Darkstars Fantasy News


6. November 2008

Libba Bray: Gemmas Visionen
Der Geheime Zirkel – Teil 1

Category: News,Rezensionen,Romane – Darkstar – 08:45

Gemmas VisionenAn ihrem sechzehnten Geburtstag ändert sich Gemmas Leben in zweifacher Hinsicht grundlegend: Nach einer schrecklichen Familientragödie verlässt sie das Indien der Kolonialzeit, in dem sie aufgewachsen ist, um fortan in London an einem Internat für höhere Töchter erzogen zu werden. Zudem suchen sie fortan überwältigende Visionen heim, die sie weder steuern kann noch versteht.

An der Spence-Akademie hofft sie, ein neues Leben beginnen zu können und ihre Visionen zu vergessen. Das stellt sich jedoch ziemlich schnell als Wunschdenken heraus: Ein verbotenes Geheimnis soll den Ostflügel des Gebäudes umgeben, Zigeuner, die in der Nähe siedeln, warnen sie beharrlich davor, ihre Fähigkeiten einzusetzen – und die geisterhafte Erscheinung eines jungen Mädchens lockt sie zu einem Geheimversteck, wo sie das altes Tagebuch einer ehemaligen Schülerin findet. Gemma wird klar, dass sie nicht die einzige Person auf der Welt ist, dem eine besondere Begabung zuteil wurde. Wie groß Gemmas Begabung jedoch ist, stellt sie erst fest, als sie beginnt, diese mit einem kleinen, ausgewählten Kreis von Mitschülerin zu erforschen – und sich das Tor in eine atemberaubende, fremdartige Welt für die Mädchen öffnet. Doch hinter all dem Glanz scheint eine düstere Tragödie verborgen.

Obwohl der Einstieg in die Geschichte als wahrlich rasant bezeichnet werden darf, habe zumindest ich ein paar Kapitel gebraucht, um mit „Gemmas Visionen“ warm zu werden. In erster Linie dürfte das wahrscheinlich daran gelegen haben, dass Libba Bray den Roman nicht nur in der Ich-Form erzählt und außerdem im Präsens – der Gegenwartsform – verfasst, sondern vor allem wegen der stark sarkastischen Art von Gemma, die man ihr aufgrund ihrer Situation und ihres jungen Alters abnimmt, ihre beißende Art einem jedoch in den ersten Kapiteln etwas auf die Nerven geht.
Nach Gemmas Ankunft und den ersten Tagen im Spence-Internat verliert sich der Zynismus der Hauptperson allerdings zunehmend und da im alten Gemäuer der Akademie mit seinem verbotenen Ostflügel die Mystery-Handlung auch – zunächst langsam, dann rasch schneller werdend – voranschreitet, packt das Buch seinen Leser. Mit Spannung verfolgt man, wie Gemma und ihre neuen Freundinnen immer tiefer eintauchen in eine geheimnisvolle Welt, die neben der unseren zu existieren scheint, und Stück für Stück das Rätsel des alten Tagebuchs entwirren. Der Flair des viktorianischen Londons, den die Autorin auf den Buchseiten aufleben lässt, erweist sich als ein wohltuendes Setting, das nicht bereits durch zahlreiche Fantasy-Romane überstrapaziert worden ist. Hardcore-Phantasten seien jedoch gewarnt: Der Roman ist zwar mit zahlreichen Mystery-Momenten gespickt, feuerspeiende Drachen und verwunschene Schwerter sind hier jedoch nicht zu finden. Das tut dem Lesegenuss allerdings keinerlei Abbruch.

Bildgewaltige, von Bray sehr lebhaft und gekonnt beschriebene Visionen und das Leben auf der Spence-Akademie: Wenngleich die Prämisse des Buchs eine völlig andere, eindeutig phantastischere ist, erinnert „Gemmas Visionen“ atmosphärisch an eine Mischung aus dem Kinderbuchklassiker „Sara, die kleine Prinzessin“ und dem Film „Heavenly Creatures“.

Es ist erfreulich, dass der Roman, obwohl er der erste Teil der Trilogie vom „Geheimen Zirkel“ ist, sehr gut für sich allein stehen kann. Obwohl nicht alle Fragen beantwortet werden und die mehrfach erwähnte Antagonistin bisher nur namentlich aufgetaucht ist, wirkt das Ende versöhnlich und in sich abgeschlossen und man könnte gut ohne eine Fortsetzung leben. Dass man sich trotzdem auf den zweiten Band – „Circes Rückkehr“ – freut, ist der Qualität von „Gemmas Visionen“ zuzuschreiben, denn der macht wirklich Lust auf mehr.

Libba Bray ist ein wunderbarer Auftaktband gelungen, der nach ein paar kleinen Startschwierigkeiten den Leser packt und ihn erst wieder loslässt, wenn er am Ende angelangt ist.

Titel: Gemmas Visionen
Autorin: Libba Bray
Reihe: Der Geheime Zirkel, Band 1 (von 3)
Original-Titel: A Great and Terrible Beauty
Übersetzung: Ingrid Weixelbaumer
Verlag: DTV, Mai 2007
Aufmachung: Taschenbuch, 480 Seiten
Preis: € 12,95

Tags:

6 Comments »

  1. Hallo,
    tolle Rezension, da kann ich nur meinen Hut ziehen … :-)
    Vor allem die gedachte Mischung der Atmosphäre aus „Sara, die kleine Prinzessin“ und „Heavenly Creatures“ gefällt mir!

    Ich höre gerade den dritten Teil der Trilogie, „Kartiks Schicksal“, und bin wieder sehr angetan, was vornehmlich natürlich an dieser wunderbaren Atmosphäre liegt.

    Viele Grüße,
    Corry

    Comment by Corry — 9. November 2008 @ 14:26

  2. Jipp, hab es jetzt auch endlich durch.

    Ich stimm‘ Dir im Großen und Ganzen zu und konnte das Buch die letzten 200 Seiten auch keine Minute mehr wirklich weglegen ;-)
    Allerdings fand ich die meisten der Hauptfiguren ein wenig ZU stereotyp, abgesehen davon, dass Gemma tatsächlich an manchen erfrischend unerwarteten Stellen auch mal was Dummes tut und sich nicht nur „richtig“ verhält.
    Ausserdem hat man den Eindruck, dass sich die Handlung innerhalb weniger Tage abspielt, da für meinen zu wenig „Unwichtigkeiten“ aus dem Alltag vorkommen, die der Stimmung bestimmt nicht geschadet hätten. Wenn ich die Danksagungen am Ende allerdings richtig deute, hatte die Autorin allerdings auch zeitliche Verpflichtungen.

    Nichtsdestotrotz: Ein feines kleines Buch!
    Und ein besonderes Lob an den Verlag, der die Taschenbuchausgabe mit einer Art Reliefgummierung versehen hat. Ich hatte noch nie ein Taschenbuch, das derart gerne in meiner Hand gelegen hat, einfach nur um gefühlt zu werden. Man legt es um so weniger leicht aus der Hand.

    Gruss,
    bunter

    Comment by bunter — 30. November 2008 @ 23:53

  3. Hupps! Hab gerade erst den Kommentar entdeckt. Freu mich aber, dass dir das Buch gefallen hat. :-)

    Comment by Darkstar — 9. Dezember 2008 @ 21:51

  4. […] bin ich eigentlich nur zufällig gestoßen. Ihre Trilogie um den “Geheimen Zirkel” (Gemmas Visionen, Circes Rückkehr und Kartiks Schicksal) haben mir aber richtig gut gefallen und die Bände haben […]

    Pingback by Darkstars Fantasy News » Libba Bray bewirbt ihren neuen Roman im Kuh-Kostüm | News & Interviews aus der wunderbaren Welt der Fantasy — 28. Oktober 2010 @ 07:45

  5. […] ist übrigens ein ganz anderes Buch als „Gemmas Visionen“. Anstelle eines viktorianischen Internatmädchens mit magischen Kräften steht in „Ohne. Ende. […]

    Pingback by Darkstars Fantasy News » Libba Bray: Ohne. Ende. Leben | News & Interviews aus der wunderbaren Welt der Fantasy — 14. Mai 2011 @ 12:01

  6. […] In meiner Jugend (die ja nun doch ein bisschen her ist) hätte ich mir jedenfalls mehr Bücher gewünscht, in denen lgbt-Figuren mal den Tag retten. Damals gab’s die so gut wie nicht, schon gar nicht im Jugendbuchbereich, jedenfalls, wenn wir vom phantastischen Genre sprechen. Heute, nach Buffy the Vampire Slayer, gibt es z. B. Cassandra Clares Die Chroniken der Unterwelt, Jackson Pearces Drei Wünsche hast Du frei oder Libba Brays Ohne. Ende. Leben und ihre Trilogie um den Geheimen Zirkel.  […]

    Pingback by Darkstars Fantasy News » Gay FridayUrban Fantasy für Jugendliche mit schwulen Helden | News & Interviews aus der wunderbaren Welt der Fantasy - ein Fantasy Blog — 13. Juni 2014 @ 09:02

RSS feed for comments on this post. | TrackBack URI

Leave a comment

XHTML ( You can use these tags): <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> .