Darkstars Fantasy News


3. Februar 2015

Leseprobe aus Markus Heitz‘ ZWERGE 5

Category: Leseprobe,News – Darkstar – 21:17

Am 16. Februar wird es endlich so weit sein: Markus Heitz setzt seine extrem beliebte Völkerfantasy-Serie „Die Zwerge“ mit Band 5, „Der Triumph der Zwerge“ fort.

Und ihr habt hier auf meinem Blog die Gelegenheit, in den Band hineinzulesen, noch ehe der Piper Verlag die Leseprobe zum Buch offiziell launched.

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Anstatt noch weitere Worte zu verlieren – viel Spaß mit der Leseprobe zu  „Der Triumph der Zwerge“.

(Wer lieber per PDF lesen mag, sollte übrigens ganz nach unten scrollen).

Markus Heitz

Der Triumph der Zwerge

(Leseprobe (c) Markus Heitz / Piper Verlag)

PROLOG

Das Geborgene Land, Elbenreich Ti Lesinteïl (einstiges Albaereich Dsôn Bhará), 6492. Sonnenzyklus, Frühsommer

Raikan von Auenwald zügelte sein Pferd, als der kaum noch wahrnehmbare Rand des Kraters erschien, in dem das Albaereich der verhassten Drillinge gelegen hatte. Die vierköpfige Begleiterschar des Thronanwärters von Tabaîn schloss auf, fächerte rechts und links von ihm auseinander, bevor sie anhielt.Noch in den Sätteln ließen die drei Männer und zwei Frauen, die sichtlich teure Kleidung und leichte, helle Mäntel trugen, die ungläubigen Blicke schweifen. Mit einer solchen Veränderung hatte keiner von ihnen gerechnet.

„Ich hätte jede Wette verloren.“ Der hochgewachsene, dunkelhaarige Raikan gehörte einem alten Adelsgeschlecht an und galt als kommender Regent, sofern sein älterer Bruder Natenian wie versprochen aus Krankheitsgründen seine Ansprüche zurückzog. Daher lag es an ihm, die Unterredung mit den Elben zu führen, die sich nach der Befreiung von den Albae an diesem Ort niedergelassen hatten.

„Ich auch“, gab sein Freund Tenkil von Hoge verblüfft zu und legte eine Hand als Blendschutz waagrecht gegen die Stirn; mit dem Daumen strich er einige schwarze Strähnen zur Seite. Er war der Kräftigste der Truppe, die Muskeln verlangten nach vielen Ringen, um das Kettenhemd in seiner Größe zu flechten. Der Krieger hatte sich nicht von der Rüstung abbringen lassen, obwohl es sich um einen friedlichen Besuch bei Nachbarn handelte. Er schleppte auch die meisten Waffen an seinem Wehrgehänge. „Wie gelang das?“

Lilia, Ketrin und Irtan indes schwiegen, sie waren noch zu sehr mit Staunen beschäftigt.

Raikan dachte an die vergangenen Umläufe von Herbst, Winter und Frühjahr, die Heldentaten, Sterben und Siege bargen.

Welle um Welle an Kriegern war ausgerückt, um die Dsôn Aklán und die letzten Schwarzaugen im Norden des Geborgenen Landes zu vernichten. Letztlich gelang es den tapferen Streitern – unter unglaublichen Verlusten.

Danach hatte man begonnen, die Behausungen der Albae einzureißen, den Palastberg abzutragen und das Loch aufzufüllen; der Elb Ilahín und seine Gemahlin Fiëa hatten die Arbeiten überwacht.

Einen Zyklus nach dem Ende von Lot-Ionan, den Albae, des Drachen Lohasbrand und seiner Orks sowie des Kordrion kehrte im Geborgenen Land allmählich Ruhe ein. Die Throne der Menschenreiche waren besetzt, der Willkür sowohl der Einzelnen als auch der Massen wurden Riegel vorgeschoben. Recht und Ordnung hielten Einzug.

Das Königreich Tabaîn befand sich nach Raikans Empfinden auf einem guten Weg. Ein paar Fürsten und Emporkömmlinge wollten noch in die Schranken gewiesen werden, um der Kornkammer im Nordwesten des Geborgenen Landes zur inneren Beständigkeit zu verhelfen.

Mitten in den Vorbereitungen zum Kronverzicht hatte die Brüder die Einladung des Elbenpaares Ilahín und Fiëa erreicht, nach Ti Lesinteïl zu kommen.

An den Hof.

Raikan hatte nicht gewusst, dass die wenigen Elben bereits einen König gewählt hatten, oder dass ihre Anzahl so rasch gestiegen war, um einen Hof zu bilden. „Reiten wir hin und bestaunen das Wunder aus der Nähe.“

Die kleine Schar lenkte ihre Pferde auf die leicht abschüssige, breite Straße.

Die einstige Tiefe des Kraters, in denen die Hauptstadt der Nord-Albae gestanden hatte, war allenfalls zu erahnen, sofern man die alten Erzählungen kannte. Die Elben hatten es geschafft, durch Aufschüttung eine meilenweite, kreisrunde Senke daraus werden zu lassen.Doch für Raikan war der dichte, üppige Wald, der sich darin erhob, das wahre Wunder.

Die Wipfel bildeten ein stattgrünes, wogendes Blättermeer, in das er und seine Begleiter eintauchten und zwischen den mehr als hundert Schritt hohen Bäumen versanken wie auf den Grund eines Meeres.

Raikan erfreute sich an dem flirrenden Lichtspiel, den vielen Farbtönen von Laub, Rinde und frischen Knospen. Der Geruch in der Luft erinnerte an Honig, an ausgefallene Gewürze und Weihrauch. Er belebte und betörte seine Sinne.

„Ich habe noch nie Bäume gesehen, die solche Blüten hervorbringen“, sagte Tenkil und klang argwöhnisch. „Oder so schnell wachsen.“

„Ich kann daran nichts Schlechtes finden, da sie das Grauen unter der lebendigen Natur verschwinden lassen.“ In Raikan stellte sich ein gutes Gefühl ein, eine übergroße Zuversicht, aus der Zusammenkunft am elbischen Hof etwas Herausragendes für Tabaîn zu erreichen.

Insgeheim war er einem Pakt mit dem Elbenreich oder gar allen dreien nicht abgeneigt. Es würde Tabaîn einen Vorteil gegenüber Gauragar und Idoslân bringen.

Zwar begann eine neue Ära im Geborgenen Land, aber Raikan traute Königin Mallenia nicht. Bei aller Kampfkraft und Entschlossenheit, die sie an den Umlauf legte, störte ihn eine Sache gewaltig: ihr Verhalten, wenn es um das Zusammenleben ging. Was kann man von einer Herrscherin erwarten, die sich einem Schauspieler hingibt, der zugleich eine offene Liebschaft mit einer Maga hat?

Raikan rechnete nicht mit einem Angriff durch Mallenia, aber er hielt sie für launisch und vorschnell. Hätte er die Elben auf seiner Seite, würde das Eindruck machen, auch beim eigenen Volk. Er wollte Sicherheit für sein Land, mehr nicht.

Die Abordnung aus Tabaîn folgte der gewundenen Straße, die sich zwischen den mächtigen Stämmen dahinschlängelte.

Der lichtdurchflutete Wald umgab sie von allen Seiten. Moos und Farne wuchsen auf dem Boden, dichtes Unterholz fehlte, sodass Raikan gelegentlich Wild entdeckte, das den Reitern nachschaute. Es wusste, dass es nichts vor den Menschen zu befürchten hatte.

„Sieh nach rechts“, meldete Tenkil. „Scheint, als wären die Elben nicht ganz so gründlich gewesen.“

Raikan drehte den Kopf und erkannte die Überreste eines imposanten Standbildes aus Knochen, das unverkennbar albischen Ursprungs war.

Es wirkte wie ein gewaltiger Kriegeroberkörper, der sich aus dem Boden stemmte, um sich auf seine Feinde zu werfen. Ranken hatten sich um das schaurige Gebeinkunstwerk geschlungen und sich straff gespannt.

„Es wird nicht lange dauern, und die Gewächse zerreißen es“, schätzte Raikan und fühlte einen Schauer über den Rücken rinnen. Die Albae werden getilgt. Sie und alles, was sie erschufen.

Die fünf Reiter gelangten auf einen großen Platz, in dessen Mitte sich ein kolossaler Baum erhob, der mit seinen Ästen und Zweigen einen natürlichen Schirm über der Siedlung aufspannte. Raikan vermochte sich nicht auszumalen, wie tief die Wurzeln reichen mussten, um das Gewicht zu halten.

In lichten Schatten des Baumes erhoben sich geschätzt vier Dutzend Häuser, gänzlich aus Stein errichtet, die nach kleinen Festungen aussahen und doch genügend verspielte Elemente in sich bargen, um nicht wie verloren gegangene Bauklötze eines Riesen umherzustehen. Die behauenen Quader waren in Grüntönen sowie mit geschwungenen Ornamenten bemalt und von Pflanzen bewachsen. Sie fügten sich perfekt in die Umgebung ein.

Tenkil schien sich bereits Gedanken zu machen. „Wer die Siedlung einnehmen will, müsste sich von Haus zu Haus kämpfen.“

Raikan verübelte dem Krieger die Bemerkung nicht. Er hatte lange Zeit gegen die Feinde von Tabaîn gefochten; daher beurteilte er jeden Ort nach taktischen Maßstäben, bevor er ihn mit friedlichen Augen betrachten konnte.

Elbinnen und Elben gingen auf den befestigen Straßen umher, man warf den Neuankömmlingen freundliche Blicke zu. Raikan zählte mindestens vierzig Bewohner, die durch die Siedlung liefen. Er gab das Zeichen zum Anhalten. „Ich hörte etwas von einer Handvoll Elben, die ins Geborgene Land kamen.“

„Das sind mehr.“ Tenkil atmete laut aus. „Viel mehr.“

„Aber unbewaffnet.“ Raikan lächelte seinem Freund zu. „Man will uns nichts Böses.“

In der Mitte der kleinen Siedlung stand ein hundert mal hundert Schritt großes Haus, dessen geschwungenes Dach sich gut fünfzig Schritte über ihnen befand. Vier Balustraden zogen sich im Abstand zehn Schritt außen entlang.

Es war überwiegend aus Holz errichtet, die Balken kunstvoll mit Schnitzereien versehen, und zahllose weiße Lampions mit roten Runen pendelten leicht. Zwei riesige schwarze Banner hingen von ganz oben bis auf den Boden herab, die weißen Ornamente leuchteten beinahe. Sie rahmten im unteren Teil ein massives doppelflügeliges Bronzetor ein, auf dem sich noch mehr Runen befanden.

„Die Elben sind die schnellsten Baumeister, die ich jemals sah“, bekannte Tenkil, ohne es lobend zu meinen. In seinen Worten schwang sein Unglaube mit, es sei mit rechten Dingen zugegangen.

Nun reicht es mit seiner Unkerei. Raikan wollte etwas Rügendes erwidern, als der Eingang aufschwang und ein Elb in weiten, dunkelgrünen Gewändern heraustrat. Auf seinen Händen balancierte er ein Tablett mit einer Wasserkaraffe und fünf Kelchen. Seine kurzen schwarzen Haare hatte er streng nach hinten gelegt, was die leicht spitz zulaufenden Ohren betonte; am Gürtel um seine schmale Hüfte trug er einen unterarmlangen Dolch.

Er näherte sich der Gruppe getragenen Schrittes.

Raikan empfand es nicht als angemessen, den Trunk aus dem Sattel heraus anzunehmen, also stieg er ab; s Tenkil, Lilia, Ketrin sowie Irtan taten es ihm nach.

Ein leichter Wind zog durch das Waldmeer und ließ zahlreiche Glöckchen erklingen, die unsichtbar in den Ästen hingen. Es machte den Moment feierlich.

Der Elb deutete eine Verbeugung an, reckte Tablett anbietend. „Willkommen, ihr Menschen aus Tabaîn. Mein Herr ist erfreut, dass ihr seine Einladung annahmt.“

„Wir haben zu danken.“ Raikan und seine Truppe nahmen je einen Kelch.

Bereits der erste Schluck war köstlich: Das Wasser schmeckte rein und erfrischte mehr als alles, was der angehende König jemals zuvor getrunken hatte. Das leichte Aroma konnte er nicht zuordnen, doch es hinterließ in der Kehle eine angenehme Kühle.

Nachdem sie den Trunk zu sich genommen und die Kelche abgestellt hatten, wandte sich der Elb mit einem Lächeln um. „Folgt mir, bitte. Mein Herr erwartet euch.“

Raikan blieb auf doppelter Armlänge Abstand zu ihm und setzte sich in Bewegung. „Ketrin, du wartest bei den Pferden.“

Die blonde Frau nickte und fasste die Zügel in ihrer Hand zu einem dicken Strang zusammen.

Tenkil nickte andeutend in die Höhe. „Wächter. Neun Bogenschützen, wenn ich es richtig sehe. Sie stehen im Schatten der zweiten Balustrade.“

Alles andere hätte Raikan verwundert. „Nehmen wir einfach an, sie stünden zu unserem Schutz dort.“

Damit wurden es noch mehr Elben, die in Ti Lesinteïl lebten. Woher kamen sie?

Tenkil stieß ein raues Lachen aus. „Wie die verborgenen Späher im Wald, die auf uns zielten, als wir sie passierten?“

Raikan schwieg. Er hatte die elbischen Soldaten nicht bemerkt. Seinem Freund gelang es mit den Bemerkungen, die gute Stimmung mit Makeln zu versehen.

Sie gelangten durch das Doppeltor in eine große, schmucklose Halle, in der es durchdringend nach Weihrauch und Blüten roch. An den Wänden waren aufgemalte Schriftzeichen zu erkennen, ebenso stilisierte Landschaften mit Vögeln. Die Farben schimmerten mitunter, als wäre flüssiges Metall dünn über die Darstellungen aufgetragen worden.

Der hintere Teil der Halle war durch ein Podest und Schilfmatten erhöht, und dort saß ein beeindruckender, braunhaariger Elb auf seinen angewinkelten Unterschenkeln, was nicht bequem aussah. Sein raffiniert geschnittenes Gewand bestand aus weißem Stoff mit eingewobenen Gold- und Silberfäden. Sonnenstrahlen fielen aus drei verschiedenen Richtungen durch Öffnungen in der Decke; die Reflexionen machten den Elb zu einer Lichtgestalt. Die ringverzierten Hände lagen geöffnet auf den Oberschenkeln, die Augen waren auf die Besucher gerichtet.

Bislang hatte Raikan nur die Bekanntschaft von Ilahín und seiner Gemahlin Fiëa gemacht, und insgeheim hatte er damit gerechnet, Ilahín auf einem prunkvollen Thron vorzufinden. Die Schlichtheit der Umgebung überraschte ihn ebenso wie der fremde König.

Ihr Führer deutete eine Verbeugung an und sagte etwas auf Elbisch.

„Nutzen wir die Sprache der Menschen“, fiel ihm der Herrscher ins Wort, zum einen mit dem bekannten schmeichelndem Singsang, zum anderen mit einem ungewöhnlich harten Zungenschlag. „Es ist unhöflich. Raikan könnte annehmen, wir hätten etwas vor ihm zu verheimlichen.“ Der Elb vollführte eine einladende, elegante Geste mit der Rechten, in der etwas Befehlendes lag.

Raikan nickte und setzte sich in Bewegung, da packte ihn Tenkil am Arm.

„Ich knie nicht“, raunte er; die Beschaffenheit des Raumes verstärkten seine Worte, sodass es alle Anwesenden hörten.

„Der Herrscher der Elben kniet nicht minder.“

„Er kann tun, was er möchte, aber ich beuge meine Knie allerhöchstens nach meinem letzten Atemzug. Ich habe lange genug gefochten, um vor keinem mehr …“

Es reicht! Raikan blickte ihm tadelnd ins Gesicht. „Dann warte bei den Pferden.“

Tenkils Lippen öffneten sich einen Spalt, doch er war klug genug, die Worte nicht auszusprechen. So wandte er sich auf den Fersen um und verließ die Halle.

Er war zu lange Krieger. Raikan sowie seine verbliebenen zwei Begleiter Lilia und Irtan begaben sich auf das Podest und setzen sich auf dieselbe Weise auf die Unterschenkel, in großem Abstand vor den Herrscher, den eine Aura von Macht und Selbstsicherheit umgab. Alleine der Blick aus den wachen, graugrünen Augen barg Überlegenheit.

Für die Kunst der Diplomatie war in den vergangenen Zyklen wenig Zeit gewesen, und so schwebte der junge Tabaîner auf einer Wolke der Unsicherheit; zudem war nicht überliefert, wie man sich einem elbischen Herrscher gegenüber verhielt. Ich warte ab.

Mit einem lauten metallischen Klang, der an einen Gong erinnerte, schlug das bronzene Tor zu. Es hallte nach, dann drängten sich die Töne der leisen Glöckchen durch das verebbende Echo.

Lange Zeit geschah nichts, man saß sich gegenüber, wartete ab.

Raikan musste bald ein Gähnen unterdrücken. Er fand die Stimmung im Raum dank Weihrauch und den harmonisch gestimmten Glöckchen zunehmend entspannend, obwohl das Sitzen von Herzschlag zu Herzschlag unbequemer wurde. Aber seine Aufregung legte sich.

Darauf schien der Gastgeber gewartet zu haben.

„Ich bin Ataimînas, Regent über Ti Lesinteïl und Naishïon der Elben. Wie ich sehe, sandte mir Tabaîn seinen kommenden Herrscher.“ Er legte eine Hand auf Herzhöhe gegen die Brust. „Ich fühle mich geehrt.“

„Die Ehre ist ganz meinerseits.“ Raikan fühlte sich geschmeichelt, zugleich bemerkte er, dass seine Füße und Unterschenkel kribbelten. Es würde nicht lange dauern, und die Gliedmaßen wären dank der ungewohnten Haltung eingeschlafen. „Ihr habt hier ein Wunder vollbracht.“

Ataimînas lächelte dankend. „Maga Coïra und unsere bescheidenen Zauberkünste wirkten zusammen, damit der Schrecken begraben und vergessen wird.“ Er breitete die Arme aus. „Reden wir über die Zukunft, junger König. Alles andere darf uns nicht mehr interessieren.“

Raikan stimmte zu. „Wie kann Euch Tabaîn beistehen?“

„Mit Korn.“ Ataimînas legte die Hände in den Schoß, die Ringe und Steine daran funkelten. „Die Elbenreiche formieren sich neu, und da bleibt wenig Gelegenheit, Felder zu bestellen und sich dem Bauerntum hinzugeben. Die nächsten zehn Zyklen beabsichtigen wir, unseren Getreidebedarf durch das fruchtbare Tabaîn zu decken. Ich hörte, dass Eure Felder nach wie vor reiche Ähren tragen.“

Es geht gut los. Das bringt mich einem Bündnis näher. Raikan lächelte ungewollt. „Die paar Sack Roggen werden wir entbehren können.“

„Ich rede von sämtlichen Elbenreichen: Ti Âlandur, die Ti Singàlai, das Ihr Goldene Ebene nennt, und Ti Lesinteïl. Alles in allem rechnen wir mit einem Bedarf von elfhundert Zehntnern.“

Raikan hörte Lilia neben sich vor Überraschung durchatmen.

„Wie viele Münder sind zu stopfen, Regent Ataimînas?“

Der Elb schien erstaunt über die Frage. „Ich dachte, Vraccas’ Kinder hätten euch über unseren Zuzug umfassend berichtet? Wir machen kein Geheimnis daraus.“

„Die Zwerge senden regelmäßig Botschaften an den Rat der Könige, doch das letzte Treffen liegt einen halben Zyklus zurück“, erklärte Raikan seine Unwissenheit. „Es gab viel zu tun.“

„Ich verstehe. Dann werdet Ihr lesen, dass wir aus Süden, Westen und Osten gezogen kamen, nachdem uns das Zeichen der Schöpferin erreichte, die Bedrohungen für unser Volk seien zu Ende.“ Ataimînas wies zum Tor. „Dies ist nur eine Siedlung von vielen, König Raikan. Wir erstehen auf, und wir werden uns nicht von den Menschen und Zwergen abgrenzen, wie es unsere Vorgänger taten.“ Der Elb richtete seinen Oberkörper auf, sein Gewand leuchtete in den Sonnenstrahlen. „Ich kenne den Ruf, den die Elben im Geborgenen Land haben, und ich fürchte: Sie hatten ihn zu Recht. Dies wird in weniger als einer Menschengeneration behoben sein.“ Er zeigte auf Raikan. „Handelsbeziehungen mit Tabaîn bilden den Anfang. Wenn Ihr es möget.“

Natürlich! Raikan hielt sich mit lauten Zusagen jedoch zurück. „Ihr habt noch immer nicht gesagt, wie viele Elben zureisten.“

„Bis zum heutigen Umlauf werden es um die zehntausend sein.“ Ataimînas sah die Überraschung auf den Gesichtern seiner Besucher und quittierte es mit seinem freundlichen Auflachen. „Ihr müsstet Euch sehen, junger König. Wir sind keine Eroberer. Wir kehren lediglich zurück an den Ort, an dem unsere Schöpferin uns formte. Und damit benötigen wir auch mehr Getreide.“

Die Aussicht auf dieses Geschäft und das Bündnis war verlockend. Raikan sollte jubilieren. Das Unwohlsein über diese gewaltige Menge Elben im Geborgenen Land ließ sich jedoch nicht ausblenden. Es war, als hätte Tenkil vor seinem Hinausgehen sein Misstrauen als unsichtbaren Hauch in der Halle gelassen. Das ärgerte Raikan.

„Wir stellen Euch weiteres Saatgut zur Verfügung, das Tabaîn für uns auf eigenen Feldern anbauen wird“, redete Ataimînas weiter. „Es ist Weizen von besonderer Qualität, und Ihr werdet die Flächen bewachen lassen, König Raikan. Dafür bezahle ich Euch weiteres Gold.“ Er lächelte gönnerhaft. „Ich mache Euch reich.“

Anschließend legte er dar, wie hoch das Entgelt dafür sein sollte; auch den Preis für einen Zehntner Korn gab er vor.

Raikan widersprach nicht und handelte nicht. Das zu erwartende Gold lag weit über dem, was man verlangen konnte.

„Ich freue mich, den Elbenreichen helfen zu können“, erwiderte er stattdessen. Mit einem solchen Handel konnte er seine Bitte um ein Bündnis im Anschluss leichter vorbringen.

„Vergeuden wir keine Zeit.“ Auf Ataimînas’ Wink hin öffnete sich eine in der Täfelung verborgene Seitentür, und zwei Elben kamen herein.

Sie trugen Pergament und Feder mit sich, der Vertrag über Lieferung und Anbau war bereits vorgefertigt. In beiderseitigem Einvernehmen wurden die Papiere um Menge und Goldbetrag ergänzt, sodann gegengezeichnet.

Raikan wusste, dass er damit einen Vorgriff auf die Königskrone seines Landes tätigte, doch die Gelegenheit durfte er sich nicht entgehen lassen. Es geht um Tabaîn.

„Ich bedanke mich vielmals“, sagte er zum Elb und bekam die unterschriebene Abmachung gereicht. „Darf ich die Gelegenheit nutzen, um …“

„Dann ist dieses Geschäft erledigt.“ Ataimînas sah erfreut aus. „Reden wir über ein weiteres: Land.“

Nun war der junge König überrascht. „Ich verstehe nicht. Wolltet Ihr die Ackerflächen für Eure eigene Getreidesorte …“

„Dieses Elbenreich, auf dem Ihr und Eure Freunde sich befinden, wird mit den anderen beiden zusammengefügt. Wir kaufen die Erde, die dazwischenliegt.“ Ataimînas langte hinter sich und nahm eine Karte, rollte sie aus. Die neuen Grenzverläufe waren bereits eingezeichnet. „Von Tabaîn hätten wir gerne das Stück, das im Norden von Âlandur liegt, bis hinauf zum Gebirgsbeginn. Dieses Gebiet liegt nicht zwischen unseren Landen, doch es würde den perfekten Abschluss bilden.“

Raikan hörte heraus, dass der Elb nicht mit Widerstand gegen die Pläne rechnete. Das muss unweigerlich zu Schwierigkeiten führen. Auf einen Schlag wurde das Elbenreich zu einem ungeeigneten Bündnispartner, der anstelle von Sicherheit eine Auseinandersetzung prophezeite. Für Raikan sah es aus, als habe er der Weg umsonst gemacht. „Ich nehme an, Ihr werdet noch vor dem Königsrat sprechen? Euer Anliegen betrifft in erster Linie Königin Mallenia.“

„So ist es. Allerdings befürchte ich Widerstand aus nichtigen Gründen. Sie ist als Doppelherrscherin gleichzeitig mit dem König von Urgon verbandelt, somit könnten drei Stimmen gegen mich sprechen.“ Ataimînas musterte Raikan. „In Euch möchte ich einen Fürsprecher.“

Nun verstand der junge Mann, warum das Getreide so großzügig bezahlt wurde. „Ich muss mit meinem Bruder darüber sprechen“, suchte Raikan nach einem Ausweg, der sehr brüchig klang. „Es ist eine Entscheidung von größerer Tragweite als Getreidelieferung und -anbau.“ Tenkils Unkerei scheint sich zu bewahrheiten. Der nächste Krieg lauerte, nur einen Zyklus nach der Befreiung.

Der Elb lächelte weiterhin unverbindlich, goldene und silberne Reflexionen huschten über das schöne Antlitz. „Tut das, Raikan von Auenwald. Ihr werdet ihn überzeugen können. Wer hätte nicht gerne den Naishïon zum Freund?“

Raikan erinnerte sich, dass Ataimînas den Begriff eingangs erwähnt hatte. „Verzeiht mir meine Unwissenheit, doch die letzten zweihundertfünfzig Zyklen vergingen, ohne dass man Elben sah oder gar sprach. Dieser Titel bedeutet …?“

„Übersetzen ließe es sich in Eure Sprache mit unumschränkter Herrscher.“ Der Elb blieb vollkommen freundlich. „Meines Volkes. Nicht des Geborgenen Landes“, fügte er nach einer Weile mit verschmitztem Lächeln hinzu. „Um Missverständnissen vorzubeugen.“

„Natürlich.“ Raikan war sehr froh, Tenkil bei den Pferden gelassen zu haben. Sein Krieger hätte sich sofort auf einen Disput eingelassen. Auf dem Nachhauseritt gibt es viel zu überlegen. Das Bündnis muss wohl bedacht sein.

„Habt Ihr von dem Kind gehört, das sie im Grauen Gebirge fanden?“, sagte Raikan, um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.

„Ihr meint das kleine Mädchen?“ Ataimînas wirkte sofort verschlossener, er reckte sich und lehnte sich leicht zurück. „Wenn Ihr mich fragt: Belogar Streithammer hätte es erschlagen sollen. Der Zwerg und ich denken das Gleiche. Ich fürchte wie er, dass sich das Kind nicht als Segen für unser aller Heimat erweisen wird.“

Das muss er mir näher erklären. Raikan setzte zu einer weiteren Frage an – da erklangen von draußen ein lauter Schrei und das Sirren von Pfeilen, gefolgt von weiteren Schreien und dem Wiehern von aufgeregten, verängstigten Pferden.

Tabaîns baldiger König sprang auf, neben ihm erhoben sich Lilia und Irtan – doch sanken sie ebenso wie er nach dem ersten Versuch auf die Schilfmatten zurück. Sie hatten wegen der vorangegangenen abgeschnürten Blutzufuhr kein Gefühl in den Beinen, von den Knien abwärts schienen sie gelähmt. Hilflos lagen sie im Saal und waren leichte Opfer.

„Tenkil!“ Raikan blickte zum verschlossenen Tor, dann zum Elbenherrscher.

Aber Ataimînas saß nicht mehr an seinem Platz.

 

Kapitel I

 

Das Geborgene Land, Vereintes Königreich Gauragar-Idoslân, Stadt Freistein, 6492. Sonnenzyklus, Frühsommer

 

„Wie schnell sich Dinge ändern“, murmelte Boïndil „Ingrimmsch“ Zweiklinge aus dem Clan der Axtschwinger in seinen prachtvollen schwarzsilbernen Bart, den er sorgsam gekämmt hatte.

Er ritt gerüstet und bewaffnet auf einem weiß-schwarz gescheckten Pony in das Städtchen Freistein ein, in dem vor knapp zwei Zyklen ein grausames Massaker an der Bevölkerung verübt worden war. Die Albae hatten die Knochen der hiesigen Menschen als wohlgeraten betrachtet und sie auf dem Markplatz zusammengetrieben, ermordet und ausgebeint, um das, was sie als tauglich betrachteten, für ihr Kunstschaffen zu nutzen.

Aus der buchstäblich ausgebluteten Stadt war mit dem Ende der Schwarzaugen ein Quell des Lebens geworden, durch deren quirlige Straßen der König der Zweiten und seit nicht allzu langer Zeit auch Großkönig der Zwergenstämme gemächlich dahinzog.

Überwiegend junge Menschen hatten sich in den verlassenen Häusern niedergelassen, die Felder waren bestellt und trugen reiche Ähren, an den Bäumen gedieh bestes Obst. Ein Aufblühen nach den Dekaden des Schreckens und der Finsternis.

An diesem Ort, der für die Wandlung des Geborgenen Landes und den Aufbruch in ein neues Zeitalter stand, traf sich Ingrimmsch mit dem Rat der Könige, zu dem auch der Elb Ilahín erwartet wurde.

Ein halber Zyklus war seit dem letzten Treffen vergangen, und der Herrscher aller Kinder des Schmieds fand, es sei es allerhöchste Zeit, dass eine Aussprache stattfand. Der Austausch von Nachrichten konnte das Gespräch von Angesicht zu Angesicht nicht ersetzen.

Dinge müssen gesagt werden. Am besten bei Schwarzbier. Er lenkte das Pony von der Straße in einen Toreingang, über dem die Banner aller Königreiche wehten; darüber prangte der Name Zum Heldenhof.

Klackernd trafen die Hufe auf das Kopfsteinpflaster, die Wände der im Viereck angeordneten Fachwerkgebäude warfen den Schall zurück.

Zwei Menschenkrieger standen unmittelbar hinter dem Durchlass, sahen das Siegel des Zwergs und salutierten mit ihren Speeren. Laut rief der Rechte den Namen des Neuankömmlings, damit man in den Häusern Bescheid wusste.

„Muss das sein?“, brummelte Ingrimmsch. „Was die ganzen Schlachten mit ihrem Scheppern und Krachen nicht schafften, möchtest du wohl vollbringen: Ich könnte taub werden.“

Der Soldat grinste scheu, wagte aber keine Erwiderung.

Der Zwerg hielt vor der Scheune an und rutschte aus dem Sattel, streckte sich und streichelte das Tier. „Du hast gut durchgehalten. Aber das Reiten mag ich immer noch nicht.“

Ingrimmsch hatte auf einen Tross verzichtet. Ein erfahrener Krieger wie er benötigte keinerlei Begleiter; sie hinderten ihn nur am raschen Vorwärtskommen. Der Weg aus dem Blauen Gebirge, in dem sein Königreich lag, zog sich gehörig in die Länge, aber für ein Pony und einen Gast fanden sich stets Stall und Heu sowie ein Mahl, Schwarzbier und ein Bett.

Ingrimmsch warf seinen geflochtenen schwarzsilbernen Haarzopf auf den Rücken und streckte die Hand nach dem Krähenschnabel aus, der am Sattel in der Halterung baumelte, da flog die Tür des Wirtshauses auf.

Heraus kam Rodario der Unerreichbare, der sich neuerdings mit dem Titel eines Herrschers schmücken durfte. Der Nachfahre des einst größten Mime des Landes trug eine strahlend weiße Robe mit unzähligen bunten Stickereien, die von einem schwarzen Gürtel gehalten wurde; um seine Schultern hing ein braunes Tuch mit grünen Bergesornamenten. Sein Aristokratengesicht zierte ein Kinnbärtchen sowie ein verwegener Schnauzbart, die braunen Haare lagen in gepflegten Locken auf seinem Kopf.

„O Herrschaftlichster unter den Herrschaftlichen“, rief er übertrieben und breitete die Arme begrüßend aus. „Seht, von geringem Wuchs und doch das Herz eines Riesen, lenkt er …“

Ingrimmsch musterte ihn. „Was soll das sein, was du da am Leib herumschleppst?“ Er nahm den Krähenschnabel mit einem Ruck aus der Halterung und schulterte ihn feixend, die Ringe des Kettenhemdes klingelten leise. „Ein Morgenmantel?“

„Das, du unwissender Dickkopf, ist die neuste Mode aus meinem Reich.“ Rodario, König von Urgon und Liebhaber von Mallenia sowie Coïra, drehte sich einmal sehr theatralisch im Kreis, sodass die Schöße flogen. „Ich habe sie selbst entworfen.“

„Ho, schon vergessen? Du stehst nicht mehr auf der Bühne. Du sitzt auf einem echten Thron und solltest Herrscher sein, nicht spielen.“ Ingrimmsch strich sich durch den Bart. „Außerdem hast du zugenommen. Sie werden die Sitzfläche vergrößern müssen.“

„Da steht sie, die Liebenswürdigkeit in Zwergengestalt.“ Rodario stemmte die Hände in die Hüften und lachte. „Das nenne ich mal Austausch von Nettigkeiten!“

„Wer mich gering von Wuchs nennt, darf nicht auf Gnade hoffen.“ Ingrimmsch ging auf den einstigen Mimen zu und reichte ihm die Hand. „Dennoch freut es mich, dich zu sehen, König Rodario der Erste.“

Beim Einschlagen der Finger deutete der Mann eine Verbeugung an, das Gesicht war nun frei vom Schalk. „Es ist mir eine Ehre, dich zu sehen, mein Freund, Großkönig Boïndil.“

Sie lächelten sich kurz an, dann ließen sie ihre Hände nach einem festen Druck los und gingen ins Haus.

„Seit wann hast du die Seitenhaare nicht mehr ausrasiert? Das sieht ungewohnt aus.“

„Ich hatte keine Zeit“, wiegelte Ingrimmsch ab. Er ist und bleibt ein Mime. Ich spreche sicherlich nicht über Frisuren.

Im hohen, geschmückten Gastraum, der für die Zusammenkunft des Königsrats hergerichtet war, wartete der schwarzhaarige Ilahín, gekleidet in ein ähnlich geschnittenes Gewand wie Rodario, allerdings in weniger leuchtendem Weiß und ohne Verzierungen. Der Elb machte dadurch mehr Eindruck als Urgons König, fand Ingrimmsch.

Gerüstete Wachen der verschiedenen Herrscher, erkennbar an den Abzeichen an den Harnischen, standen in den Ecken. Sie waren ausgestattet mit Kurzschilden und -schwertern; gemeinsam sicherten sie das Leben ihrer Regenten.

Der Wirt und seine Bediensteten hatten sich Mühe gegeben und sogar Blumenkränze an die Fenster gehangen. Es roch schwach nach Seifenlauge, mit der die Böden geschrubbt worden waren, darunter mischte sich ein Hauch von garendem Braten. Für Essen war gesorgt.

Ilahín nickte dem Neuankömmling zu. „Meinen Gruß, Großkönig. Wie schön, dass Ihr wohlbehalten angereist seid.“

Mallenia, wie stets in eine schwere Rüstung gehüllt, saß bereits am Tisch und studierte mehrere Blätter mit Nachrichten; sie war so vertieft in die Zeilen, dass sie Ingrimmsch nicht bemerkt hatte.

Als Rodario sie ansprechen wollte, hielt ihn der Zwerg zurück. „Es wird noch genug Zeit sein. Lass sie lesen.“

Er bekam einen Krug aus geschnitztem Stoßzahn mit Schwarzbier von einer Schankmaid gereicht und prostete in den Raum, ohne den Krähenschnabel von der Schulter zu wuchten. „Auf Vraccas und den Rat der Könige. Möge die Straße auf dem Weg nach Hause weniger staubig sein.“

Er leerte den Humpen in einem Zug und winkte sich den nächsten herbei, was Rodario mit einem breiten Grinsen kommentierte.

„Sag an, Schauspieler: Eine deiner Frauen sitzt am Tisch – wo ist die andere?“

Mallenias blonder Schopf zuckte sofort in die Höhe, ihre Lider zu schmalen Schlitzen verengt.

„Lass mich nicht annehmen, dein Verstand hätte in einer der vielen Schlachten einen Schlag abbekommen“, sprach sie mit giftigem Lächeln.

Ingrimmsch tauschte den leeren Krug gegen den vollen. „Ist es denn nicht so?“

Er sah mit großen Augen zu Ilahín. „Sag, dass ich nichts Falsches von mir gab.“ Er zeigte mit dem Gefäß auf Rodario, ein wenig Schaum schwappte über den Rand. „Der hier wird sich nicht trauen. Sie hat das größere Schwert.“

Der Elb rang mit sich, unterdrückte ein Lachen.

Da wurde am Tor laut das Eintreffen der Königin Astirma von Sangreîn sowie des Königs Natenian aus Tabaîn vermeldet. Dem erklingenden vielfachen Hufschlag nach reisten beide mit großem Gefolge an.

„Wie schön! Heißen wir sie willkommen.“ Rodario eilte erleichtert zur Tür und verschwand hinaus.

Kleiner Feigling. Ingrimmsch lachte in den Humpen hinein und trank vom Bier. „Damit fehlen nur noch Coïra und Isikor aus Rân Ribastur.“

Aber Ilahín schüttelte den Kopf. „Die Maga wird nicht kommen. Ich habe einen versiegelten Brief von ihr dabei, in dem ihre eigenen Worte stehen.“

„Aha“, machte der Zwerg und begab sich an den Platz, der für ihn vorgesehen war. Das Banner des Großkönigs, das von der Balustrade dahinter herabhing, kennzeichnete ihn eindeutig. Erst jetzt stellte Ingrimmsch den Krähenschnabel ab, der schwere Eisenkopf mit dem langen, gebogenen Ende prallte auf die Dielen. „Warum kommt sie nicht?“

Der Elb setzte sich neben ihn. „Sie möchte nach weiteren magischen Quellen forschen. Unsere ist versiegt, wie sie feststellte.“

Ingrimmsch hob vor Verwunderung die Brauen. „Versiegt?“ Er brauchte auf den Schrecken noch einen Schluck.

Somit befand sich die einzige frei zugängliche und bekannte Quelle in seinem Reich, im Blauen Gebirge. Seine Gemahlin Goda und ihre gemeinsamen Kinder bewachten sie.

Es ging jedoch weniger um die Sicherheit als um den Umstand, dass es schwer für Coïra werden würde, rasch an Energie für ihre Zauber zu gelangen. Das mochte in Zeiten des Friedens weniger eine Rolle spielen als im Falle eines Angriffs auf das Geborgene Land.

„Es werden sich neue finden. Das war bislang stets so“, sagte Ingrimmsch, um sich und den Elb zu beruhigen.

Ilahín wirkte hingegen nicht besorgt. „Es ist uns sogar lieber so. Was lange Zeit im Einflussbereich der Albae lag, mag sich durch ihre Beeinflussung gewandelt haben. Das war auch Coïras Wunsch: eine reine, frische Quelle zu finden, angefüllt mit unberührter Energie. Sitalia wird uns eine weisen.“

„Auch wieder wahr. Hoffen wir auf deine Göttin. Vraccas kommt nicht infrage. Er mag keine Magie.“

Königin Astirma und König Natenian betraten unter der Begleitung von Rodario und zahlreichen Wachen sowie einer Handvoll Hofstaat den Innenraum.

Die Herrscherin war noch recht jung, sogar nach Menschenmaßstäben, und die braun gebrannte Haut sowie die ausgeblichenen hellen Haare verweisen darauf, dass sie sich oft unter der Wüstensonne aufgehalten hatte. Sie trug kaum Kleidung am Leib, und gegen die Blicke lag ein halbdurchsichtiger Mantel aus gewirkter Seide darüber.

Natenian, dessen weit fallendes, ährengelbes Gewand seine gebrechliche Statur verbarg, musste geführt werden und vermochte sich trotz Stock und Fürsorge kaum auf den Beinen zu halten. Der braunhaarige Mann hustete und röchelte, zog den rechten Fuß nach, obwohl er nicht viel älter als Astirma sein konnte. Es verwunderte Ingrimmsch nicht, dass er seinen Platz auf dem Thron für seinen jüngeren, gesunden Bruder räumen wollte.

Mallenia sammelte ihre Unterlagen zusammen und nickte den Ankommenden zu, als wären sie Soldaten, die sich zu einer Angriffsbesprechung trafen. Sie hatte noch nie viel von langatmiger Etikette unter Gleichrangigen gehalten, wie sich der Zwerg entsann. Einer ihrer Vorzüge.

„Wir können anfangen. Isikor lässt ausrichten“ – die Ido hob einen Brief, an dem mehrere Siegel zur Bestätigung der Echtheit baumelten – „er könne aufgrund des Wetters nicht selbst erscheinen, schließe sich aber der Mehrheit an, sollte es zu Abstimmungen kommen. Stets zum Wohl des Geborgenen Landes.“

„Hört, hört!“ Ingrimmsch machte ein glückliches Gesicht. „Das beschleunigt die Dinge. Und ein Lob dem Boten, der den Schrieb brachte. Er scheint besser mit dem Wetter klarzukommen als sein König.“

Die Herrscherinnen und Herrscher lachten.

Alle begaben sich nach kurzer Begrüßung auf ihre Plätze. Jedem wurde Wasser, Bier und Wein nachgeschenkt, der Hofstaat trat sodann in den Schatten der Balustrade zurück. Der Rat der Könige konnte seine Unterredung beginnen.

Mallenia oblag die Führung bei den Gesprächen, da sich die Versammlung in ihrem Land einfand. „So grüße ich die Herrscherinnen und Herrscher des Geborgenen Landes und erbitte zuerst im Namen aller den Beistand der Götter. Mögen sie uns schützen und Weisheit geben, um die Schwierigkeiten zum Wohle der Untertanen und Bewohner zu lösen.“

Ingrimmsch murmelte seine Zustimmung. Dagegen kann Vraccas nichts haben.

„Ilahín, du hast eine Nachricht von Coïra für uns.“ Mallenia bedeutete ihm, das Siegel zu brechen und das Geschriebene vorzulesen.

Der Elb tat es und erklärte dabei für alle, dass die Maga sich auf Quellensuche begeben habe, bevor er ihre Zeilen wiedergab:

 

Hochgeschätzter Rat der Könige,

meine besten Grüße von einem unbekannten Ort irgendwo im Geborgenen Land, an dem ich mich sicherlich gerade befinde, wenn Ilahín meine Worte verliest.

Die Quelle hat ihre Macht verloren, und wenn ich nicht nur auf jene bei meinem werten Freund Boïndil Zweiklinge angewiesen sein möchte, muss ich losziehen und erkunden.

Vernehmt: In Weyurn werden die Geschäfte solange von Rodario geführt. Er möge in der Versammlung ebenso in meinem Namen abstimmen.

Ich bin sicher, dass mir Samusin zum Ausgleich für den Verlust der Quelle etwas Besseres senden wird. Oder es bereits tat.

Es wird nicht lange dauern, bis ich in Amt und Würden zurückkehre.

Mir liegt am Herzen, zu betonen: Ilahín und seine Gemahlin sowie die Elben behandelten mich wie eine gute Freundin.

Mögen Palandiell und Sitalia mit euch am Tisch sitzen!

Coïra

Maga und Herrscherin von Weyurn

 

Natenian schloss die Augen, und jeder sah Astirma ihre Ablehnung an.

Damit konnten zwei Menschen jeden Entschluss des Königsrates verhindern – oder nach Gutdünken entscheiden. König Isikors Beschluss, der Mehrheit zu folgen, machte es komplett unmöglich, gegen Mallenia und Rodario zu stimmen.

Das kann heiter werden. Ingrimmsch hob den Krug, der fast leer war, und prostete dem Unerreichbaren zu. „Jetzt haben wir fast nur Großkönige am Tisch sitzen“, rief er gut gelaunt, und der Elb lachte auf. „Man sollte neue Titel erfinden.“ Er trank aus und bekam einen vollen Krug gebracht.

Niemand ahnte, dass mehr dahinter steckte als die Trinkfreudigkeit eines scheinbar heiteren Zwergs, dem man an seine direkte, unverblümte Art durchgehen ließ.

„Hier herrscht die Vernunft“, erwiderte Rodario und blickte dabei beruhigend zu Tabaîns und Sangreîns Herrschern. „Seid unbesorgt. Die Zeiten, in denen jeder nach dem Besten für sich trachtete, sind vorüber.“

 

(c) Markus Heitz & Piper Verlag

ReihenfolgeHeitz

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