber gleichzeitig fasziniert sie mich. Denn es ist offensichtlich, dass sie sich um ihn kümmern wollte, dass sie ihn sehr geliebt hat – aber sie zerbrach. Ich fragte mich: Wie würde es einem zwölfjährigen Kind ergehen, das unter einem ähnlichen Druck stehen würde wie die Frau in der Geschichte. Wie kann so ein Kind zugeben, dass es diesen Druck einfach nicht mehr ertragen kann. Ich fragte mich also wieder und wieder: Was ist die Wahrheit? Was fühlt er wirklich?

Das war für mich das Wichtigste: Die emotionale Wahrheit zu finden.

Als ich klein war und las, hatte ich oft das Gefühl, das Bücher mich anlogen. Und das hat mich echt wütend gemacht. Und ich habe mir vorgenommen, niemals ein Buch zu schreiben, was mein Zwölfjähriges Selbst wütend machen würde, weil es nicht die Wahrheit sagte.

Gab es auch Bücher, die Sie mochten?

Ja. Wie viele Leute in meinem Alter habe ich direkt von den Kinderbüchern zu Stephen King gewechselt.

Es gab damals nicht so viele Jugendbücher wie heute. Jedenfalls nicht so viel gute. Damals konzentrierten sie sich oft auf Lektionen: „Ich weiß, gerade fühlst du dich schlecht, aber irgendwann wirst alles wieder in Ordnung sein“ Und wissen Sie was: Das ist nicht immer der Fall! Manchmal ist es sogar in Ordnung, dass es nicht in Ordnung ist.

Im Film gibt es einige Szenen, in denen wir Conor als passiven Charakter sehen. Er ist nicht involviert in dem Prozess des Sterbens seiner Mutter. Er wird damit konfrontiert. Aber niemand spricht mit ihm darüber. Sollten wir Kinder oder Jugendliche mehr in den Prozess mit einbeziehen?

Hm. Ich möchte nicht sagen, dass wir das „sollten“. Und das ist auch gar nicht das Thema. Die Kinder wissen doch ohnehin, was geschieht.

Conor weiß genau, was passiert. Und das ist es doch, wo die Gefahr liegt: Wenn sie wissen, was geschieht, und wir so tun, als wüssten sie es nicht – selbst wenn wir wissen, dass sie es wissen.

Ich glaube, das kann richtig Schaden anrichten. Denn ein kluges Kind wird 95% dessen, was geschieht, herausfinden. Aber es sind die 5%, die sie sich zusammenreimen – die für sie logisch erscheinen, aber bei denen sie völlig falsch liegen – die den größten Schaden anrichten.

Conor weiß es. Er weiß es von Anfang an. Aber niemand will mit ihm darüber sprechen, und so bleibt er sich selbst überlassen mit seinem Frust und seiner furchtbaren, bitteren Ungeduld, die Seite an Seite mit der Angst um seine Mutter besteht. Und niemand spricht mit ihm ehrlich darüber, denn niemand will sich eingestehen, dass er es bereits weiß.

Und das ist die Sache: Ob man selbst möchte oder nicht möchte, dass die Kinder es wissen, ist völlig irrelevant. Sie wissen es ohnehin. Die wichtigere Frage ist: Wie geht man damit um?

Wirklich junge Kinder interessieren sich für den Tod. Das klingt furchtbar, aber es ist so: Sie sind neugierig. Sie wollen, dass man ihnen etwas darüber erzählt. Und ich glaube, der Schaden entsteht dann, wenn man versucht, Dinge vor ihnen zu verbergen. Weil sie bereits etwas darüber wissen, und wenn man nicht mit ihnen darüber spricht, dann reimen sie sich selbst etwas zusammen. Darin liegt das Risiko. Jedenfalls meiner Meinung nach. Aber was weiß ich schon.

Conor erzählt sich selbst Geschichten, um mit seinem Leben klarzukommen. Regine aus Ihrem Buch Mehr als das sagt: „Wir müssen uns selbst belügen, um Leben zu können.“ Wie wichtig ist diese Idee für Sie als Autor und Geschichtenerzähler?

Ich habe seit langer Zeit eine Theorie. Ich meine sie ein bisschen augenzwinkernd – aber wirklich nur ein bisschen.

Ich glaube, dass die Entwicklung unseres Bewusstseins war ein evolutionärer Unfall war.

Es hat uns einen riesigen Vorteil gegeben, aber ich glaube, wir waren damals noch nicht wirklich bereit dafür. Denn das Wissen, dass wir alle sterben werden, ist einzigartig. Ich glaube nicht, dass wir bereit waren, mit dieser Information umzugehen.

Also haben wir Geschichten erfunden, um damit fertig zu werden. Ich sage immer, wir haben Religion erfunden, um mit der Furcht vor dem Tod umzugehen und die Komödie, um mit der Angst vor dem Leben umzugehen.

Eine Geschichte erfüllt einen solch riesengroßen, lebensnotwendigen Zweck: die Bedeutungslosigkeit des Universums zu erklären. Aber sie hat ihre Grenzen. Also sollte man eine Geschichte immer in Frage stellen, und man sollte immer eine weitere Geschichte erzählen. Und noch eine und noch eine.

Und alles, was wir dadurch erreichen, ist ein flüchtiger Blick auf die Wahrheit. Und deshalb brauchen wir eine Millionen Fragen, um wenigsten einen kleinen Blick auf die Wahrheit zu werfen.

Und ja, wir müssen uns selbst belügen, um Leben zu können. Denn das Universum ist verrückt und unbegreiflich. Wie erklären wir uns sonst Liebe? Wie erklären wir Zeit? Man muss Geschichten darüber erzählen. Man kann es nicht einfach wissen. Man muss sich Geschichten erzählen.

Vielen Dank!

Die Filmrezension zu Sieben Minuten nach Mitternacht findet ihr hier!

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