Darkstars Fantasy News


11. Januar 2009

Patrick Rothfuss: Der Name des Windes
Die Königsmörder-Chronik – Erster Tag

Category: Rezensionen,Romane – Darkstar – 12:00

Der Name des WindesKaum ein Buch habe ich mit solcher Spannung erwartet wie Patrick Rothfuss‘ „Der Name des Windes„. Der Hype um den Debütroman des Amerikaners war – und ist – unglaublich groß. Sowohl diesseits als auch jenseits des Großen Teichs wurde das Buch als „der Fantasy-Roman des Jahres“ gefeiert. Nach dem Lesen des Buches kann ich folgendes sagen: Unbestreitbar ist, dass Rothfuss Debüt in mehrfacher Hinsicht beeindruckt – und dass er sich Zeit gelassen hat mit seinem Erstling. Über zehn Jahre soll er daran gearbeitet haben. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: “Der Name des Windes” ist sowohl vom Aufbau der Geschichte, der Charakterentwicklung als auch stilistisch überzeugend.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der Zauberer und Musiker Kvothe, um den sich zahlreiche Legenden ranken. Städte soll er niedergebrannt haben, Könige ermordet haben – ein Mann soll er sein, wie es keinen zweiten je gegeben hat und geben wird. Der besondere Reiz besteht darin, dass der Magier selbst es ist, der seine Geschichte erzählt. Eingebettet in eine Rahmenhandlung in einem Wirtshaus am Rand der bekannten Welt, die andeutet, dass seine Geschichte noch keinesfalls beendet ist, auch wenn er das glauben mag, berichtet Kvothe davon, wie er bei seinen Eltern aufgewachsen ist, die zum Fahrenden Volk gehörten und die eines Tages ganz unvermutet von geheimnisvollen Wesen umgebracht werden, nur weil sie das falsche Lied singen. Einzig der damals achtjährige Kvothe kann dem Massaker entkommen. In den folgenden Jahren durchleidet er eine harte Kindheit auf der Straße, ehe er die Obsessionen wiederentdeckt, die fortan sein ganzes Leben bestimmen werden: Das Lautenspiel, der Hunger auf Wissen – und die Suche nach den mysteriösen Mördern seiner Familie. Als jüngster Scholar aller Zeiten wird Kvothe bald an der Großen Universität angenommen, wo er seine Jugendjahre verbringt. Seinen Ruhm weiß er geschickt zu mehren, indem er die Gerüchten, die über ihn erzählt werden, stetig nährt. Was Kvothe jedoch nicht zu erkennen scheint ist die Tatsache, dass großes Wissen verschwendet ist, wenn es nicht mit der erforderlichen Reife einhergeht.

Schlußendlich ist der Auftaktband der dreiteiligen “Königsmörder-Chroniken” die Coming of Age-Story eines komplexen, mächtigen Helden. Atmosphärisch erinnert das Buch – übrigens ebenso wie seine Hauptfigur – an die Fantasyromane der 80er Jahre. Kvothe ist (soviel wird bereits in diesem Band klar) eine tragische Figur. Jemand, den das Schicksal gezeichnet und zu seinem Spielball gemacht hat; den eine namenlose Macht mal hierhin, dann dorthin treibt, auch wenn es seine eigenen Entscheidungen sind, die schlussendlich seinen Werdegang bestimmen. Das mag einerseits am jungen Alter des Helden liegen. “Der Name des Windes” konzentriert sich wie gesagt auf Kvothes Kinder- und Jugendjahre. Trotzdem erinnert Kvothe an die klassische Figur des ewigen Helden, der von seiner Bestimmung auf einen heroischen Weg geführt wird, ohne dass er diesen – zunächst – bewusst eingeschlagen hat. Er ist jemand, der sich in Robert Asprins “Diebeswelt” sicher wohl fühlen würde.

Auch rein äußerlich kann sich das Buch sehen lassen. Beim edlen Hardcover, dessen Schutzumschlag von einem stimmungsvollen Titelbild (etwas, dass in der heutigen deutschen Verlagslandschaft leider viel zu selten geworden ist) geziert wird, beweisen die Verantwortlichen bei Klett Cotta wirklich Geschmack. Besonders erfreulich ist außerdem, dass Rothfuss viel bejubelter Stil in der Übersetzung nicht gelitten hat. Auch das ist etwas, was heutzutage leider nur wenige Fantasy-Romane für sich beanspruchen können. Insofern rechtfertigen die gelungene Umsetzung und die qualitative Aufmachung den Preis von 24,90 EUR.

Klingt ganz so, als würde auch ich mich in die Reihe der frenetischen Bewunderer von Patrick Rothfuss einreihen? Das ist leider nicht der Fall. Tatsächlich wollte ich den Roman sehr gern mögen. Warum er für mich trotzdem nicht der Überflieger ist, für den ihn der Rest der Welt hält, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Sicherlich ist sein Debüt – wie oben ausführlich erwähnt – stilistisch grandios und auch sonst Respekt einflößend. Gepackt hat mich die Geschichte von Kvothe allerdings leider nicht. Das mag in erster Linie wohl schlicht und ergreifend daran liegen, dass Rothfuss meinen individuellen Geschmacksnerv nicht getroffen hat. Sein Held Kvothe war mir zu perfekt in allem, was er angefangen hat. Zu meisterlich in allen Künsten, deren er sich angenommen hat. Die Nebenfiguren hingegen – weibliche gibt es derer übrigens kaum welche – bleiben im direkten Vergleich zum Protagonisten etwas blass.
Was Rothfuss wiederum sehr gut gelingt, sind seine Schilderungen von Kvothes Leben an der Universität. Hier merkt man dem Roman deutlich an, dass der Autor weiß, wovon er spricht. Die Strukturen, von denen er schildert, das Studentenleben zwischen Prüfungen und Mensa, ja sogar die Art, wie sich seine Figuren ausdrücken und wie Kvothe an die Lösung eines Problems herangeht, und sei es noch so magisch – wirken wie aus dem echten Leben gegriffen: Da wurde der amerikanische College-Alltag auf High Fantasy umgebürstet, scheint es.

Es ist jedoch vor allem ein durchgängiger, sich steigernder Spannungsaufbau, der dem „Namen des Windes“ fehlt. Man kann zwar recht deutlich erahnen, worauf Rothfuss mit seiner Geschichte hinauswill, wohin die Reise gehen soll, sozusagen. Im Auftaktband der Trilogie begleiten wir Kvothe jedoch primär durch verschiedene Stationen seiner jungen Jahre, die sich zwar organisch aneinander reihen, aber sich entsprechend der Intention des Autors auch wie eine fiktive Biographie lesen. Es ist die Entmystifizierung des Helden, an der sich Rothfuss – übrigens erfolgreich – versucht. Er stellt Kvothe nicht auf einen Sockel, sondern erklärt den Mann, der hinter den Legenden steckt – zeigt auf, wie dieser dazu geworden ist. Aktionsequenzen gibt es dementsprechend wenig. Da Kvothe außerdem das ist, was man heutzutage gern als „überdurchschnittlich begabt“ bezeichnet, fällt es mitunter schwer, als Leser einen Bezug zu dieser Figur aufzubauen. Ein meisterhaftes Charakterstück, zweifelsfrei. Die große Geschichte, die zwischen den Kapiteln durchschimmert, lässt jedoch auf sich warten und wird erst in einem der folgenden Bücher, vermutlich erst in Band 3, aufgegriffen. Auch von den Taten, die Kvothe so berüchtigt gemacht haben, erfährt man nur wenige. Noch hat er keinen König umgebracht. Noch hat er keine Stadt abgebrannt.

Unter’m Strich ist es Patrick Rothfuss gelungen, einen handwerklich im Prinzip perfekten Roman vorzulegen, der sich vor allem für jene Leser eignet, die sich gern von einer schönen Sprache treiben lassen.

Fakten:

Titel: Der Name des Windes
Autor: Patrick Rothfuss
Reihe: Die Königsmörder-Chronik, Band 1 (von 3)
Original-Titel: The Name of the Wind
Übersetzung: Jochen Schwarzer
Verlag: Klett Cotta, November 2008
Aufmachung: Hardcover mit Schutzumschlag, 864 Seiten
Preis: € 24,90

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8 Comments »

  1. Hallo,
    ich hab‘ mir das Buch jetzt auch zugelegt, die vielen positiven Meinungen dazu haben ihr Ziel bei mir also nicht verfehlt. Ich hab‘ ja schonmal angedeutet, dass es recht lange dauern kann, bis ich das Buch wirklich aufschlage und lese, aber ich bin gespannt! :-)
    In erster Linie freue ich mich natürlich auf den Schreibstil. Ich hätte schon Lust, mal wieder ein außerordentlich schön geschriebenes Buch zu lesen – nach „Die Bücherdiebin“ (!!!) und „Der letzte Elf“ hab‘ ich das doch ein wenig vermisst!
    Liebe Grüße,
    Corry

    Comment by Corry — 12. Januar 2009 @ 23:09

  2. Ich hab das Buch zu Weihnachten bekommen und werde es demnächst auch zur Hand nehmen. Wahrlich schön gestaltet – sieht sehr gut im Regal aus.

    Comment by Ralf — 13. Januar 2009 @ 17:59

  3. Für mich war dieses Buch (das ich allerdings auf Englisch gelesen habe) ein Hochgenuss, allein schon wegen des, auch von Dir attenstierten, guten Schreibstiles. Ich fand es packend, herzzerreißend und stimmungsvoll und es hat mich nicht gestört, dass keine „Zweithelden“ nominiert wurden, sondern Rothfuss sich auf Kvothe selbst konzentrierte. Ist mir allemal lieber, als eine „Heldencombo“ nur so am Rande kennenzulernen.

    Comment by Fiacha — 1. Februar 2009 @ 12:26

  4. […] Preises 2009 stehen fest. Erwartungsgemäß gewonnen hat als bester internationaler Roman”Der Name des Windes” von P. Rothfuss. Abgestimmt haben 1.800 […]

    Pingback by Darkstars Fantasy News » Die Gewinner des Deutschen Phantastik Preises 2009 | News & Interviews aus der wunderbaren Welt der Fantasy — 20. Oktober 2009 @ 15:26

  5. […] ziemlich enttäuscht haben. Jetzt werde ich sicher gleich gesteinigt, aber Patrick Rothfuss’ „Der Name des Windes“ konnte mich ebenso wenig überzeugen wie Peter V. Bretts „Das Lied der Dunkelheit“ oder […]

    Pingback by Darkstars Fantasy News » Sandersons “Warbreaker” erscheint auf Deutsch | News & Interviews aus der wunderbaren Welt der Fantasy — 7. Juni 2010 @ 18:00

  6. Ich habe das Buch bereits zum dritten Mal gelesen und es ist mir jedes Mal von neuem ein Hochgenuss.Der Schreibstil, die Poesie, die Beschreibung der Gefühle eines Musikers beim Spiel (für mich gut nachvollziehbar da ich selber Musiker bin)…. und auch der Humor ist nicht zu kurz gekommen.
    Hoffe es wird eine Fortsetzung geben.greez

    Comment by Lycantrophe — 18. März 2011 @ 15:11

  7. […] recht, steht doch der Vorgängerband “Der Name des Windes” für seine auch in der deutschen Übersetzung erhalten gebliebenen sprachlichen Schönheit […]

    Pingback by Darkstars Fantasy News » Ein US-Buch, zwei deutsche BücherIm Gespräch mit Lektoren großer deutscher Fantasy-Verlage | News & Interviews aus der wunderbaren Welt der Fantasy — 1. Juli 2011 @ 12:32

  8. […] die Rechte an Patrick Rothfuss internationaler Bestseller-Trilogie erworben haben, die mit “Der Name des Windes” ihren Anfang […]

    Pingback by Darkstars Fantasy News » Der Name des Windes als TV-Serie? | News & Interviews aus der wunderbaren Welt der Fantasy - ein Fantasy Blog — 29. Juli 2013 @ 15:00

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