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28. Februar 2017

Interview mit Rhiannon Thomas

Category: Interviews – Darkstar – 13:00

EWIG - Wenn Liebe erwachtFrisch hierzulande erschienen ist EWIG – Wenn Liebe erwacht, der erste Band von Rhiannon Thomas Dornröschen-Zweiteiler.

Darin setzt die Autorin das Märchen nicht nur neu um. Sie geht sogar einen Schritt weiter und beginnt die Handlung an einem Punkt, an dem die meisten Adaptionen enden: Dornröschen erwacht. Aber die Welt, die sie kannte, gibt es nicht länger.

Im Buch versucht Rhiannon Thomas zu ergründen, was nach dem vermeintlichen Happy End einer Märchenprinzessin wirklich passiert. Im Interview sprechen wir über Märchen, feministische Literatur und Romantik-Plotlines im Jugendbuchbereich. Unter anderem.

Interview mit Rhiannon Thomas

Was löste in Dir den Wunsch aus, eine Dornröschen-Adaption zu schreiben?

In den meisten Versionen dieses Märchens – einschließlich der Disneyvariante – wirkt die Prinzessin nicht wirklich wie ein eigenständiger Charakter. Sie wird verflucht, sie schläft, der Prinz erweckt sie. Wir erfahren nie, wer sie ist oder was sie sich wünscht, was sie antreibt.

Deshalb wollte ich einen Blick in ihren Kopf werfen und herausfinden, was für ein Mensch sie ist und wie sie auf diesen Fluch reagieren könnte, der ihr ganzes Leben verändert.

Hast Du Deine Heldin Aurora genannt als kleine Anspielung auf Disney?

Meine Heldin sollte ein möglichst traditionelles Dornröschen sein, da war auch der Name wichtig. Die Schlafende Schöne heißt nicht nur bei Disney Aurora, sondern auch im Ballet von Tchaikovsky. Ich hatte das Gefühl, dadurch sei es leichter für mich, meine Nacherzählung in die bereits bekannte Welt der Märchen zu verwurzeln.

Was mir sehr gut gefällt ist, dass – obwohl ein paar junge Männer wichtige Rollen in Auroras neuem Leben spielen – dein Fokus auf den nicht-romantischen Beziehungen liegt. In diesem Genre scheinen romantische Plotlines eine Unabdingbarkeit zu sein. Hast du diesbezüglich Druck verspürt?

Mein Herausgeber bat mich, das Buch ein wenig romantischer zu machen, und das habe ich auch gern gemacht. Ich liebe einen schönen Romantik-Plot in einem Roman.

Aber ich hatte das Gefühl, dass sich Aurora angesichts dessen, dass sie sich sehr verloren fühlen muss, nicht Hals über Kopf in eine epische Liebesgeschichte stürzen würde. Und falls sie jemanden besonders mögen würde, dies dann mehr auf ihren Hoffnungen beruhren würde als auf den tatsächlichen Verhältnissen zwischen ihnen.

Man darf nicht vergessen: Sie trifft jeden Charakter in diesem Buch zum allerersten Mal, und das, während sie versucht, in einer ihr völlig fremd gewordenen Welt ihren Platz zu finden. Einige Menschen in ihrem Umfeld mögen ansprechend auf sie wirken, aber das ist kaum eine gute Basis für eine Beziehung, wie Aurora herausfindet.

So wie sich die Handlung entwickelt, wäre es ein leichtes gewesen, ein Love Triangel einzubauen. Du hast Dich dennoch dagegen entschieden

Und trotzdem gibt es einige Leute, die das Gefühl haben, im Buch gäbe es ein Love Triangle – oder sogar ein Love Rectangle, weil es so viele potentielle Liebhaber für Aurora gibt. Aber ich habe das nie so empfunden.

Zu keiner Zeit denkt Aurora über die jungen Männer in ihrem Leben nach und quält sich mit der Frage, mit wem sie am liebsten zusammen sein würde. All die Beziehungen, die sie aufbaut, sind von Politik getrieben und es gibt kaum jemanden in ihrem Leben, der ein nicht-politisches Motiv hat, sich mit ihr anzufreunden.

Eine der faszinierendsten Figuren des Romans ist für mich Königin Iris. Wie schwierig war es, sie gleichzeitig als Antagonistin und verletzten Menschen zu zeigen, ohne sie schwach wirken zu lassen?

Tatsächlich fiel es mir leicht, über sie zu schreiben, das war wirklich angenehm. Als ich mit dem Roman begann, war mir noch nicht klar, wer sie genau sein würde, abgesehen von ihrer Aufgabe als Auroras „Gefängniswärterin“. Aber je mehr ich über sie schrieb, desto sympathischer wurde sie mir.

Aurora mag glauben, sie sei grausam, aber Iris versucht nur, ihr zu helfen und sie zu beschützen – im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Sie hat allerdings eine ganz andere Meinung darüber als Aurora, was deren Überleben sichern könnte.

Ich entschloss mich dazu, mir nicht zu viele Sorgen darüber zu machen, ob sie zu grausam – oder zu schwach – wirken könnte. Ich wollte sie von ihrer menschlichen Seite zeigen, mit all ihren Fehlern, und es den Lesern überlassen, sich eine Meinung über sie zu bilden.

Hast Du ein Lieblingsmärchen?

Ich liebe Märchen.

Zur Zeit bin ich begeistert von Die drei Spinnerinnen, einfach weil es ganz anders ist als so viele andere Märchen, die man uns erzählt hat: Ein faules, verwöhntes Mädchen wird in einem Raum im Palast eingesperrt. Dort soll sie Flachs spinnen, um durch ihren Fleiß den Prinzen für sich zu gewinnen. Sie hat aber niemals das Spinnen gelernt. Da tauchen drei missgebildete alte Weiber auf und bieten ihr an, den Flachs für sie zu spinnen, wenn das Mädchen sie dafür auf ihre Hochzeit einlädt.

Das Mädchen stimmt zu und alles verläuft nach Plan. Als sie auf der Hochzeit auftauchen, erzählen sie dem Prinzen, dass all ihre Missbildungen vom Spinnen her rühren – worauf der Bräutigam seiner Braut verbietet, je wieder ein Spinnrad anzurühren.

Das Mädchen bekommt alles, was sie sich erträumt hat, ohne dafür auch nur einen Finger zu rühren oder dafür bestrat fzu werden.

Es ist das einzige Märchen, das mir gerade einfällt, wo ein solches Verhalten für die betroffene Person tatsächlich gut ausgeht, und wo Faulheit belohnt wird.

Du hast einen Blog namens FEMINIST FICTION. Worum geht’s da?

Auf Feminist Fiction werfe ich einen Blick auf Popkultur und Medien, aus einem feministischen Blickwinkel betrachtet.

Er ist jetzt bereits vier Jahre alt und ich spreche über Bücher, TV-Serien, Filme und Videospiele, in denen weibliche Figuren wichtige Rollen spielen. Außerdem denke ich dort laut über Themen nach, die unter den „Schirm“ Feminismus fallen, wie etwa Herkunft, LGBT-Themen und psychische Krankheiten.

Was ist dir selbst bei Büchern bzw. in der Popkultur wichtig?

Interessante weibliche Figuren.

Schlussendlich geht’s mir immer darum. Ich wünsche mir weibliche Figuren, die sich wie echte Menschen verhalten und die signifikante Rollen in Geschichten spielen. Ich mag besonders Fantasy und Survival-Geschichten, aber im Grunde mag ich alle Geschichten, in deren Mittelpunkt faszinierende, gut durchdachte und glaubhafte Frauenfiguren stehen.

Du hast einmal gesagt: „Wenn man über weibliche Figuren schreibt, dann ist es manchmal so, dass man einfach nicht gewinnen kann“. Könntest du das ein bisschen genauer erklären?

Meinem Gefühl nach gibt es eine Tendenz, dass weibliche Figuren wortwörtlich dazu in der Lage sein müssen, anderen in den Arsch zu treten, um etwas Wert zu sein. Frauenfiguren, die nicht physisch stark sind oder sich auf ein anderes Ziel konzentrieren, werden als „schwach“ wahrgenommen.

Dem wollte ich etwas entgegen setzen, indem ich meine Protagonistin sozusagen nach dem Prototyp Sansa Stark anlegte: als jemand, die sich in einer sehr schwierigen Lage befindet und nicht immer genau weiß, was sie tun sollte – und die mit Voranschreiten der Geschichte stärker und stärker wird.

EWIG - Wenn Liebe entflammtIch wollte über unterschiedliche Aspekte weiblicher Stärke schreiben.

Leider werden weibliche Figuren viel genauer unter die Lupe genommen als männliche Figuren, und manchmal kommt es einem so vor, als würden Frauenfiguren oft dafür kritisiert, unfeministisch zu sein: Sie sind zu passiv oder zu bitchy oder zu schwach oder zu stark, zu wenig liebenswert oder aber eine Mary Sue. Dabei sind Frauenfiguren immer noch in der Minderheit im Genre, und diejenigen, die es gibt, werden dann kritisiert, so als sei es ihre Aufgabe, eine Frau in komplett all ihren Facetten abzubilden.

Die einzige Lösung, die es dafür gibt, ist natürlich, mehr über Frauenfiguren zu schreiben, mehr über unterschiedliche Frauenfiguren, so dass jede von ihnen individuell erscheint und sie nicht nur „das Mädchen in der Geschichte“ ist.

Momentan ist Märchenfantasy ja total in. Woran könnte das liegen?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, viele Leute mögen bekannte Geschichten – es fühlt sich behaglich an, in die Nacherzählung einer bekannten Geschichte einzutauchen. Selbst wenn die Adaption eine völlig andere Richtung einschlägt, ist es nett, sich auf bekanntem Boden zu bewegen, wenn sie ihren Anfang nimmt.

Zudem lieben wir das Konzept des Sich-Fortentwickelns. Es spricht uns an, wenn bekannte Geschichten aus einem modernen Blickwinkel betrachtet werden, und die so einen neuen Blick auf die Welt werfen, in der wir uns jetzt befinden.

Wie hast Du gemerkt, dass Du Talent zum Schreiben hast?

Eigentlich habe ich schon immer geschrieben – sogar schon, ehe ich überhaupt Schreiben konnte. Ich habe mir als kleines Kind Geschichten ausgedacht. Während meiner Highschool-Zeit habe ich mich dann dazu entschlossen, das Schreiben ernsthaft zu meinem Beruf zu machen.

Als Teenager habe ich ziemlich viel Fanfiction geschrieben, und das Feedback damals hat mich definitiv sehr ermutigt und mir das Gefühl gegeben, Potential zu besitzen. Aber ich habe niemals gedacht: „Ich bin eine gute Autorin, ich werde bestimmt mal veröffentlicht.“

Ich wollte einfach nur eine gute Schriftstellerin sein, deshalb habe ich so lange an mir gearbeitet, bis ich Erfolg hatte.

Worum ging es in Deiner allerersten Geschichte?

Als ich ungefähr vier Jahre alt war, dachte ich mir einen Haufen Geschichten über drei magiebegabte Schwestern aus: Samantha, Emma und Lucy. Weil ich damals ja noch nicht schreiben kommte, bin ich in meinem Zimmer auf und abgelaufen und habe diese Geschichten laut erzählt – und damit meine Eltern fast in den Wahnsinn getrieben.

Was erwartet uns im zweiten Teil von EWIG?

Das Buch ist definitiv actionlastiger als der erste Band. Aurora verhält sich proaktiver und fängt an, für dich zu kämpfen. Davon abgesehen möchte ich noch nicht zu viel verraten, außer vielleicht: Drachen!

Wenn Du einen Ausflug ins Märchenland machen würdest, welche drei Gegenstände würdest Du in Deinen Rucksack packen?

Die Ausgabe eines Märchenbuchs wäre vermutlich hilfreich, um die Logik der Welt besser zu verstehen. Immer wenn im Film oder Fernsehen jemand in der Märchenwelt landet, scheint derjenige sein Wissen über Märchen zu nutzen, um dort zu überleben.

Außerdem würde ich noch ein Notizbuch und einen Stift mitnehmen – man weiß nie, wann man die gebrauchen kann. Wenn es zum Schlimmsten käme, würde ich vielleicht versuchen, jemanden davon zu überzeugen, dass mein Füller, der von selbst Tinte von sich gibt ohne in ein Fäßchen getaucht werden zu müssen, ein magischer Gegenstand sei und damit handeln.

Vielen Dank!

Rhiannon Thomas im Internet: Autorenwebsite; Feminist Fiction Blog.

Meine Rezension zum Roman findet ihr hier.

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