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21. Januar 2019

Björn Springorum: Der Ruf des Henkers

Category: Rezensionen,Romane – Darkstar – 18:00

Auf der Puppenbühne vor uns waren wie von Geisterhand zwei Figuren aufgetaucht. Die eine erkannte ich sofort wieder. Es war der Henker, der immer noch sehr nach Calcraft aussah. Diesmal war es jedoch die andere Figur, die meine Angst schürte wie Luft das Feuer. Es war eine Puppe mit abgewetzten Klamotten und halblangem zerzausten Haar: Sie sah so aus wie ich!

Ihr mögt unheimliche, spannende Romane und die Atmosphäre des viktorianischen Londons? Dann ist „Der Ruf des Henkers“ genau das Richtige für euch!

England, Mitte des 19. Jahrhunderts.

Um das Leben von Liz zu retten, dem Mädchen, das er liebt, lässt sich der jugendliche Richard auf einen ungewöhnlichen Deal ein: Er wird der Lehrling von William Calcraft, dem gefürchtetsten Henker Englands, dafür begnadigt dieser die des Mordes bezichtigte Liz. Fortan zieht Richard an der Seite des missmutigen, wortkargen Calcraft durch die Lande. Er lernt, wie er eine Schlinge richtig knüpft, welches Seil sich am besten für Hinrichtungen einigt, wie man einen Verbrecher richtig aufknüpft – und wie man anderweltliche Wechselbälger jagt.

Denn mitten unter uns, verborgen hinter menschlichen Masken, lauern diese magischen Wesen, deren einziges Ziel es ist, durch boshafte Taten und heimliche Zauber Unfrieden zu stiften. Erst in London wird Richard das ganze Ausmaß der Gefahr bewusst, die von den Wechselbälgern ausgeht. Doch ausgerechnet jetzt, als sein Meister ihn dringender braucht den je, begegnet er durch Zufall Liz wieder. Hin- und hergerissen zwischen Liebe und Pflichtgefühl muss Richard sich entscheiden, wie seine Zukunft aussehen soll. Doch während er zaudert, legen sich dunkle Schatten über London – und über sein Schicksal.

Schon lange wollte ich etwas aus der Feder von Björn Springorum lesen, und ich bin froh, dass es mit „Der Ruf des Henkers“ endlich geklappt hat. Denn ich muss sagen: Das Buch hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen. 344 Seiten umfasst der Schmöcker und die habe ich praktisch an einem Sonntag in einem Rutsch durchgelesen.

Für mich persönlich hat hier alles gepasst: Die Atmosphäre, die Figuren, die Geschichte, der Schreibstil. Ich hab mich förmlich in das London des 19. Jahrhunderts hineingezogen gefühlt, in die vor Unrat starrenden, stinkenden Gassen von Whitechapel, wo das kleine, heimelige Gasthäuschen steht, in dem Richard und William Calcraft Unterschlupf finden. Ich mag Feen- und Wechselbalg-Geschichten, und diese hier war düster und spannend und die unheimliche Stimmung hat sich beim Lesen direkt auf mich übertragen. Ich mochte Richard, aus dessen Sicht der Großteil der Handlung erzählt wird; einzelne Kapitel sind aber auch aus der Sicht von Calcraft geschildert und hinzu kommen noch mehrere Tagebucheinträge des jungen Herbergsmädchen Rose – ebenfalls eine äußerst sympathische Nebenfigur, in die sich der Autor gut hineingefühlt hat.

Was den „Ruf des Henkers“ zusätzlich aufwertet, ist die wunderschöne Ausstattung des Verlags. Normalerweise gehe ich in Rezensionen ja sehr selten auf die Aufmachung eines Buches ein, diese hier ist aber so liebevoll, dass ich nicht umhin komme. Nicht nur, dass der Roman ein tolles Cover bekommen hat; es handelt sich um eine Hardcover-Ausstattung mit Schutzumschlag, und die erste Seite jedes Kapitel hebt sich graphisch vom Rest des Romans ab, denn der Text wird umrahmt vom Bild einer steinernen Toröffnung. Sehr nett.

Auf den letzten Seiten der Ausgabe macht der Verlag u. a. noch Werbung für Otfried Preußlers „Krabat„, und das erwähne ich jetzt, weil das tatsächlich passend ist. Natürlich schreibt und erzählt Björn Springorum anders als Preußler, aber rein atmosphärisch kann man „Krabat“ und „Der Ruf des Henkers“ durchaus vergleichen: beides sind Coming of Age-Geschichten von mutigen Jungen, die sich im Verlauf der Handlung teils leichtsinnig in Gefahr begeben, aber äußerst sympathisch agieren. Beides sind Geschichten, die durchdrungen sind von dunkler Magie und einer unheimlichen Atmosphäre, und bei so manchem Moment droht einem das Blut in den Adern zu gefrieren.

Für mich ist „Der Ruf des Henkers“ eindeutig ein Lesehighlight. Bitte mehr davon!

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