Darkstars Fantasy News


26. Juni 2019

Interview mit Nadine Erdmann

Category: News – Darkstar – 17:00

CyberWorld 1.0London 2038:

Das Cybernetz ist der größte Freizeitspaß, besonders unter Jugendlichen.

Egal, ob man als Avatar in sozialen Netzwerken neue Leute treffen oder in interaktiven Rollenspielen virtuelle Abenteuer erleben möchte, die schöne neue Technikwelt bietet Unterhaltung für jeden Geschmack.

Bis etwas Schreckliches geschieht

Im Mai sind bei der Greenlight Press der ersten beiden Roman von Nadine Erdmann erschienen – und im Mittelpunkt ihrer Reihe CyberWorld stehen (u. a.) zwei Jungs, die ineinander verliebt sind.

Im Interview habe ich mich mit Nadine unterhalten, warum es vielen Verlagen immer noch so schwer fallen könnte, schwule Protagonistin in den Mittelpunkt von Genre-Literatur zu stellen – und natürlich auch darüber, was die Leser in „CyberWorld“ erwartet, vor welche Herausforderungen sie das Schreiben der Romane stellt – und mit welchen fiktiven Charakteren sie gern mal einen Abend verbringen würde.

Interview mit Nadine Erdmann

Welche Schlagworte und welche Farben beschreiben für dich die Atmosphäre von CyberWorld am besten?

Schlagwörter für den Cyber-Part meiner Bücher sind sicher „düster“ und „gruselig“, für den RealLife-Part sind es „Freundschaft“, „Zusammenhalt“ und „Familie“ – auch wenn die jetzt nicht unbedingt die Atmosphäre beschreiben. ;o)

Farben finde ich schwierig. Blau vermutlich, wegen der Cover. Ansonsten sind die Bücher aber vom Inhalt her ziemlich verschieden, daher würde wahrscheinlich der gesamte Farbkasten zum Einsatz kommen, bis die Reihe irgendwann durch ist. ;o)

Zwei deiner drei Hauptfiguren sind schwul und ich habe gehört, ein anderer Verlag war an der Geschichte interessiert, hatte dich aber im Vorfeld gebeten, das zu ändern. Was glaubst Du warum die Verlage noch immer so zögerlich sind, was dieses Thema angeht?

Ich glaube schon, dass das Thema Homosexualität mittlerweile bei den Verlagen angekommen ist, gerade im letzten Jahr sind ja einige Jugendbücher dazu erschienen.

Aber mein Eindruck ist, dass man schwule, lesbische oder transgender Figuren als Hauptfiguren oft leider nur in Büchern sehen möchte, die sich ausschließlich mit Themen wie Homosexualität oder der Suche nach der eigenen (sexuellen) Identität befassen.

In anderen Genre wie z.B. Fantasy, SciFi oder Thriller sieht man solche Figuren als Hauptfiguren nicht so gerne, weil da anscheinend die Befürchtung herrscht, man könnte den jugendlichen Lesern zu wenig Identifikationspotential bieten oder sie gar überfordern, wenn plötzlich zwei Jungs Händchen halten oder sich küssen, ohne dass das in irgendeiner Weise erklärt oder aufgearbeitet wird.

Das war zumindest die Rückmeldung, die ich bekommen habe, und das hat mich damals ziemlich gestört. Ich finde zwar Jugendbücher, die sich gezielt mit dem Umgang mit Homosexualität oder Transsexualität in unserer Gesellschaft auseinandersetzen, richtig und wichtig, aber ich finde es falsch, wenn solche Figuren NUR auf solche Bücher beschränkt werden. Ich mag diese Art von Stigmatisierung und Schubladendenken nicht. Sicher spielt im Leben der Betroffenen ihre Homosexualität oder Transsexualität eine große Rolle, und das ist auch richtig so, weil es ja nun mal ein wichtiger Teil von ihnen ist. Aber es ist eben auch nur EIN Teil von unglaublich vielen anderen, die sie als Person ausmachen, und man sollte niemanden nur auf den einen Aspekt reduzieren, der ihn vielleicht ein bisschen anders als andere macht.

Deshalb gibt es bei mir zwei schwule Jungs als Hauptfiguren in einer SciFi/Cyberpunk-Reihe, und dass sie schwul sind, ist dabei kein Thema, das großartig breitgetreten oder erklärt wird. Warum auch? Die beiden lieben sich und fertig – und bisher hat es keine einzige Rückmeldung gegeben, dass sich damit irgendjemand nicht identifizieren konnte oder sich überfordert gefühlt hat.

Wie schwierig ist es, beim Schreiben solcher Charaktere keine Klischees zu bedienen – bzw. wie notwendig sind Klischees vielleicht sogar?

Puuh, das ist eine echt schwierige Frage.

Natürlich kenn ich etliche Klischees aus den Medien, aber die Medien erzählen uns ja auch gerne, dass alle Menschen Modelmaße und Traumkarrieren haben sollten, Blondinen blöd sind und der typische Deutsche Lederhosen trägt und Bier trinkt.

Aber die Realität sieht ja nun mal anders aus. Ich bin beim Schreiben meiner Figuren daher einfach nur von den Erfahrungen ausgegangen, die ich mit den Schwulen, Lesben und Bisexuellen gemacht habe, die mir in meiner Schulzeit, während des Studiums oder später privat und in meinem Job als Lehrerin begegnet sind, und die entsprachen alle kein bisschen den Klischees aus den Medien.

Deshalb schreibe ich Jamie und Zack auch nicht großartig anders, als ich die hetero Jungs in meinen Geschichten schreibe. Ob das jetzt gut oder schlecht, richtig oder falsch ist, weiß ich nicht. Beschwerden hat es aber noch nicht gegeben. ;o) Im Gegenteil, viele Leser lieben die beiden und die Rückmeldungen sind bisher sehr positiv.

Stellst Du uns Jemma, Zack und Jamie kurz vor?

Die drei sind ziemlich normale 16-Jährige, die im Jahr 2038 in London leben. Sie gehen zur Schule, treffen sich mit Freunden, haben ein paar Hobbys und lieben die CyberWorld, eine virtuelle Parallelwelt, die man als Avatar betreten kann.

Jamie und Jemma sind Zwillinge und müssen mit einem schweren Schicksalsschlag leben, der sie aber nur umso mehr zusammengeschweißt hat. Zack ist Einzelkind und weil seine Eltern beruflich viel unterwegs sind, lebt er schon von klein an on and off in der Familie von Jamie und Jem. Für Jemma ist er daher nicht nur ein bester Freund, sondern eigentlich ein zweiter Bruder, und für Jamie ist er noch sehr viel mehr.

Zack ist ebenfalls von dem Schicksalsschlag betroffen, der das Leben der Zwillinge aus der Bahn geworfen hat, aber gemeinsam sind die drei ein eingeschworenes Team, das sich nicht unterkriegen lässt und füreinander durchs Feuer geht.

Deine Romanreihe spielt im Jahr 2038. Dafür musstest du zwar keine Welt von übermorgen oder eine dystopische Zukunft entwerfen, aber doch die Welt von morgen. Wie bist Du dabei vorgegangen?

CyberWorld 2.0Die CyberWorld-Reihe spielt eigentlich in zwei Welten. Zum einen gibt es das „Real Life“, also das ganz normale Alltagsleben in London im Jahr 2038, zum anderen die virtuelle CyberWorld.

Das „echte Leben“ spielt ungefähr zwanzig Jahre in der Zukunft, daher hab ich mir als Erstes angesehen, wie unsere Welt vor zwanzig Jahren aussah und was sich seitdem verändert hat, weil ich die Entwicklung möglichst realistisch haben wollte.

Mein London im Jahr 2038 sieht also gar nicht so viel anders aus, als das London von heute. Es gibt ein paar Hochhäuser mehr und das ein oder andere Viertel wurde „generalüberholt“, aber im Prinzip hat sich an der Szenerie nicht wahnsinnig viel verändert.

Am Alltagsleben auch nicht: Man geht arbeiten und zur Schule und es gibt immer noch Busse und U-Bahnen, weil fliegende Autos zwar cool wären, aber nicht wirklich realistisch sind. Technisch hat sich in meinen Geschichten aber natürlich trotzdem einiges getan, denn dort sind die Weiterentwicklungen einfach am wahrscheinlichsten.

Die größte Neuerung sind Roboter mit künstlicher Intelligenz, die rein optisch nicht von Menschen zu unterscheiden sind und ihren Besitzern den Alltag erleichtern, indem sie z.B. als Haushaltshelfer ungeliebte Arbeiten wie Putzen, Einkaufen oder Bügeln erledigen. Ich gebe zu, bei diesen Hightechgehilfen ist vermutlich sehr viel Wunschdenken dabei, denn so einen Max wie in meiner Geschichte hätte ich wirklich auch gerne. ;o)

Die zweite Welt in meinen Büchern ist die CyberWorld, die man als Avatar betreten kann, und bei der Konzeption dieser Welt habe ich mich am heutigen Internet orientiert. Daher gibt es dort z.B. die typischen sozialen Netzwerke, in denen man sich von Angesicht zu Angesicht mit anderen CyberWeltlern treffen kann.

Diese CyberClubs gibt es in allen erdenklichen Formen: von der virtuellen Großraumdisco, bis hin zu Fanclubs zu Filmen, TV-Serien, Büchern, Sportarten oder sonstigen Hobbys. Genau wie im Internet findet man auch im Cybernetz so ziemlich alles, was das Herz begehrt.

Natürlich auch CyberGames. Spiele, die man heute größtenteils noch mit Tastatur oder Controllern steuert, betritt man in der CyberWorld als Avatar und erlebt so die virtuellen Abenteuer hautnah. Manchmal vielleicht sogar ein bisschen zu nah …

Was hat Dir beim Schreiben am meisten, was am wenigsten Spaß gemacht?

Ich mag die Möglichkeit, zwischen den beiden Welten in meiner Geschichte zu wechseln.

In den RealLife-Parts kann ich die Figuren entwickeln und nach und nach erwachsener werden lassen, in der CyberWorld ist dagegen eher Spannung und Action angesagt, wenn meine Protas in den Games unterwegs sind und gegen virtuelle Monster und Dämonen kämpfen.

Was weniger Spaß macht, sind Textstellen oder Szenen, die sich beim Schreiben nicht „richtig“ anfühlen und die ich dann zigmal umschreiben muss, bis sie endlich „passen“. Das kann ziemlich nerven und frusten. Aber wenn es dann doch endlich „passt“, ist das ein umso schöneres Gefühl.

Hast Du Recherche betreiben müssen? Was war das absurdeste oder spannendste oder lustigste Thema, mit dem Du Dich dabei beschäftigt hast?

So wahnsinnig viel recherchiert habe ich ehrlich gesagt gar nicht. Es gab nur zwei Bereiche, in denen ich mich schlauer machen musste, von denen ich einen hier aber leider nicht nennen kann, weil der einen wichtigen Teil vom Plot verraten würde.

Der andere Teil war das Thema Robotertechnik und künstliche Intelligenz, weil es bei mir eben die menschenähnlichen Hightechgehilfen gibt und ich wissen wollte, inwieweit die wirklich möglich sind.

Warum spielt CyberWorld in London und nicht etwa in München, Dortmund oder Berlin?

London ist meine Lieblingsstadt. Ich hab dort für ein Jahr studiert und weil das Leben in London nicht billig ist, hab ich mir den Aufenthalt als Nanny in einer britischen Familie finanziert. Ich hab die Zeit dort geliebt und seitdem ist London eine Art happy place für mich und wenn ich beim Schreiben an einem Ort viel Zeit verbringe, dann am liebsten da, wo ich mich wohlfühle.

Jamie, einer deiner drei Hauptcharaktere, hat eine kaputte Wirbelsäule. War es Dir ein Anliegen, bewusst einen Menschen mit Handicap in den Mittelpunkt deiner Geschichte zu stellen – und hattest Du beim Schreiben Angst, dabei etwas falsch zu machen?

Die Antwort auf diese Frage ist ein bisschen kniffelig, weil ich nicht zu viel vom Plot verraten will, daher nur so viel: Es hat mehrere Gründe, warum ich eine Hauptfigur mit einem Handicap in der Geschichte haben wollte, bzw. haben musste.

Einer davon ist aber, dass – ähnlich wie bei den queeren Figuren – auch Figuren mit Handicaps oft nur in Jugendbüchern zum Thema Behinderung im Mittelpunkt stehen, und da empfinde ich das Gleiche, was ich oben schon beschrieben hab: Ich mag Stigmatisierung und Schubladendenken nicht. Sicherlich spielt Jamies Handicap und wie er, seine Freunde und Familie mit den Hochs und Tiefs umgehen, die ein Leben mit Behinderung nun mal mit sich bringt, eine große Rolle in meinen Büchern.

Aber eine genauso große Rolle spielen sein Mut, seine Loyalität und sein Einfallsreichtum bei den Abenteuern in der CyberWorld oder wenn er im realen Leben seine Freunde beschützen und retten muss. Menschen haben immer mehr als nur eine Facette und ich mag es, das mit meinen Figuren zu zeigen.

Angst, bei Jamies Darstellung etwas falsch zu machen, habe ich eigentlich nicht. Ich bin als Kind mit einem behinderten Nachbarkind aufgewachsen, in meiner Grundschulklasse war ein behinderter Junge und als Lehrerin habe ich an einer integrativen Gesamtschule unterrichtet. Der Umgang mit Menschen mit Behinderung ist für mich nichts Ungewöhnliches und ich finde es daher auch nicht schwer, darüber zu schreiben.

Ist CyberWorld eine Trilogie oder wie viele Teile sind geplant? Sind die einzelnen Romane in sich abgeschlossen?

Ja, die einzelnen „Vorfälle“/“Verbrechen“ werden immer innerhalb eines Bandes aufgeklärt, haben aber Folgen und Auswirkungen auf die Charaktere, sodass die Geschichte um die Figuren Bücher übergreifend weitererzählt wird.

Man kann die Bände also nicht in beliebiger Reihenfolge lesen.

Geplant sind bisher sechs Teile, evtl. auch noch ein siebter, das kommt aber darauf an, wie die Reihe bei den Lesern ankommt und was der Verlag dann davon hält.

Nadine ErdmannWas fällt Dir leichter: einen Roman zu beginnen oder einen Roman zu beenden?

Ich finde, das haben Linkin Park ziemlich gut auf den Punkt gebracht:

„The hardest part of ending is starting again.“

Was inspiriert Dich?

Gespräche mit anderen Menschen, Rückmeldungen von Lesern, Bücher, Filme, Serien, Songs, Computerspiele … Inspiration und Ideen für neue Geschichten lauern eigentlich fast überall.

Verrätst Du uns, worum es in der ersten Geschichte ging, die Du geschrieben hast (und an die du dich erinnerst?

Es ging um einen kleinen Jungen, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und wegläuft, um sich ein neues Zuhause zu suchen.

Was ist Dir bei Romanen bzw. in der Popkultur privat wichtig?

Authentizität.

Das, was ich lese, sehe oder höre muss für mich glaubhaft und „ehrlich“ sein. Dabei darf es gerne auch mal ein bisschen schräg oder anders sein, aber nicht geheuchelt oder gekünstelt, sondern es muss einfach „echt“ sein, mich neugierig machen und mich auf irgendeine Weise ansprechen, berühren und mitnehmen.

Hast Du einen queeren Lieblingscharakter (ob aus Deinen eigenen Büchern oder generell aus Literatur und Film & Fernsehen)?

Ich mag Cosima aus „Orphan Black“, weil sie eine coole Socke ist und clever und loyal.

Außerdem ist sie eine Kämpferin und besitzt so eine sanfte Stärke, die ich unheimlich mag. Dass sie lesbisch ist, finde ich cool, weil die Serie damit Diversität zeigt, und ich finde gut, dass keine große Sache daraus gemacht wird, sondern es einfach ganz normal ist.

So wie es ja nun mal auch sein sollte.

Wenn Du mit vier beliebigen fiktiven Figuren einen Abend verbringen könntest: Wen würdest Du wählen und was würdet ihr machen?

Ich bin im Moment ein totaler Junkie der Alex-Verus-Novels von Benedict Jacka, daher würde ich mich vermutlich mit Alex und seinen Freunden treffen und da die Reihe in London spielt, würde ich mit ihnen einfach die Stadt unsicher machen und Arachne besuchen.

Arachne ist eine Spinne in der Größe eines Minivans, sieht aus wie ein Wesen aus den schlimmsten Albträumen, ist aber eine absolut herzensgute Seele. Arachne würde ich echt gerne mal treffen – vielleicht fände ich danach dann ja die beiden dicken Kellerspinnen, die seit einige Zeit neben meiner Waschmaschine campieren, nicht mehr ganz so fies …

Vielen Dank!

Nadines Website: bitte klicken

Dieses Interview erschien ursprünglich im Juli 2016.

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Foto Nadine Erdmann (c) privat Nadine Erdmann

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