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7. März 2016

Cornelia Funke: Spiegelwelt
Tauche ein in das Lebende Buch

Category: Rezensionen,Romane – Darkstar – 16:00

SpiegelweltDer Spiegel öffnet sich nur für den, der sich selbst nicht sieht

Was für ein Schatzkästchen! Spiegelwelt von Cornelia Funke ist wirklich etwas Besonderes, denn es ist mehr als ein Buch. In dieser Schatulle befinden sich neben einem rund 200 Seiten starken Buch, das Kurzgeschichten und Auszüge aus fiktiven Lexika der Märchenwelt enthält, unter anderem auch ein Zeichnungsprint, ein Brief von Cornelia Funke an Reisende in die Spiegelwelt, sepiafarbene  Fotografien aus diesem magischen Reich, bebilderte Postkarten und Rezeptkärtchen aus einem Hexen-Kochbuch.

Bezauberndes Begleitbuch

Ich mag Begleitbücher zu TV- und Romanserien. Von Kim Harrisons Blutwelten und George R. R. Martins Westeros habe ich ja bereits geschwärmt. Spiegelwelt, das Begleitbuch zu Cornelia Funkes Reckless-Saga, lässt allerdings andere Begleitbücher im Vergleich echt blass aussehen – zumindest, was die Aufmachung betrifft. Die Fotos, die ich hier im Artikel eingebunden habe, sprechen da ja sicher für sich.

Spiegelwelt 01

Die Reckless-Saga

Die Welt hinter dem Spiegel besuchte Cornelia Funke in ihrem Roman „Reckless – Steinernes Fleisch“ (2010). Wie ihr Vater vor ihnen fanden die Brüder Jacob und Will aus dem New York unserer Zeit einen Weg durch einen verzauberten Spiegel in ein magisches Reich, in dem Märchen wahr sind. Ein Reich allerdings, das nicht im mittelalterlichen Dornröschenschlaf liegt, sondern die gerade das Zeitalter der Industrialisierung erlebt: Eisenbahnen ziehen durch’s Land und die militärisch organisierten Goyls, steinerne Menschen, planen die alten Monarchien des verzauberten Europas zu entthronen. Hexen gieren nach Kinderfleisch, Wassermänner entführen schöne Jungfrauen und Feen weben dunkle Zauber.

Was bietet das Buch inhaltlich?

Neben den eingangs erwähnten, wunderschön gestalteten Postkarten und augenzwinkernden Begleitzettelchen (von Visitenkarten bis zu einem Backrezept für Pudding vom Kindertalg) ist das Herzstück der prächtigen kleinen Ausgabe allerdings das lebende Buch. Es enthält farbige Landkarten der Spiegelwelt, ein „Compendium wundersamer und höchst gefährlicher Pflanzen aus Austrien und Lothringen“ (von der Feenlilie bis zur Grabnelke), nach Augenzeugenberichten angefertigten Phantomzeichnungen von der Hand des berüchtigten Schneiders vom Schwarzwald, der sein Kleid aus der Haut von Menschen näht, Abbildungen von Feenmotten und ein bebildertes Handbuch unterschiedlicher Menschenfressergattungen.

Spiegelwelt 02
Vor allem aber enthält es eine handvoll neuer Geschichten aus der Spiegelwelt, geschrieben von der Autorin höchstselbst:

Die Kurzgeschichten

Die ersten vier Kurzgeschichten beleuchten Episoden aus dem Leben der Hauptfiguren, die chronologisch vor dem ersten Roman spielen:

In Der Spiegel erfahren wir, wie der Vater von Will und Jacob erstmals seinen Weg in die Spiegelwelt gefunden hat.

Der Schatzjäger beschreibt Jacobs Anfangszeit in der Spiegelwelt und seine erste Begegnung mit dem Schatzjäger Albert Chanute.

Wie Fuchs Jacob kennenlernte, erzählt die sehr kurze Geschichte Der Anfang.

Ein schlechter Vaterersatz greift das Abenteuer von Jacobs und Chanutes Kampf gegen einen Menschenfresser auf, das in den Romanen erwähnt wird.

Das sind nette kleine Geschichten, Schlaglichter eher, bei denen man sich über das Wiedersehen mit altbekannten Figuren freut.

Besonders angetan haben mich aber die märchenhaften Erzählungen, die das Büchlein komplettieren. In ihnen greift Cornelia Funke sozusagen Märchena us der Märchenwelt auf, beleuchtet den Hintergrund einiger der spannendsten Figuren der Saga und verzaubert damit auf ganzer Linie – nicht nur, weil sie die Geschichten teils wundervoll illustriert hat.

Die eine für die andere ist ein klassisches Kunstmärchen über einen König, der drei Töchter hat und einen Bauernsohn, der seine Schwester vor dem Wassermann retten will, der sie entführt hat. Sie ist mit die längste Erzählung im Band, wirklich wie ein Märchen geschrieben und erklärt, warum die Schätze eines Wassermanns einem alten Sprichwort nach jeden Wunsch erfüllen können.

Motten aus dem Tal der Feen ist ein Gedicht, das die Gefahr, die von diesen Tieren ausgeht, in poetische Worte giesst, Hoffnungen und Träume erzählt von der Verwandlung eines Menschenjungen in einen Goyl.

Wie der Schneider in den Schwarzen Wald kam ist die Hintergrundgeschichte des berühmten, gefürchteten Schneiders von Viena, den ich weiter oben bereits erwähnt habe. Eine Geschichte, die blutig ist, aber vor allem traurig.

Und besonders berührend und tragisch, aber auch dunkel und schrecklich ist die reich bebilderte, titellose Geschichte einer schwarzen Hexe, die ein Kind unter dem Herzen trägt und zwischen zwei Welten – der hellen und der dunklen – zu zerreissen droht.

Düster und morbid sind Cornelia Funkes Märchen, morbid und unendlich traurig und dadurch faszinierend schön. Für mich sind diese Erzählungen das Herzstück des Spiegelwelt-Buches, denn sie bleiben lange im Gedächtnis.

Ist das Buch nur etwas für Reckless-Fans?

Jein. Also eigentlich schon, denn Spiegelwelt ist eindeutig dazu da, den Hunger der Fans zu stillen, die sich in die Reckless-Welt verliebt haben.

Spiegelwelt 03
Andererseits ist die Schmuckausgabe auch inspirierend für Märchenfans und Freunde solch verspielter Quellenbände. Ich bin sicher, der eine oder andere Rollenspieler wird an den beiliegenden Materialien viel Freude finden und sich inspiriert fühlen.

Und im glücklichsten Fall verliebt er sich auch bei seinem ersten Besuch in Cornelia Funkes Märchenwelt. Glücklich deshalb, weil er problemlos zu den drei Romanen greifen kann, die bisher aus der Reihe erschienen sind.

Wer ein Liebhaber einfallsreich gestalteter Begleitbücher ist, die das Hintergrundwissen um eine fiktive Welt vertiefen und verspielt greifbar machen, kommt hier voll auf seine Kosten.

Ihr seid neugierig?

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Meine Rezension zum dritten Reckless-Roman: „Das goldene Garn

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