Darkstars Fantasy News


2. März 2015

Patrick Rothfuss: Die Musik der Stille

Category: Rezensionen,Romane – Darkstar – 12:30

Die Musik der StilleAuri lebt im „Unterding“: einem Labyrinth unterirdischer Gänge, verfallener Räume und vergessener Kanalschächte. Über ihrem Kopf, an der Oberfläche, pulsiert das Leben, befinden sich Dörfer und sogar eine Universität. In ihr Reich des ewigen Zwielichts verirrt sich selten jemand. Das ist gut so, denn Auri hat sich aus der Welt der Menschen zurückgezogen. Abgeschieden von den Menschen führt sie ein einsames Dasein, dass von ritualisierten Verhaltensweisen bestimmt wird.

Nur einem zeigt sie sich in ihrem verborgenen Zuhause unter der Oberfläche, er, der sie besser versteht als jeder andere, der ihr nichts Böses will, und mit dem sie, wenn er sie das nächste Mal besucht, wie immer ein Geschenk austauschen will.

Und so verfolgen wir die seltsame Auri ein paar Tage lang auf ihrem Weg durch die unterirdischen Stollen, auf ihrer Suche nach dem richtigen Geschenk für den einzigen Freund, den sie besitzt …

Meine Meinung

Leser, die mit Patrick Rothfuss‘ High Fantasy-Saga Die Königsmörder-Chroniken vertraut sind, wissen natürlich, wer er ist: Kvothe, Held von Der Name des Windes und Die Furcht des Waisen. Die ca. 170seitige Novelle spielt in seiner Welt, Kvothe selbst taucht aber nicht in dem schmalen, aber wirklich wunderschön aufgemachten Bändchen auf.

Die Handlung folgt einzig und allein Auri, einer Nebenfigur aus den Königsmörder-Chroniken. Die muss man allerdings nicht gelesen haben, um sich in Die Musik der Stille zurecht zu finden. Denn die Novelle führt nicht die Handlung um Kvothe fort, ergänzt diese nicht einmal, sondern bereichert allenfalls die Welt des Königsmörders um weitere Facetten.

„Der Name des Windes“ ist ein Fantasy-Roman, der sowohl im englischsprachigen Ausland als auch hierzulande extrem gehyped wurde und wird. Ich konnte, da will ich ganz ehrlich sein, so gut wie nichts mit dem Buch anfangen. Es war mir zu zäh, der Held zu unsympathisch. (Mehr dazu könnt ihr bei Bedarf in meiner Rezension zum Buch nachlesen).

Trotzdem habe ich mit der „Musik der Stille“ dem Autor noch eine Chance gegeben. Was sich erfreulicherweise nicht als Fehler herausgestellt hat. Mir hat die Novelle gefallen – wobei es verdammt schwierig ist, sie zu bewerten. Ich würde ihr dreieinhalb Sterne zugestehen, und zwar aus folgenden Gründen:

Patrick Rothfuss erzählt „Die Musik der Stille“ mit viel Gespür für Sprache und Atmosphäre – aber er erzählt nicht wirklich eine Geschichte.

Die Novelle ist viel eher eine Charakterstudie von Auri; sie beschreibt den Alltag dieser jungen Frau, die einen trotz ihrer Andersartigkeit und ihres seltsamen Gehabes berührt. Das kann man lesen, muss man aber nicht. Einen echten Mehrwert für die „Königsmörder-Chroniken“ bringt die Novelle vermutlich nicht. Es gibt auch keinen Höhepunkt in der Geschichte, keine rechte Spannungskurve.

Auri ist eine seltsame Gestalt. Wenn ich nicht nach dem Lesen der Geschichte gegoogelt hätte, hätte ich nicht mal gewusst, wie alt sie ist. Sie verhält sich wie ein kleines Mädchens, wer die Romane von Rothfuss nicht kennt, wird sie vermutlich auch für ein Mädchen halten, das etwas wirr im Kopf ist und ihren Alltag nur meistert, weil sie sich psychischen Zwängen hingibt (wie etwa das rituelle Waschen). Nur in bestimmten Sequenzen – vor allem zum Schluss – steigt die Ahnung beim Leser, dass Auri älter sein könnte, als sie wirklich ist. Auf mich – der ich die Saga selbst nicht wirklich gut kenne bzw. mich nicht mehr gut an Band 1 erinner – wirkt sie wie eine junge Frau mit autistischen Zügen in ihren 20ern oder 30ern (sie könnte aber auch wesentlich älter oder jünger sein). Es ist schön, einer solch ungewöhnlichen literarischen Figur zu begegnen; noch schöner wäre es allerdings gewesen, man würde als Leser erfahren, warum Auri sich im „Unterding“ aufhält und woher sie stammt. Ich nehme an, das spart sich der Autor für seine eigentliche Saga auf.

Ihr kennt doch sicher den Ausdruck: Jemand hört sich gern reden? Das kann man im übertragenen Sinne über Rothfuss und über das Schreiben sagen. Ich hatte beim Gefühl: Rothfuss verliert gern viele Worte beim Schreiben, schweift aus, ohne wirklich ein Ziel zu finden. In „Der Name des Windes“ hat mich das (und meine Antipathie Kvothe gegenüber) zur Weißglut getrieben. Hier hat es mir nichts ausgemacht, aber wohl auch, weil ich inhaltlich nicht viel erwartet habe und wusste, nach 170 Seiten ist es vorbei.

Obwohl nichts passiert, habe ich das Buch zu Ende gelesen. Ich hab mich dabei auch nett unterhalten gefühlt. Es war kein Pageturner, ich musste nicht unbedingt wissen, wie es weiter geht; ich konnte das Buch auch mal zur Seite legen; aber es war schon irgendwie nett und ich mochte Auri. Dafür gibt’s drei Sterne. Den halben Stern obendrauf gibt’s noch, weil mir „Die Musik der Stille“ besser gefallen hat als „Der Name des Windes“. Aber mehr als dreieinhalb Sterne darf’s nicht geben, dazu ist die Novelle zu beliebig, zu unspektakulär.

In diesem Sinne: Wem die Leseprobe gefällt, kommt vermutlich auf seine Kosten; wem sie aber nicht zusagt, dem sei gleich verraten: Inhaltlich und stilistisch bleibt’s genau so.

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6 Comments »

  1. Ich war zwar – anders als Du – von „Der Name des Windes“ schwer begeistert, dieses Buch habe ich aber bereits nach wenigen Seiten wieder weggelegt. Zu wenig konnte ich damit anfangen. Weil mir Deine Rezension gefällt, ich selbst aus erwähntem Grund keine schreiben werde und dieses neue Rothfuss-Werk einen kleinen Hype in der Fantasy-Community erlebt hat, erlaube ich mir, bei mir einen Link zu veröffentlichen. Viele Grüße!

    Comment by Torsten — 2. März 2015 @ 14:40

  2. […] Eine meiner Meinung nach gelungene Rezension zu Patrick Rothfuss’ “Wartezeitüberbrücker” gibt es hier. […]

    Pingback by Musik der Stille – Rezension bei Darkstars Fantasy News – Fremdwelten.de — 2. März 2015 @ 14:54

  3. Hallo Torsten – das freut mich, vielen Dank!

    Es ist schon manchmal komisch oder? Da haben wir also gegensätzliche Erfahrungen gemacht mit den Rothfuss-Romanen ,-)

    Comment by Darkstar — 2. März 2015 @ 19:35

  4. Hallo!

    Mir ging es ähnlich mit dieser Geschichte ähnlich wie dir. Nur dass ich das Buch nach einer Mittagspause und zwei gelesenen Seite gegen das Hörbuch getauscht habe. Und das hat mich dann auch gut unterhalten. Am Ende habe ich erfahren, dass Herr Rothfuss es selbst gelesen hat. Mein Liebling unter den immer wiederkehrenden Dingen war übrigens das geseufzte „But no…“

    Liebe Grüße

    Comment by Johanna — 3. März 2015 @ 10:23

  5. Das Hörbuch dürfte auch nochmal interessant sein. Wie hat sich der Autor als Sprecher denn geschlagen?

    Comment by Darkstar — 3. März 2015 @ 10:32

  6. Herr Rothfuss hat eine angenehme Stimme, finde ich. Habe auch erst am Ende gesehen, dass es sich nicht von einen professionellen Sprecher gelesen wurde.
    Finde ich auf jeden Fall auch eine schöne Geste.

    Comment by Johanna — 5. März 2015 @ 22:31

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