Darkstars Fantasy News


17. Oktober 2009

Interview mit Claudia Toman

Category: Interviews – Darkstar – 13:30

HexendreimaldreiDurch puren Zufall bin ich neulich über Claudia Tomans Debüt-Roman „Hexendreimaldrei“ gestoßen, der irgendwie eine sympatische Mischung aus modernem Großstadtmärchen, Frauenroman und alternativer Urban Fantasy ist. Worum es genau geht, verrate ich an dieser Stelle nicht, den erstens könnt ihr das bei mir in der Rezi nachlesen und zweitens erklärt das Claudia Toman im Interview gleich viel besser! Ja, die junge, sympathische Wiener Autorin hat sich meinen Fragen gestellt, als ich sie um ein Q&A gebeten habe – und mir sogar in Rekordzeit geantwortet.

Interview mit Claudia Toman

Vielleicht könntest Du Dich eingangs selbst kurz vorstellen?

Ich bin ein sehr eigenwilliger, chaotischer und liebesbedürftiger Mensch am Beginn des dritten Lebensjahrzehnts. In Wien, meiner Heimatstadt, lebe ich mit Madame Grisou LaBelle, einer nicht weniger eigenwilligen Katze, auf 36 Quadratmetern und denke mir Geschichten aus. Oder, um es mit den Worten des Dichters Rudolfo aus Puccinis „La Bohème“ auszudrücken:

Chi son? Sono un poeta. Che cosa faccio? Scrivo. E come vivo? Vivo.

Ohne zu viel zu verraten: Worum geht es in Hexendreimaldrei?

Es geht um einen Wunsch und darum, welche Ausmaße leichtfertiges Wünschen annehmen kann. Meine Heldin Olivia erfährt das am eigenen Leib. Ein spontan bösartiges „Ich wünschte, du wärst ein Frosch!“ und schon hat sie eine Amphibie in der Tasche, eine geheimnisvolle Hexenvereinigung am Hals, einen Haufen Rätsel zu lösen und einen Pakt einzuhalten. Denn wer würde sich schon mit Shakespeare anlegen?

All Age, Romantasy, Chick Lit – wir leben in einer Zeit, in der Labels offenbar lebensnotwendig sind. Wo würdest du dein Debüt einordnen – und warum?

Urban Chick Lit Fairy Tale wäre, so habe ich nach langem Nachdenken festgestellt, die korrekte Genrebezeichnung. Doch wer will das schon aussprechen müssen. Kurz gesagt ist „Hexendreimaldrei“ ein Märchen. Eines, das in der modernen Welt einer Frau von heute spielt. Ja, ich denke, das „Label“ Märchen gefällt mir am besten.

Olivia, Deine Hauptfigur in Hexendreimaldrei, ist Schriftstellerin, um die 30; sie lebt in Wien, liebt London, Sex & the City und Die Nanny. Was unterscheidet Dich von ihr?

Gut gefragt, normalerweise fragt man mich immer, was ich mit ihr gemeinsam habe. Von Olivia unterscheidet mich hauptsächlich, dass sie eine Romanfigur ist und ich eine lebende Person. Ansonsten, zugegeben, nicht viel.

Verrate uns doch bitte, wie Du zum Schreiben gekommen bist. Wie hast Du bemerkt, dass Du Talent dafür hast?

Das haben meine Lehrer in der Schule bemerkt. Ich selbst fand es eigentlich nicht besonders außergewöhnlich, Geschichten aufzuschreiben, denn seit ich denken kann, lebe ich in Geschichten. Ich habe bestimmt mehr Zeit in meinem höchstpersönlichen Phantasien verbracht als in der Realität. Daher ist die Aufzeichnung dieser Kopfwelt für mich ein ganz natürlicher Vorgang, wie Niesen oder Schluckauf. Ein Teil von mir.

Hat Claudia Toman auch den Shakespeare-Pakt geschlossen?

Ja. Die Paktszene ist sogar relativ genau so abgelaufen, nur dass Shakespeare mehr im übertragenen Sinn mit mir gesprochen hat als leibhaftig. Doch den Ring gibt es, und wenn erst mein zweiter Roman erscheint, dann wird er sich auch von Plastik in Gold verwandeln, denn dann habe ich meinen Pakt gehalten.

Wie lange hast Du gebraucht, um Hexendreimaldrei zu schreiben?

Etwa ein halbes Jahr bis zur ersten Fassung.

Was war Deiner Meinung nach die größte Herausforderung bei Deinem Projekt?

Die Herausforderung war, es zu Ende zu bringen. Ich bin ein Genie der unvollendeten Dinge, ich stürze mich oft mit Enthusiasmus in etwas, um es dann aufzugeben. Das geht nun nicht mehr, weil schreiben jetzt mein Beruf ist.

Woher nimmst Du Deine Ideen?

Ich sage immer, Ideen stoßen einem zu. Alltäglichkeiten, Situationen, Gespräche, eine Notiz in der Zeitung, wir sind dauernd von Ideen umgeben und müssen nur danach greifen. Ich versuche inzwischen, sie zu sammeln und zu archivieren, damit sie mir nicht aus reiner Vergesslichkeit verloren gehen.

Auf Deiner Website sagst Du, dass es noch mehr Bücher um Olivia geben wird. Wann erscheint das nächste und worum wird es da gehen?

Es wird, so viel kann ich mit Sicherheit sagen, drei Bücher mit Olivia geben. Das nächste erscheint im Mai 2010. Darin verschlägt es Stadtfrau Olivia in ein Bergdorf, wo es ein düsteres Geheimnis und einen magischen Wald gibt, in deren Mitte sich eine sagenhafte Hütte befindet. Es wird, um zu den Labels zurückzukehren, ein Märchenkrimi.

In Hexendreimaldrei spielt das Märchen vom Froschkönig eine große Rolle. Gibt es auch für den zweiten Band ein vorherrschendes Märchenmotiv?

Ja, das gibt es, diesmal wird es um Rotkäppchen gehen, jedoch, wie schon beim Hexendreimaldrei, in sehr überraschend anderer Art und Weise.

Darf man annehmen, dass Du selbst ein Märchenfan bist?

Ich liebe Märchen, vor allem diejenigen der Gebrüder Grimm, und ich lese sie immer wieder gerne.

Viele Leute halten Märchen heutzutage ja für veraltet, gerade auch wegen der etwas angestaubten Rollenmodelle. Stimmst Du dem zu? 

Überhaupt nicht. Man muss Märchen psychologisch sehen. Alles, was die menschliche Psyche betrifft, all unsere tiefsten, dunkelsten Ängste und Sehnsüchte, Träume und Wünsche stecken in diesen alten Geschichten drinnen, darum erschrecken und verunsichern sie uns auch so. Viele dieser Märchen sind brutal, doch es geht einfach darum, Erlebnisse zu verarbeiten und Zusammenhänge zu verstehen. Deshalb werden sie nie veralten, weil die menschliche Psyche sich ja nicht wesentlich verändert, verändern tun sich nur äußere Dinge.

Verstehst Du Dich mehr als Künstler oder als Handwerker, wenn es um Deinen Beruf geht?

Hundertprozentig beides. Eines ohne das andere ist hilflos. Der Künstler sorgt für die Inspiration, aber um daraus ein Buch zu machen und dieses unter die Leute zu bringen, braucht es den Handwerker.

Was macht Dir am meisten Spaß, wenn Du an einem neuen Roman arbeitest – und was kannst Du nicht ausstehen?

Ich liebe die reine Schreibphase. Wenn es nur die Geschichte und mich gibt. Wenn ich plötzlich einen Zusammenhang schaffe oder eine Wendung gelingt, dann möchte ich fast hüpfen vor Glück. Nicht ausstehen, nun, so schlimm ist wirklich nichts daran, am wenigsten mag ich die Vorarbeit, wobei die Recherche selbst schon Spaß macht. Doch das Plotten und die Figurenbios, das dauert mir immer zu lange, ich möchte schon in den Fluss springen und schwimmen.

Was sind Deine literarischen Vorbilder?

Mister Stephen King der Große, mein unangefochtener Lieblingsautor. Außerdem natürlich Tolkien und Rowling, die beide so unfassbar geniale Universen erschaffen haben. Shakespeare selbstverständlich, der Meister der Sprachkunst und der Dialoge und was die Geschichten angeht auch Haruki Murakami, der so eine herrliche Phantasie besitzt.

Woran arbeitest Du gerade?

Ich bin in den letzten Vorbereitungen zum dritten Olivia-Roman, den ich demnächst zu schreiben beginne und bis zum nächsten Sommer fertig haben möchte.

Nehmen wir an, ein Fernsehsender würde Dir einen Haufen Geld geben für die Filmrechte an Hexendreimaldrei, um damit einen Donnerstag-Abend-Spielfilm mit – sagen wir – Jeanette Biedermann in der Hauptrolle zu machen. Würdest Du ja sagen?

Hey, ich mag Jeanette Biedermann!!! 😉 Im Ernst, natürlich würde ich ja sagen, das ist doch eine wirklich tolle Sache, so ein Spielfilm! Ich würde nur gern etwas Mitspracherecht beim Drehbuch haben, weil da ja viel schief gehen kann, aber ansonsten: SAT 1, RTL, ich bin bereit!!!! 😛

Wenn Du eine fiktive Persönlichkeit treffen könntest – ob aus Deinen Büchern oder denen eines anderen – wer wäre das und warum?

Früher hätte ich ganz klar für Aragorn gevotet, einfach weil er der Mann aller Männer für uns fantasyliebenden Frauen ist und wer würde nicht von ihm vor einem Haufen Orks gerettet werden wollen? Heute aber würde ich wohl lieber Bill Denbrough aus Stephen Kings „ES“ treffen und mit ihm über das Schreiben reden. Außerdem könnte er mir vielleicht die Handynummer seines Schöpfers verraten und mit DEM würde ich wirklich gerne mal was trinken gehen! 😉

Und zum Schluß: Was würdest Du Dir wünschen, wenn plötzlich eine Fee vor Dir stünde?

Erich Kästner hat dazu eine sehr weise Geschichte geschrieben, die ich ganz verinnerlicht habe. Das Märchen vom Glück. Und darum würde ich mir wünschen, immer einen unerfüllten Wunsch offen zu haben. DAS wäre wirklich etwas, wofür es sich zu leben lohnt.

Vielen Dank für das Interview und Alles Gute für die Zukunft!

Claudia Tomans‘ Website findet ihr übrigens hier! Dort liest sie übrigens auch in einem kurzen Video aus ihrem Roman vor!

Zudem führt sie einen eigenen Autorenblog!

Und für meine Rezension zu „Hexendreimaldrei“ bitte hier klicken.

Als Dreingabe noch Claudias Vita:

Claudia TomanClaudia Toman wurde 1978 in Wien geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie zu etwa gleichen Teilen in Mittelerde, Phantasien, Märchenmond und Derry, Maine. Nach dem Schulabschluss packte sie die Theatersucht und sie arbeitete als Regisseurin, Regieassistentin und Inspizientin in Wien, Tokio und Tel Aviv. Seit 2001 betreut sie die Vorstellungen der Kinderoper an der Wiener Staatsoper.
„Jagdzeit“ ist ihr zweiter Roman, „Hexendreimaldrei“ ist 2009 ebenfalls bei Diana erschienen.
Claudia Toman lebt als Untermieterin einer eigenwilligen Katzendame in Wien und arbeitet derzeit an ihrem dritten Roman. Weitere Informationen und Kontakt zur Autorin: http://claudiatoman.blogspot.com

Die Geschichtenerzählerin:

Claudia Toman wurde 1978 in Wien geboren und ist als Einzelkind bei ihrem Vater in einem beschaulichen Vorort der österreichischen Hauptstadt aufgewachsen. Schon in der Schulzeit verbrachte sie mehr Zeit mit Frodo Beutlin, Sam Gamdschie, Dolly Rieder, Ronja Räubertochter, Mowgli und Baghira, den drei Fragezeichen oder Stephen Kings Club der Verlierer als mit ihren Spielgefährten. Geschichten zu erfinden, Tagträumen nachzuhängen, auf Bäumen zu sitzen und in Phantasiewelten einzutauchen machte den Großteil ihres Lebens aus. Schon damals hat sie den Entschluss gefasst, Geschichtenerzählerin zu werden.

Nach dem Schulabschluss begann sie das Studium der Theaterwissenschaft in wenig Theorie und viel Praxis, arbeitete bei diversen Wiener Bühnen, bis sie schließlich, nach spannenden Regieassistenzen in Tel Aviv und Tokio, ihre Theaterheimat im Kinderopernzelt der Wiener Staatsoper fand. Dort betreut sie seither die Kindervorstellungen als Inspizientin und Spielleiterin und lebt ihre immerwährende Sehnsucht nach Märchen, Magie und Spiel aus.

2006 schrieb sie ein kleines Musiktheaterstück anlässlich des Mozartjahres für die Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper, das sie gemeinsam mit dem Dirigenten und Komponisten Janko Kastelic auf die Bühne brachte. Außerdem erarbeitete sie zwei Opernlibretti und verfasste immer wieder Gedichte und Kurzgeschichten, die in mehreren Anthologien veröffentlicht wurden.

2007 verwirklichte sie ihren Kindheitstraum und wurde Geschichtenerzählerin. Nach mehreren außergewöhnlichen Begebenheiten, die sich zum Großteil in London zugetragen hatten, entdeckte sie die Hexe in sich, ging den Geheimnissen des Froschtums auf den Grund und schrieb ihren ersten Roman darüber, „Hexendreimaldrei“. London ist seither nicht nur ihr liebster Ort, um Energie aufzutanken, sondern auch ein wichtiger Arbeitsplatz, und wenn sie es sich eines Tages leisten kann, auch ihr idealer Lebensmittelpunkt.

Claudia Toman ist Katzenbesitzerin, Sushiesserin, Mitglied der ganz anonymen Schokoholiker, Teetrinkerin, Autofahrerin und Mac-Userin. Sie liebt Museen mit Bildern, Großstädte mit vielen Theatern, Sonette von Shakespeare, Chai Tea Latte von Starbucks, sonnige Schipisten, den Park von Miramare in Triest, Venezianischen Bellini, den Geruch von alten Büchern, Lebensweisheiten von Carrie, Miranda, Charlotte & Samantha, Harry und Sally, Musik von Jim Steinman, Richard Strauss, Diana Krall und ihre Freunde.

Für die nähere Zukunft plant sie, sich weiter mit der Welt der Märchen und Mythen auseinanderzusetzen, die Spezies Mann genauestens zu studieren und durch die Kombination dieser beiden abenteuerlichen Vorhaben Stoff für viele, viele Geschichten zu entdecken. In fernerer Zukunft steht eine Reise durch Raum und Zeit an, die sie bereits eifrig plant. Wenn das gelingt, wird sie selbstverständlich exklusiv darüber berichten, schließlich ist sie ja mit Leib und Seele Geschichtenerzählerin.

(Das Foto von Claudia Toman stammt von Elisabeth Laufer).

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3 Comments »

  1. […] Ein ausführliches Interview, das ich im vergangenen Jahr mit Claudia Toman geführt habe, findet ihr hier. […]

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  2. […] Ausführliches Interview mit Claudia Toman […]

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  3. […] Interview mit Claudia Toman findet ihr übrigens hier! Tags: « Jahresvorschau 2011: Christoph […]

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