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26. August 2018

Interview mit C. E. Bernard
Palace of Glass ist für mich Social Fantasy

Category: News – Darkstar – 10:00

Palace of GlassDie Frage ist nicht, ob ich Angst habe; die Frage ist, wie ich mit dieser Angst umgehe, und ob ich glaube, dass meine Angst es mir gestattet, andere Menschen einzuschränken.

Habt ihr meine Rezension zu C. E. Bernards Trilogie-Auftakt Palace of Glass gelesen? Dann wisst ihr, dass ich von dem Buch ziemlich begeistert bin.

Und wenn mich etwas begeistert, werde ich neugierig – und fange an, Fragen zu stellen. Die deutsche Autorin C. E. Bernard, die im schönen Bonn lebt, hat mir das erfreulicherweise nicht krumm genommen, sondern sich Zeit für ein Interview genommen. 

Interview mit C. E. Bernard

In Deiner Palace-Reihe gibt es Menschen, die die Gedanken anderer lesen und manipulieren können. Vermutlich waren wir alle schon in Situationen froh darüber, dass unser Gegenüber unsere Gedanken nicht lesen konnte. Hättest du in einer Welt mit Magdalenen nicht auch Angst?

Ich stelle eine Gegenfrage:

Vermutlich sind wir alle, zumindest wir Frauen, schon einmal nachts nach Hause gegangen und haben gemerkt, dass ein fremder Mann hinter uns auf dem Bürgersteig geht. Wir hatten alle einen Moment der Angst, ob uns diese Person etwas antun würde.

Trotzdem möchte ich niemandem verbieten, nachts auf die Straße zu gehen.

Die Frage ist nicht, ob ich Angst habe; die Frage ist, wie ich mit dieser Angst umgehe, und ob ich glaube, dass meine Angst es mir gestattet, andere Menschen einzuschränken.

Die Menschen dürfen sich untereinander nicht mehr berühren. Mich hat die Atmosphäre ein bisschen an politische bzw. gesellschaftskritische Stimmen in unserer Gegenwart erinnert, die von einer Rückkehr zu (erz)konservativeren Werten und Lebensbildern fordern. Schätze ich das falsch ein, oder schwingt in Palace of Glass auch ein bisschen Kritik oder Mahnung gegen diese Stimmen mit?

Als ich diese Atmosphäre beschrieben habe, habe ich an unsere gegenwärtigen Gesellschaften gedacht. Ich habe versucht, die Mechanismen aufzuzeigen, die in unserer Gesellschaft benutzt werden, um bestimmte Menschen auszugrenzen und zu entwürdigen.

Und ich beobachte diese Entwicklung mit großer Sorge.

Ninon, der Comte, Blanc und René – viele Sympathieträger wirken auf mich queer bzw. zumindest alles andere als konservativ oder heteronormativ. Lese ich das richtig oder interpretiere ich da zu viel zwischen den Zeilen?

Wenn mein Abschluss in Englischer Literaturwissenschaft mir bei einem sehr geholfen hat, dann dabei, darüber nachzudenken, wie ich möchte, dass meine Bücher sich zu der Gesellschaft verhalten, in der ich lebe.

Mit anderen Worten: Da interpretierst du nicht zu viel zwischen den Zeilen (wie in Palace of Silk und Palace of Fire auch offensichtlich wird).

In meinem Schreiben denke ich dank meine Studiums auch über die Frage von representation nach und was das mit dem Machtgefüge in unserer Gesellschaft zu tun hat. Ich finde es wichtig, die Gesellschaft und die Menschen, die in ihr Leben in all ihrer Vielfalt in der Literatur sichtbar zu machen.

Und es ist ja nicht so, dass frühere Romane, die das nicht gemacht haben, ein exakteres Abbild der Gesellschaft waren, und ich mir jetzt queere Lebensweisen ausdenke und sie in meine utopische Romanwelt dazudichte.

Queeres Leben findet statt, ist bisher aber in der Literatur viel zu oft verschwiegen worden. Dazu möchte ich nicht beitragen.

Palace of SilkIch habe den Eindruck, dass ich damit auf dem Buchmarkt nicht allein bin und sich viele Autor_innen dasselbe denken: Wenn ich an die ganz selbstverständliche Darstellung eines schwulen Pärchens in Isabelle Bogdans herrlich komischem Der Pfau denke oder an das gerade erst erschienene Verwirrnis von Christopher Hein, sehe ich viele Zeichen, die zeigen, dass Heteronormativität durchbrochen und queeres Leben ganz selbstverständlich aufgearbeitet wird – in vielen Fällen sogar nicht als explizites Thema, wie zum Beispiel im Pfau oder bei Palace of Glass.

Es gehört einfach dazu und wird auch so dargestellt: nicht als etwas Besonderes, sondern als etwas Selbstverständliches.

That said: Ninon, der Comte, Blanc und René zeichnen sich nicht ausschließlich durch ihr Queer-Sein aus. Sie sehen sich als Individuen. Genauso ist die Palace-Saga natürlich auch eine Abenteuer- und eine Liebesgeschichte, die Spannung und Freude bringen soll.

Was macht für Dich Rea zu der perfekten Protagonistin für Dein Debüt?

Ich glaube nicht, dass ich diese Frage noch objektiv erzählerisch beantworten kann: Nach drei Büchern und 1400 Seiten mit ihr liebe ich Rea wie eine kleine Schwester.

Was mich besonders stolz macht, ist was für eine lange Reise Rea hinter sich hat: in Palace of Glass ist sie sich noch sehr unsicher über ihren Platz in der Welt, wer sie eigentlich ist, und was richtig und falsch ist. Aber mithilfe ihrer Freunde gelingt es ihr zu lernen selbst zu denken und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.

Sie bei dieser Emanzipation begleitet zu haben, ist ein Privileg und eine riesige Freude. Ich meine: in Palace of Glass hält sie sich selbst noch für einen schlechten Menschen, weil ihr das vermittelt wird. In Palace of Fire weiß sie, dass sie Fehler macht, aber das nichts einem Menschen seine Würde nehmen kann, nicht einmal, eine Magdalena zu sein. Das finde ich großartig.

Und natürlich ist es für eine Dystopie oder Social Fantasy wie Palace of Glass auch immer praktisch, eine Protagonistin zu haben, die erst einmal mit dem Regime übereinstimmt – die Fallhöhe ist so riesig, und das bringt Spannung in eine Geschichte.

In meiner Rezension bezeichne ich Palace of Glass als Popkorn-Dystopie. Obwohl ich selbst das nicht abwertend meine: Stört Dich eine solche Bezeichnung?

Diese Bezeichnung stört mich nicht. Ich denke schon, dass jemand, der das liest, es abwertend interpretieren könnte, aber ich stehe auf Popcorn-Kino (Fluch der Karibik fällt mir direkt ein, oder J J Abrams Star Trek-Filme).

Im Fall von Palace of Glass ist es sogar wichtig, es nicht als Dystopie zu bezeichnen, denn das ist es strenggenommen nicht (meine erste akademische Veröffentlichung trug den Titel Defining Dystopia, ich habe mich damit also viel beschäftigt – vielleicht zu viel). Es ist doch eine Frage der Mischung – ich schätze Iron Man so sehr wie Das Weiße Band, aber aus verschiedenen Gründen.

Mir persönlich gefällt ja der Begriff Social Fantasy am besten. Den habe ich auch erst entdeckt, nachdem PoG veröffentlich worden ist; eine Userin auf Instagram hat mich darauf aufmerksam gemacht (annablaustrumpf). In meiner Zeit an der Uni ist mir der Begriff noch nicht untergekommen, das heißt, ich habe das Gefühl, es könnte sich dabei um ein Genre handeln, das gerade erst entsteht. Beschrieben wird es online als Fantasy, die sich klar auf unsere reale Gesellschaft bezieht.

Als einziges anderes Buch fällt mir dazu vielleicht noch The Bone Season von Samantha Shannon ein. Es würde mich sehr interessieren, mehr über dieses Genre herauszufinden!

Du hast ein Talent für faszinierende Figuren. Selbst Personen, die nur kurze Auftritte haben, wirken auf mich sehr lebendig. Was ist Dein Geheimrezept? Wie entwickelst Du Charaktere?

Danke für das schöne Kompliment.

Ich glaube, mein Rezept besteht aus zwei Zutaten: Erstens liebe ich jede einzelne Figur, die auftritt. Das bedeutet nicht, dass ich jede für moralisch gutheiße. Ich betrachte jede von ihnen als Menschen, den es zu verstehen gilt – ähnlich geht es, glaube ich, Schauspieler_innen, die Bösewichte verkörpern und in Interviews verzweifelt versuchen zu erklären, wie sie es schaffen, so eine Figur zu spielen.

Vielleicht ist Vertrautheit ein besseres Wort als Liebe. Intimität – ich kenne das innerste dieser Figuren. Das schafft zwangsläufig ein Gefühl der Verbundenheit.

Zweitens gibt es ein ganz tolles Phänomen: Das menschliche Gehirn empfindet konkrete Details als lebendiger als ausführliche Beschreibungen; außerdem freut sich das Gehirn darüber, wenn es sich Dinge erschließen darf.

Das heißt, es ist wesentlich effektiver, zu einer Person nur zwei, drei Details zu nennen, die am besten auch nichts direkt über sie aussagen, sondern Schlüsse über ihr Innenleben zulassen. Falls du die erste Folge der BBC Serie The Musketeers geschaut hast: Die Szene, in der Athos seinen Kopf in den Wassereimer steckt. Es wird kein Wort gesagt, trotzdem glaubt dein Gehirn, alles über diesen Mann zu wissen. Einfach gut gemacht.

Wie bist Du überhaupt beim Schreiben Deiner Trilogie vorgegangen?

Ich bin morgens aufgestanden, habe mich an den Schreibtisch gesetzt und bin nach acht Stunden wieder aufgestanden.

Schreiben ist wirklich keine aufregende Tätigkeit, wenn man von außen daraufschaut. Das Besondere ist vielleicht, dass ich keine Pausen mache, auch nicht zum Essen. Ich komme am besten zurecht, wenn ich mich lange Zeit auf eine aufwendige Tätigkeit konzentrieren kann.

(Offenbar bin ich der schlimmste Spießer. Wie Austion Kleon in Steal Like an Artist sagt: Be boring.)

Du spielst selbst Theater. Inwiefern hilft Dir das beim Schreiben?

Palace of FireErst einmal hilft es mir als Ausgleich. Nach einem ganzen Tag am Schreibtisch ist es toll, zu einer Probe zu kommen: Nach acht Stunden schweigen endlich reden, und zwar gern auch ununterbrochen; nach acht Stunden sitzen endlich den Körper benutzen, merken, wozu du ihn alles gebrauchen kannst; und am Ende wieder eine Geschichte erzählen.

Ob als Regisseurin, Schauspielerin oder Autorin: Ich versuche immer, bewegende Geschichten zu erzählen. Insofern unterscheidet sich meine Arbeit als Regisseurin oder Schauspielerin nicht sehr von meiner Arbeit als Autorin: Es geht immer darum, zu verstehen was Menschen bewegt und das darzustellen, sodass andere es auch verstehen.

Was hat Dich zu Palace of Glass inspiriert?

Alles.

Ich glaube, Ideen entstehen durch Beobachten, durch die-Welt-in-sich-aufsaugen, sei es durchs Lesen, Schauen, Erleben, Reisen …

Ich wollte ein Buch schreiben, in dem Berührungen verboten sind, das hat mich einfach fasziniert; ich wollte ein Buch über Könige und Königinnen schreiben, aber ohne Klischees; ich wollte ein Buch schreiben, dass in London und Paris spielt. Und ich wollte ein Buch über Scham schreiben. All diese Ideen kamen zusammen, und daraus wurde die Palace-Saga.

Wenn ich das richtig verstanden habe, hast Du Dich dafür entschieden, auf Englisch zu schreiben, um auf einem größeren Marktplatz mitspielen zu können. Wie sieht das jetzt nach dem Ende Deiner Trilogie aus. Kannst Du Dir auch vorstellen, wieder auf Deutsch zu schreiben?

Ich glaube, der Grund auf Englisch zu schreiben, war etwas komplexer.

Zweifelsohne bietet die englische Sprache ganz großes Potential – nicht umsonst schreiben zahllose Autor_innen aus dem Commonwealth auf Englisch.

Vor allen Dingen war aber entscheidend, dass ich diese Geschichte auf Deutsch überhaupt nicht hätte schreiben können. Ich habe beides probiert: Auf Deutsch brachte ich kaum einen Satz auf das Papier, der nicht gestelzt klang, auf Englisch hatte ich zehn Seiten geschrieben, bevor ich überhaupt wusste, wie mir geschieht.

Überspitzt könnte man sagen: Die Sprache wählt die Autorin, nicht die Autorin die Sprache, um eine weise Frau zu zitieren (leicht abgewandelt).

Inwiefern wirkt sich die Sprache, in der Du schreibst, auf Deinen Stil und Deine Geschichte aus?

Ich schreibe inzwischen gar nicht mehr auf Deutsch, deshalb kann ich das nur im Rückblick beantworten: Mein englischer Stil ist mit meinem deutschen überhaupt nicht zu vergleichen.

Auf Englisch hat mein Stil eine Melodie (das hoffe ich zumindest), vor allen Dingen ergeht er sich aber nicht in den Ansprüchen, die andere vielleicht an ihn stellen würden.

Er ist, was er ist, und er funktioniert. Auf Deutsch habe ich mich oft gequält.

Was war das coolste oder absurdeste Thema, über das Du bisher recherchiert hast?

Ex-gay camps. Wusstest du, dass Calvin Klein-Unterwäsche schwul macht?

(Für den Fall, dass das nicht klar ist: Das ist von mir ironisch gemeint.)

Was macht Dir beim Schreiben den meisten Spaß? Und was empfindest Du als am anstrengendsten?

Actionszenen! Das Tempo, das schafft so ein Höhenflug! Dasselbe gilt für Dialoge.

Am anstrengendsten sind für mich witzigerweise Umgebungsbeschreibungen, die ja gar nicht aufwendig sind.

Die Spaß-Frage: Wenn Du mit einer Handvoll literarischer (oder historischer) Personen eine Nacht um die Häuser ziehen könntest (oder alternativ diese zum Abendessen treffen würdest): Welche würdest Du wählen und warum?

Oscar Wilde. Ich würde alles tun, um eine Nacht mit Oscar Wilde um die Häuser zu ziehen.

Erstens wäre es zum Schreien komisch; zweitens könnte ich ihn fragen, wie er es geschafft hat, so unglaublich scharfsichtig und gleichzeitig humorvoll über seine Zeit auf der Bühne zu schreiben.

Außerdem: William Shakespeare (er muss mir all seine dramaturgischen Geheimnisse verraten, und endlich aufklären, wie genau sein Verhältnis zu dem netten jungen Mann war, dem er seine Sonette gewidmet hat);

Irmgard Keun (ich bewundere ihren Stil so sehr; sie macht mir die deutsche Sprache schmackhaft);

Erich Maria Remarque (das wäre aber das Abendessen, will keine Sekunde verschwenden, die ich mit ihm reden und ihn von der Vergangenheit erzählen lassen könnte);

und die oder den Verfasser (Mehrzahl oder Plural) des Gilgamesh-Epos (den das ist die schönste menschliche origin story, die ich kenne; die alten Babylonier haben sich eine origin story erzählt, die nichts mit Sünde oder Schuld zu tun hat, sondern in der es einzig und allein darum geht, die Tatsache zu akzeptieren, dass wir sterblich sind. Wie genial ist das?).

Was darfst Du uns heute bereits über Dein nächstes Buchprojekt verraten?

Leider heute noch gar nichts, aber ich bin mir sicher, dass es sehr bald mehr zu berichten geben wird!

Vielen Dank für das spannende Interview!

Mehr zu C. E. Bernard erfahrt ihr auf ihrer Website oder auf Instagram.

Meine Rezension zu Palace of Glass findet ihr auf meinem Blog.

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